Nahost Lehren aus dem ersten Libanon-Krieg
Israels Regierung überlegt zwei Strategien: Entweder die Besetzung des Grenz-Korridors zum Sinai oder eine große Offensive mit dem Ziel, die Hamas-Führung zu stürzen

© YOAV LEMMER/AFP/Getty Images
Nach einem israelischen Luftangriff: Rauch hinter einer Moschee im nördlichen Gaza-Streifen, Dienstag, 13. Januar
Der israelische Sicherheitsexperte Yossi Alpher war Direktor des Jaffee Center for Strategic Studies an der Tel Aviv Universität und ist Mitherausgeber des Nahost-Internetdialogs bitterlemons.org.
Israels Operation Gegossenes Blei erlebte am 7. Januar ihren "Kana-Moment": Ungefähr 40 Zivilisten wurden getötet, als Israel versehentlich eine Schule der Vereinten Nationen angriff, in der die Menschen Schutz gesucht hatten. Der Vorfall erinnerte an die vielen zivilen Todesopfer der israelischen Streitkräfte in Kafr Kana in Süd-Libanon im Jahr 1996 und erneut im Jahr 2006. In beiden Fällen veränderte die Tragödie die Art und Weise des Krieges, den Israel gegen die Hisbollah führte.
Die unbeabsichtigten Todesopfer der letzten Woche in den Randgebieten von Gaza-Stadt waren unausweichlich: Israel kämpft gegen eine Guerilla-Bewegung, die auf zynische Weise die dicht gedrängt lebende Zivilbevölkerung in den überfüllten städtischen Gebieten bis zum Äußersten ausnutzt. Wenn Israel seine Offensive in dieser Umgebung ausweitet, werden weitere solcher Tragödien unausweichlich sein, genauso wie es, durch die gleichen Faktoren begünstigt, mehr Todesfälle auf Seiten der israelischen Streitkräfte durch friendly fire geben wird.
Der "Kana-Moment” dieses Krieges hat seine diplomatische Phase bereits beschleunigt. Dennoch, die Diplomatie hat bis zum jetzigen Zeitpunkt nichts gebracht. Die diplomatische Phase begann mit den Besuchen europäischer Staatschefs Anfang letzter Woche und erreichte, bis jetzt, ihren Höhepunkt in dem Beschluss Nr. 1860 des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen vom 8. Januar. Die Europäer kamen in zwei verschiedenen Delegationen und begannen schnell damit, sich gegenseitig und untereinander zu widersprechen.
Sowohl Hamas als auch Israel lehnten die Forderung der Vereinten Nationen nach einer Waffenpause ab, während Ägypten sich wenig enthusiastisch von den Angeboten zeigt, amerikanische oder europäische Truppen auf seiner Seite der Grenze zwischen Gaza und Sinai aufstellen zu lassen, um so den Waffenschmuggel der Hamas zu unterbinden. Und seit dem 9. Januar wird der palästinensische Präsident Mahmud Abbas als rechtmäßiger Amtsinhaber von Hamas nicht mehr anerkannt, woraus sich schließen lässt, dass seine Regierungszeit beendet ist. Damit wird jegliche Restbefugnis beschränkt, die er möglicherweise noch innehatte, um im Namen aller Palästinenser zu verhandeln oder zu agieren.
Trotzdem geht die diplomatische Phase weiter. Parallel dazu denkt die israelische Führung darüber nach, die Kriegsanstrengungen in zwei mögliche Richtungen auszudehnen. Eine davon ist die Wiederbesetzung der Philadelphi-Passage auf der Gaza-Seite der Grenze zwischen Gaza und Sinai. Dies wäre ein Schritt dahin, Hamas am Schmuggel von Waffen durch die Tunnel unter der Philadelphi-Passage zu hindern. Aber offensichtlich muss ein solcher Schritt mit Ägypten abgestimmt werden und verzögert sich deshalb.
- Datum 07.05.2009 - 13:49 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Serie opi
- Quelle ZEIT ONLINE
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







