Nahost-Konflikt Zeichenweise Kriegsberichte
In Netzwerken wie Facebook berichten Studenten aus dem Gaza-Streifen über ihre Erlebnisse im Krieg – wenn es Strom gibt

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Auf Facebook formieren sich verschiedene Gruppen von Protestlern gegen den Krieg
Meistens bleibt nur Warten. Warten darauf, dass es in Gaza endlich wieder Strom gibt, dass Telefone und Computer funktionieren. Dann kann Nidal Bulbul, 24, endlich wieder versuchen, Kontakt zu seiner Familie und zu seinen Freunden aufzunehmen. Wenn es Strom gibt, dann meist nur für kurze Zeit, aber für schlechte Nachrichten reicht es. Ein Cousin und drei weitere von Nidals Verwandten sind seit Beginn der israelischen Militäroffensive im Gaza-Streifen ums Leben gekommen. „Ruhet in Frieden“ hat er wenige Minuten später in sein Facebook-Profil eingetragen. Alle Neuigkeiten aus Gaza verbreitet er dort sofort weiter.
So vieles hat Nidal in Gaza schon verloren: seine Freundin, Angehörige, Freunde. Bei einer Schießerei vor etwa einem Jahr wurde er selbst verletzt und verlor sein rechtes Bein. Die Hoffnung auf Besserung und Frieden hat er trotzdem nie aufgegeben, und das Internet hat ihm dabei immer geholfen. Schon als er in Gaza Stadt noch Medienproduktion studierte, war das Internet für ihn eine der wenigen Verbindungen zur Außenwelt. „Ich war der erste Mensch aus Gaza bei Facebook, darauf bin ich sehr stolz.“
Nach seinem Studium arbeitete Nidal für eine internationale Nachrichtenagentur und schaffte es schließlich, zu fliehen. Inzwischen lebt er in Jerusalem. Nicht einmal 100 Kilometer trennen ihn von seiner Familie in Gaza, wo Bomben fallen und die Lebensmittelgeschäfte leer sind. Seine Mutter hat er seit über einem Jahr, seit die Grenzen geschlossen wurden, nicht mehr gesehen.
Nidal Bulbul hält bei Facebook Kontakt zu Freunden und Bekannten in aller Welt
Täglich wartet er seitdem auf Anrufe oder E-Mails aus dem Gaza-Streifen. Erfährt er etwas Neues, postet er es sofort. „Ich benutze Facebook eigentlich die ganze Zeit, Tag und Nacht“, sagt Nidal. „So kommuniziere ich mit meinen Freunden und Kollegen auf der ganzen Welt. Ich informiere sie und sie informieren mich.“ Zwischen Weihnachten und Neujahr, als die israelische Militäroffensive begann, schrieben seine Freunde und Kollegen aus aller Welt noch über ihr besinnliches Weihnachtsfest, über Geschenke, das üppige Essen und die vielen Partys. Nidal informierte dagegen beinahe stündlich über das, was er aus dem Gaza-Streifen hörte. Und wo andere von ihren Profilfotos herunterlächeln oder mit einem Glas Sekt auf das neue Jahr anstoßen, steht bei ihm zu lesen: „Gaza: Peace or Pieces“.
„Mittlerweile benutzen fast alle meiner Freunde bei Facebook ihr Profil-Bild, um Gaza zu unterstützen, das ist mir sehr wichtig.“ Die Bilder zeigen im Konflikt gestorbene Angehörige oder Freunde, palästinensische Flaggen, Jassir Arafat oder tragen Spruchbänder: „Nur freie Menschen können verhandeln“ oder „Palestine – dying to live“.
Wie Nidal benutzen auch viele andere Studenten aus dem Gaza-Streifen das Internet, um ihre Informationen weiterzugeben: bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken, auf YouTube, Twitter und in zahlreichen Blogs wie beispielsweise mideastyouth.com oder globalvoicesonline.org. Die wenigsten von ihnen befinden sich allerdings immer noch in Gaza, denn dort reicht der Strom meist nur für das allernötigste und das öffentliche Leben liegt lahm. Auch Schulen und Universitäten sind mittlerweile geschlossen. Die Islamische Universität in Gaza Stadt wurde am 29. Dezember von mehreren Bomben getroffen. Die Al-Azhar Universität hat ihre Website, auf der vor wenigen Tagen noch die Abschlussprüfungen Anfang Januar angekündigt wurden, inzwischen vom Netz genommen. „Das öffentliche Leben in Gaza findet nicht mehr statt“, sagt Nidal, „die Menschen können noch nicht einmal auf die Straße gehen, um den Verwundeten zu helfen.“
So stammen die meisten der Berichte aus zweiter Hand. Und viele sind ideologisch stark aufgeladen. „Israel kennt überhaupt keine roten Linien und fühlt sich außerhalb jedes humanitären oder internationalen Gesetzes“, schreibt beispielsweise Ramzy aus Gaza bei mideastyouth.com, oder: „Israel ist ein Killer-Staat.“ Und auch Nidal bezieht im Internet natürlich Stellung. „Die Israelis nennen den Krieg ‚Operation’, als ob sie damit eine kranke Person heilen, das kann ich einfach nicht verstehen. Wir Palästinenser wollen Freiheit – oder den Tod.“
Mit sehr viel Vorsicht müssen solche Berichte dann auch behandelt werden, sagt die Geschichtsprofessorin Ute Daniel von der Technischen Universität Braunschweig, die über Kriegsberichterstattung vom 18. bis zum 21. Jahrhundert geforscht hat. „Hier berichtet eine völlig dezentralisierte und unkontrollierbare Gruppe von Menschen, die von jedem PC mit Internetanschluss aus ihre Meinung verbreiten kann“, urteilt die Historikerin. „Einerseits ist das interessant und neu und vervielfältigt die Quellen, aber in der Wirkung ist es ambivalent. Niemand kann das alles lesen. Der Äther füllt sich mit Unmengen von einzelnen Stimmen, die dann wieder verklingen."
Außerdem sei die Bloggerszene oft Teil der Propagandamaschinerie. „Ob da einer von sich aus berichtet oder für die eine oder andere Seite – niemand kann das unterscheiden.“ Als einzige Informationsquelle seien die Berichte im Netz folglich nicht zu gebrauchen. Der Medienwissenschaftler Martin Löffelholz von der Technischen Universität Ilmenau sieht das genauso. „Diese Angebote liefern eben nicht, wie manche Internet-Euphoriker behaupten, eine authentischere Kriegsberichterstattung. Kernprobleme bleiben Unüberschaubarkeit, Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit.“ Allerdings biete das Internet den Betroffenen eben die Möglichkeit, ihre Erlebnisse zu verarbeiten.
Und in den Berichten finden sich auch immer wieder kleine Geschichten, die mitunter auch von freundschaftlichen Verbindungen zwischen Israelis und Palästinensern berichten. So stammte eine der ersten Beileidsbekundungen auf den Tod von Nidals Cousin im Internet von einem israelischen Bekannten: „Mein Freund, diese Tragödie tut mir furchtbar leid.“
- Datum 16.01.2009 - 10:23 Uhr
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