Das Phänomen Daniel Kehlmann entbehrt ja nicht einer gewissen Komik. Der Trubel begann vor vier Jahren, da erschien sein Roman Die Vermessung der Welt, und es entspann sich eine gigantische und nicht richtig erklärbare Erfolgsgeschichte. Außer Frage steht, dass Kehlmann trotz seines Alters – er ist vor ein paar Tagen 34 geworden – bereits in verschiedenen Romanen bewiesen hat, dass er ein äußerst professioneller Erzähler ist, er nicht nur seinen Stoff beherrscht, sondern diesen auch handwerklich makellos zu arrangieren weiß.

Dass aber, wenn es um Kehlmann geht, fast immer über Klugheit, Gerechtigkeit oder Bescheidenheit gesprochen wird, riecht so sehr nach biederer protestantischer Ethik, dass man sich das Lachen wirklich streng versagen muss. Wie immer bei solchen Phänomenen erzählt das alles natürlich viel mehr über diejenigen, die dazu beigetragen haben, als über Kehlmann selbst.

Wohl auch deshalb bat er vor dem Erscheinen seines neuen Romans darum, sich doch bitte mit dem Text und nicht mit dem Autor auseinanderzusetzen. Der doppelte Boden dieser Bitte besteht allerdings darin, dass Kehlmann sich vorher wie kaum ein anderer als Autor dieses Textes ins Spiel gebracht hat.

Es fängt schon beim Titel an: Ruhm heißt das neue Buch. Das ist zwar unbestritten genauso komisch wie wunderbar ironisch, schreit aber natürlich nach einer Verbindung zu Kehlmanns Erfolgen der Vergangenheit. Hinzu kommt, dass einer der Protagonisten des Buches der Schriftsteller Leo Richter ist, der sich als gelangweilter Promi durch die offiziellen Stehbierhallen des Literaturbetriebs schleppt.

In einem ausführlichen Interview mit der FAZ machte Kehlmann sich gar vorab zum Hermeneuten des eigenen Textes. Dass dieser "Roman in neun Geschichten" das Avancierteste sei, was er je geschrieben habe, erfährt hier der, der es nicht selbst herauslesen kann. Auch, welche der Geschichten die beste ist und wie all das auf den ziemlich genau 200 Seiten Erzählte miteinander zusammenhängt.

Man muss also ganz schön viel wegblenden, wenn man sich – wie vom Autor vermeintlich gewünscht – nur mit dem Text auseinandersetzen will. Tut man das, hat man es zunächst mit neun Erzählungen zu schaffen, die inhaltlich dadurch miteinander verknüpft sind, dass dieselben Figuren in verschiedenen Episoden auftreten. Ein altbekanntes Prinzip, über das zuletzt Mitte der neunziger Jahre anlässlich von Ingo Schulzes Simple Storys ausführlich gesprochen worden ist.

Gemeinsam ist Kehlmanns Geschichten auch, dass sie alle um das Wechselspiel von Realität und Fiktion kreisen. Die Gewissheit der eigenen Identität zählt genauso dazu wie das Verhältnis von Wirklichkeit und Literatur. So ist es in der ersten Geschichte ein einfacher Computertechniker, der sich für einige Tage einbilden kann, berühmt und begehrt zu sein – sein neues Handy hat man versehentlich mit der Nummer eines Filmstars programmiert. Dieser wiederum fällt in einer Art Spiegelgeschichte aus allen Wolken und Lebenszusammenhängen, als nicht nur sein Handy nicht mehr klingelt, sondern ein professionelles Double den Platz in seiner Villa eingenommen hat.

In anderen Geschichten ist es besagter Erfolgsschriftsteller Richter, der darüber sinniert, welche Rolle dem Faktischen in seinen Fiktionen zukommt. Einmal (in der Geschichte übrigens, die Kehlmann seine beste nennt) will sogar eine literarische Figur über das ihr zugedachte Schicksal mit dem Autor, in diesem Fall Leo Richter, diskutieren. Das liest sich in etwa so, als würde man im Sekundentakt auf Alufolie beißen.

Neben der Kritik an Technisierung und Medialisierung, die fast alle Geschichten grundiert, kann man Ruhm gar nicht anders lesen als ein programmatisches und poetologisches Buch, in dem Kehlmann noch einmal klarstellt, dass er ein Autor ist, dem es ums Ästhetische geht, um den spielerischen und zugleich souveränen Umgang mit Text. Nicht etwa um das faktisch korrekte Nacherzählen von Wirklichkeit, denn ein Realist war er ja noch nie.

Wer es immer noch nicht verstanden hat: Auch Die Vermessung der Welt folgt diesem Prinzip und ist kein historischer Roman. Dieses Genre finde man ja schließlich im Regal mit der Trivialliteratur. Sagt zumindest Kehlmann.

Das Buch nach dem Erfolgsbuch ist immer das schwerste. Nicht wenige sind daran gescheitert. Es spricht für die Professionalität Kehlmanns, dass er wenige Jahre nach seinem, Entschuldigung, Megaseller ein anständig gebautes, unaufgeregtes Buch vorgelegt hat, ein spiegelglattes Designmöbelstück. Eine Sache aber fällt darin komplett aus: Humor. Keine Spur. Während Die Vermessung der Welt gerade hierfür gefeiert wurde, ist Kehlmanns Buch über das Schreiben so bierernst, dass es den Anschein hat, als habe der Autor all seine Disziplin aufwenden müssen, um nicht aus der Form zu fallen. Ach Mensch. Wär er doch mal!

Das wäre vielleicht weder klug, noch gerecht noch bescheiden gewesen. Aber man hätte zumindest das Gefühl gehabt, dass es hier jemanden wirklich umtreibt, etwas zu erzählen. Und ist das nicht so etwas wie eine Grundbedingung von Literatur, die nicht nur innerhalb der Grenzen und Fristen des je aktuellen Literaturbetriebs gelten soll? Die Frage mag jetzt übrigens komisch finden, wer will.

Daniel Kehlmann: Ruhm

Ein Roman in neun Geschichten; Rowohlt Verlag, Reinbek 2009; 224 S., 18,90 €