Gaza-Krieg Hass im Herzen

Wie Palästinenser in Deutschland den Krieg im Gaza-Streifen sehen und weshalb auch sie sich ohnmächtig fühlen. Gespräch mit einem aus Gaza eingewanderten Arzt

„Sie müssen uns schon alle umbringen“, sagt Hazem el Sabassy. „Solange wir leben, werden wir Widerstand leisten.“ Wir, damit meint der Arzt aus Gaza, der an einer Klinik in Lemgo arbeitet, das „palästinensische Volk“; sie, das sind für ihn die Israelis oder „die Zionisten“, wie er sagt. Der Gaza-Streifen, seine Heimat, sei inzwischen „eine neue Form von Konzentrationslager“. Ein „langsames Sterben und Quälen“ betreibe Israel, „um uns mürbe zu machen und jede Lösung aufzuzwingen“.

Sabassys Augen funkeln. Draußen, vor dem Klinikfenster, zwitschern ein paar Vögel, zwei Pfleger rauchen eine Zigarette im verschneiten Park. Die Stimmung wirkt friedlich.

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Ganz anders als die Worte des palästinensischen Neurologen. „Israel ist wie ein Krebsgeschwür im Nahen Osten, das wild um sich schießt“, sagt er in einem schiefen Bild. Darf man so etwas zitieren, oder sollte ich mich jetzt freundlich verabschieden – mangels Diskussionsgrundlage?

Hazem Sabassy will sich nicht einfügen in die uns Deutschen inhärente Friedensromantik. Er eignet sich nicht für eine Rühr- und Tränengeschichte. Fragen schießen durch den Kopf: Darf man das, was er sagt, aufschreiben in Deutschland, als Deutscher, als jemand, dessen Großvater einst Vergleichbares sagte, der schwieg zur Ausrottung des europäischen Judentums? Darf man zulassen, wenn einer heute von „jüdischem KZ“, von Israel als "Krebsgeschwür" spricht? Macht man da nicht gemeinsame Sache mit unbelehrbaren, verblendeten Fanatikern? Ist es nicht Wasser auf die Mühlen der Rechten?

Oder andersherum: Diskreditiere ich ihn nicht, wenn ich ihn zitiere? Muss ich ihn vor sich selbst schützen?

Es bleibt keine Zeit zum Nachdenken. „Reden wir über den Völkermord an den Palästinensern“, sagt Sabassy und bringt zwei Tassen Kaffee. Gut, denke ich, man muss den Hass vielleicht  verstehen, es ist seine Heimat, die seit Tagen im Kreuzfeuer der israelischen Militärmaschinerie liegt, da fällt die inneren Distanz schwer.

Vielleicht ist es auch einfach sein Temperament, das mit ihm durchbrennt, vielleicht hat er nicht nachgedacht über die Tragweite seines Vergleichs. Doch Sabassy meint, was er sagt – und das macht es kompliziert. Die NPD würde jubeln über seine Statements, aber Sabassy freut sich nicht über Applaus von rechtsaußen. Mit denen will er nichts zu tun haben. 

Im Radio werden die neuesten Opferzahlen gemeldet. Die Bilder verletzter  Frauen und Kinder kann er nicht sehen hier im Dienstzimmer, vielleicht ist das auch gut so. Es ist auch ein Krieg der Bilder, den Israel auch bei uns längst verloren hat. Die Sympathie für die Palästinenser als „Opfer“ ist groß, aber was tun, wenn die Opfer ihre Unschuld verlieren?

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