Im Schatten der großen Veränderung in Amerika wurde der kleine Durchbruch in Europa fast übersehen: Zwei Wochen vor der Inauguration   Barack Obamas (47) als Präsident der Vereinigen Staaten wurde in Rotterdam zu Beginn der Woche der marokkanisch-niederländische Doppelstaatler Ahmed Aboutaleb (47) in sein neues Amt als Oberbürgermeister der größten europäischen Hafenstadt eingeführt. Der erste moslemische Immigrant an der Spitze einer Metropole im christlichen Abendland: Das ist zwar, gemessen an den US-Dimensionen, nur ein kleiner Schritt. Aber für die Bürger hinter dem Deich ist es ein Satz nach vorn – und ein Signal für die übrigen EU-Länder.

Ein moslemisches Stadtoberhaupt mit "Migrationshintergrund" in Hamburg oder Kopenhagen, Marseille oder Wien, Barcelona oder Göteborg? Kühne Vorstellung. Für manche der Albtraum schlechthin, in den meisten Fällen aber kein Thema. Aber das ist ohnehin nicht das eigentlich Interessante an der Botschaft aus Rotterdam.

Wichtig ist, apropos "Yes, we can" , dass der Versuch der Grenzüberschreitung zumindest in Europas experimentierfreudigstem Land geklappt hat. Frei nach einem Spruch der 68er: "Integration ist machbar, Herr Nachbar." Und kann auch noch ein bisschen weiter gehen. Über den Sozialdemokraten Aboutaleb sagen sie im Nachbarland: Mit 47 OB in Rotterdam, das müsse nicht die letzte Station sein. Warum sollte der Mann nicht Ministerpräsident werden?

Zielbewusst, ehrgeizig und entscheidungsfreudig genug sei er allemal. Manche sagen auch: "Er ist autoritär." Gepaart mit Augenmaß hilft das in der Politik durchaus weiter. In zehn Jahren wäre er, mit 57, zumindest nach deutschen oder französischen Standards, als Ministerpräsident immer noch jung. Wenn man sich die Runde auf den EU-Chefkonferenzen ("Gipfel") so ansieht, wäre der Niederländer aus Marokko ohne Zweifel eine Bereicherung. Den Holländern, die bei Wahlen schon die tollsten wie die langweiligsten Ergebnisse produziert haben, kann man das schon zutrauen.

Neuerdings, auf Grund der gesteigerten nationalen und internationalen Aufmerksamkeit für seine Person, hat der Marokkaner ein bisschen Einblick in den sozialkulturellen Rahmen seiner Kindheit gewährt. Ein Fernsehteam filmte sein Dorf, Beni Sidel im marokkanischen Rif-Gebirge. Jetzt weiß man, das Haus, in dem der neue Rotterdamer Bürgermeister am 29. August 1961 zur Welt kam, 25 Tage nach der Geburt Barack Obamas in Honolulu, ist immer noch ohne Stromanschluss und ohne Wasserleitung, höhere Schulbildung kein Thema. Moderne Gesundheitsversorgung kennt man allenfalls vom Hörensagen. Staatliche Sozialleistungen sind unbekannt. Das tägliche Leben – ein Kampf gegen Mangel und Armut. Wer anders und besser leben will, muss weg. Wie Ahmed Aboutaleb.

Beni Sidel hat er im Alter von 15 Jahren gemeinsam mit der Familie Richtung Niederlande verlassen. Und wenn er hier nun, nachdem er sich hoch gearbeitet hat, über Sozialstaatsprobleme diskutiert oder den Einheimischen beim Wehklagen über ihre Lebensumstände zuhört, erinnert er sich an die Verhältnisse daheim. Der Vergleich führt dazu, dass ihm für die Beschwerden der europäischen Wohlstandsbürger oft das Verständnis fehlt.

Gegenüber den Holländern, die im politischen Alltag ihre Errungenschaften verteidigen wollen, ist das nicht immer fair. Es macht einen als Politiker auch nicht beliebt. Aber es hilft, das weit verbreitete Anspruchsdenken unserer Wohlstandsgesellschaften zu relativieren. Weniger Versorgung, mehr Selbstverantwortung ist seine Devise. Das ist auch in der holländischen Sozialdemokratie keine Selbstverständlichkeit.