Fussball-Presseschau Hoffenheim setzt auf Biomechanik
Ralf Rangnick erklärt die Vorzüge des neuen Techniktrainers, Uli Hoeneß spricht über seinen Nachfolger, in Cristiano Ronaldo sehen Englands Fans die verhasste Globalisierung, David Beckham landet im Altenheim Mailand. Eine Presseschau

© Jasper Juinen/Getty Images
Alles tanzt, trainiert und turnt nach seiner Pfeife: Ralf Rangnick
Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick gibt der SZ ein langes Interview, unter anderem über die Scharmützel mit den Bayern. Er erläutert die Aufgaben des neuen Techniktrainers Marcel Lucassen, der seinem Verteidiger Marvin Compper in Mönchengladbach das Flanken beigebracht habe (von Christian Ziege, nebenbei, hätte er es dort auch nicht lernen können): "Lucassen hat mit seinem biomechanisch geschulten Auge gemerkt, dass Marvins Bewegung nicht optimal war, weil er vor dem Flanken zu viel Boden traf. Das hatte ihm noch nie jemand gesagt. Lucassen entwickelte Übungsformen. Heute kann Marvin flanken.“
Die Mannschaft weiterentwickeln und bloß nicht auf der Herbstmeisterschaft ausruhen, ist Rangnicks Motto. Auch die Schwächen Chinedu Obasis, die seiner Fußballsozialisation geschuldet sind, werde man mit Methode bearbeiten: "Uns ist aufgefallen, dass er volley fast jeden Ball perfekt verarbeitet, aber wenn er aus 16 Metern flach schießen soll, kommt oft nur ein Kullerball heraus. Ich habe ihn gefragt, wie er früher als kleiner Bub in Nigeria gekickt hat. Er sagte: Wir hatten zuhause nie vernünftige Rasenplätze, deshalb haben wir den Ball immer in der Luft gespielt. Da hatten wir des Rätsels Lösung. Aber es reicht nicht, dass wir das jetzt wissen. Ab sofort kann Obasi mit Lucassen daran arbeiten, sauberer zu schießen. Das sind kleine Elemente, von denen wir uns große Wirkung versprechen.“
Fußball ist eher ein Sport mit offenen Fertigkeiten, von Techniken kann im trainingswissenschaftlichen Sinne nur bedingt die Rede sein – im Gegensatz zum Speerwurf, aber auch Handball ist "standardisierter“. Alle Handlungen im Fußball vollziehen sich unter Gegner-, Zeit- und Raumdruck und sind situationsabhängig. Daher kann Techniktraining im Fußball nur kleine Erfolge erzielen, gerade bei Erwachsenen. Was nicht heißen soll, dass die Hoffenheimer es zu lassen haben. Jedenfalls sind solche Einblicke, wie sie Rangnick gewährt, selten. Zumal sie erstens eigentlich Betriebsgeheimnisse sind. Zweitens kommt bestimmt wieder jemand daher und wirft ihm "Besserwisserei“ vor.
Auch ein aufschlussreiches Detail: Rangnick sagt, dass Marvin Compper ihm von Lucassen erzählt habe und, so heißt das wohl, an dessen Verpflichtung beteiligt gewesen sei.
Bayerns Manager Uli Hoeneß spricht mit der FAZ am Sonntag und mit breitester Brust darüber, was er macht, wenn er in einem Jahr als Manager zurückgetreten sein wird: "Ich gehe nicht in Pension. Ich werde weiterhin jedes Wochenende für unseren Erfolg da sein und die Geschicke des Vereins sehr aktiv bestimmen. Ich werde eng am Team sein.“
Das klingt nicht danach, dass hier einer seinen Platz räumt, sein Nachfolger wird es nicht leicht haben. Die folgenden Äußerungen Hoeneß’ lesen sich teilweise wie eine Drohung: "Ich werde jedem Nachfolger von mir, ob es ein erfahrener oder unerfahrener ist, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Derjenige, der zu den Bayern kommt, hat den irren Vorteil, dass im Hintergrund kein Uli Hoeneß auf ihn wartet, der darauf hofft, dass alles schiefgeht, damit sein Stern der vergangenen 30 Jahre kräftig weiterleuchtet.“ Ist das ein Gruß an Franz Beckenbauer?
Dass Jürgen Klinsmann Hoeneß’ Posten nach dem Modell Felix Magath in Wolfsburg gleich mit übernimmt, schließt Hoeneß aus: "Die Doppelbelastung als Trainer und Manager ist nicht einfach zu bewältigen. Deshalb wird dies bei Bayern sicherlich keine Lösung sein. Einen Trainer und Manager Klinsmann wird es nicht geben.“
Raphael Honigstein (FR) will festgestellt haben, dass die Stimmung in Englands Stadien in Zeiten der Finanzkrise umgeschlagen sei. Die Pfiffe und Gesänge gegen Cristiano Ronaldo (beim 3:0 Manchester Uniteds gegen Chelsea) seien härter und giftiger als sonst gewesen: "An der Basis überwiegt das Unbehagen, weil der Popstar dem englischen Fußball so ungeniert den Spiegel vorhält. Aus der Blut-Schweiß-und-Tränen-Liga der ehrlich kämpfenden Kollektive ist eine Cristiano-Ronaldo-Liga geworden; ein vom Eigentümer bis zum Zeugwart durchglobalisierter Unterhaltungswettbewerb, wo fremde, gerissene Trickser mit körperlosem Spiel gegen die wenigen verbliebenen Einheimischen reüssieren dürfen. Der Erfolg ließ die Fans die Entfremdung ertragen, die Rezession bringt den Schmerz zurück.“
Chelsea-Fans sollen "You should have died in the tunnel" gesungen haben. Ronaldo fuhr zuvor seinen neuen Ferrari zu Schrott. Hier ist der Youtube-Link zum Sky-Bericht über den Unfall, aus dem ersichtlich wird, dass es wohl nur Ronaldos Drittwagen war.
Tom Mustroph (FR) pfeift auf David Beckham, der beim 2:2 gegen AS Rom 89 Minuten für Milan sein Debüt gegeben hat: "Milan wäre das geeignete Altenheim für den 33-Jährigen. Leistung wird nur noch in Maßen gefordert. Hauptsache, die Einschaltquoten stimmen und die Schlagzeilen werden beherrscht. Würde Pelé noch spielen, Berlusconi würde ihn engagieren und Ancelotti ihn aufstellen.“
- Datum 08.05.2009 - 15:56 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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