Ernö Rubik "Für mich ist er ein Kunstwerk"

Der Erfinder des Zauberwürfels, Ernö Rubik, über die Rückkehr seines "Cube" und die wirklich wichtigen Erfolge im Leben

Als ZEITmagazin-Redakteur Matthias Stolz für seine Geschichte über die Rückkehr des Zauberwürfels den Erfinder Ernö Rubik für ein Interview anfragte, wollte dieser zunächst die Fragen sehen. Er werde er sich das Ganze dann überlegen. Schließlich lud Rubik Stolz zu sich nach Budapest ein. Noch bevor sie ihr Gespräch begannen, schob Rubik ihm vier DIN-A4-Seiten mit seinen Antworten über den Tisch. "Lesen Sie das mal, dann reden wir."

ZEIT ONLINE:
Seit vier oder fünf Jahren gibt es ein Revival des Zauberwürfels. Eine große Fangemeinde misst sich untereinander im "Schnell-Drehen" und sogar in der Musik und Mode findet man Anspielungen auf "Rubik's Cube". Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe für das Comeback Ihrer Erfindung?

Ernö Rubik: Die Geschichte der Menschheit ist keine gerade Linie, sie ist voller Kurven, Krümmungen und Wellen. Man muss also permanent innehalten und sich umsehen. Im Moment des Innehaltens blicken wir in die Vergangenheit zurück und entdecken sie neu. Das passiert regelmäßig in der Mode, der Architektur, dem Lifestyle und Design. Neue Generationen greifen gerne Elemente aus der Vergangenheit auf und entdecken neue Werte in ihnen, indem sie sie verändern und neu interpretieren. Ich denke, genau das ist mit dem Zauberwürfel passiert. So richtig in Mode gekommen ist er 1980 und etwa 2003 begann seine große Rückkehr. Das heißt aber nicht, dass der Zauberwürfel zwischen 1983 und 2000 tot war. Unter der Oberfläche war er weiter lebendig.

ZEIT ONLINE: Gibt es auch gesellschaftliche Gründe für das Comeback? Zum Beispiel, dass die Menschen gerne wieder echte – und nicht mehr nur virtuelle – Puzzles und Spiele spielen wollen?

Rubik:
Vielleicht. Die Geburtsstunde des Zauberwürfels fiel zusammen mit dem Beginn des Informationszeitalters. Leute nutzen immer häufiger Computer. Mit der rasanten Entwicklung von Technik, Geschwindigkeit und Rechnerleistung begann die computergenerierte, virtuelle Welt. Aber es gab "nichts Neues unter der Sonne". Ein Buch zu lesen, eine Theateraufführung zu besuchen oder in eine Ausstellung zu gehen, diente schon immer dazu, das Publikum in eine unwirkliche Welt zu führen. Der Unterschied ist jedoch die Austauschbarkeit. Die Gefahr besteht dann, wenn die virtuelle Welt realistischer scheint als die Wirklichkeit. Momentan fehlen dort vielleicht nur noch das Gefühl für die Bewegung der eigenen Hände und der Tastsinn.

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ZEIT ONLINE: Was ist wichtiger für Sie: Der Hype der frühen achtziger Jahre – oder das gegenwärtige Comeback?

Rubik:
Beide sind wichtig für mich, aber auf unterschiedliche Weise. Die größte Veränderung ist doch die, von null auf eins zu kommen, nicht von eins auf zwei. Das ist der Unterschied zwischen Qualität und Quantität.

ZEIT ONLINE: Im Moment beschäftigen sich vor allem zwei Gruppen junger Menschen mit dem Zauberwürfel: die sogenannten "Speedcuber", die sich im "Schnell-Drehen" messen, und Mathematiker, die versuchen, die "Gotteszahl" herauszufinden, die kleinste Zahl der Drehungen, mit der sich jeder beliebig verdrehte Würfel in die gelöste Stellung bringen lässt. Welche dieser beiden Entwicklungen betrachten Sie mit größerem Interesse?

Rubik: Ich bin kein wetteifernder Mensch, aber beide Seiten erscheinen mir bedeutend und interessant. Man muss kein Wettkämpfer sein, um an einem Wettbewerb teilnehmen und daran Gefallen zu finden. Und man muss kein Wissenschaftler sein, um sich für wissenschaftliche Entdeckungen zu interessieren. Ich bin mir sicher, dass es für denjenigen, der schließlich den Beweis für die Gotteszahl erbringt, wesentlich bedeutsamer ist, als es für mich sein wird.

ZEIT ONLINE: Manche Menschen denken, dass der Zauberwürfel ein ähnlich bedeutendes Spiel wie Schach sein könnte.

Rubik: Beide Spiele sind unterschiedlich. Schach ist die Königin aller strategischen Brettspiele. Zwei Spieler messen sich aneinander, ein Zug ist die Reaktion auf den Zug des Gegners. Beim Lösen des Zauberwürfels ist der Gegner die Natur, kein Mensch. Das Gesetz der Natur ist hier in einem Objekt verkörpert.

Ernö Rubik auf dem Höhepunkt des Würfel-Booms 1981

Ernö Rubik auf dem Höhepunkt des Würfel-Booms 1981

ZEIT ONLINE: Wie sehen Sie den Zauberwürfel heute: als Puzzle, als Spiel, als Sport – oder als weitaus mehr?

Rubik: Für mich ist der Zauberwürfel ein Kunstwerk. Er ist mehr als ein Objekt mit der Form eines Würfels aus Plastik, mehr als viele bunte Aufkleber, mehr als ein Puzzle und er ist sehr viel mehr als eine Spielerei. Wie viele andere Kunstwerke ist der Zauberwürfel mehr als er selbst. Obwohl er auf den ersten Blick sehr einfach aussieht, ist er tatsächlich ziemlich kompliziert und komplex zugleich. Dennoch: In seiner schönen Komplexität und trotz seiner Wandlungsfähigkeit bleibt er eine Einheit. Was mich auch heute noch interessiert, ist aber nicht mein Zauberwürfel als Objekt, sondern seine Beziehung zum Nutzer. Genauer gesagt: Millionen von Zauberwürfeln gegenüber Millionen von Nutzern.

ZEIT ONLINE: Hatten Sie, als der Hype um den Zauberwürfel Ende der achtziger Jahre endete, damals schon die Hoffnung, dass es ein Comeback geben würde?

Rubik:
Keine Hoffnung. Den Glauben daran. Ich sage das nicht in einem kommerziellen Sinne. Ich war sicher, dass der Würfel nie vergessen wird.

ZEIT ONLINE: Gab es Momente, in dem Sie dachten: Ich glaube, er ist wieder da?

Rubik: Ich konnte nur feine Veränderungen erkennen, von Tag zu Tag, Monat zu Monat, oder Jahr zu Jahr: steigende Verkaufszahlen, eine zunehmende Präsenz in den Medien, Wettbewerbe und viel mehr Suchtreffer im Internet.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet die Wiedergeburt des Zauberwürfels für Sie persönlich?

Rubik: Ich sehe seine Rückkehr als einen Beweis. Sie beweist, dass das, was ich getan habe, richtig war. Es beweist, dass ich ein gewöhnlicher Mann bin, dessen Gedanken, Gefühle und Reaktionen die gleichen sind wie die vieler Millionen Menschen auf der ganzen Welt, vor allem der Jungen und derjenigen Alten, die fähig sind, jung im Herzen zu bleiben. Wir möchten eine Herausforderung annehmen und das Ergebnis genießen.

ZEIT ONLINE: Sie sind 64 Jahre alt, Ihr halbes Leben haben Sie mit dem Zauberwürfel verbracht. Was schulden Sie ihm?

Rubik: Erfolg ist für uns alle wichtig. Für unser Selbstbewusstsein ist weniger die Größe des Erfolgs entscheidend, als vielmehr sein Fortbestand im Alltag. Kleine Erfolge, wie etwas pünktlich zu sein, den Bus zu erwischen, eine Prüfung zu bestehen, dem Hund einen neuen Trick beizubringen, einen sonnigen Tag zu erleben, etwas Schönes zu sehen.

ZEIT ONLINE: Was erträumen Sie sich für die Zukunft des Würfels?

Rubik: Offen gesagt bin ich kein Träumer. Ich habe keine Träume, weder im Schlaf noch im wachen Zustand. Ich bin sicher, der Zauberwürfel wird ewig leben.

Die Fragen stellte Matthias Stolz

 
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