Nahost-Konflikt Zeichenweise KriegsberichteSeite 2/2
Wie Nidal benutzen auch viele andere Studenten aus dem Gaza-Streifen das Internet, um ihre Informationen weiterzugeben: bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken, auf YouTube, Twitter und in zahlreichen Blogs wie beispielsweise mideastyouth.com oder globalvoicesonline.org. Die wenigsten von ihnen befinden sich allerdings immer noch in Gaza, denn dort reicht der Strom meist nur für das allernötigste und das öffentliche Leben liegt lahm. Auch Schulen und Universitäten sind mittlerweile geschlossen. Die Islamische Universität in Gaza Stadt wurde am 29. Dezember von mehreren Bomben getroffen. Die Al-Azhar Universität hat ihre Website, auf der vor wenigen Tagen noch die Abschlussprüfungen Anfang Januar angekündigt wurden, inzwischen vom Netz genommen. „Das öffentliche Leben in Gaza findet nicht mehr statt“, sagt Nidal, „die Menschen können noch nicht einmal auf die Straße gehen, um den Verwundeten zu helfen.“
So stammen die meisten der Berichte aus zweiter Hand. Und viele sind ideologisch stark aufgeladen. „Israel kennt überhaupt keine roten Linien und fühlt sich außerhalb jedes humanitären oder internationalen Gesetzes“, schreibt beispielsweise Ramzy aus Gaza bei mideastyouth.com, oder: „Israel ist ein Killer-Staat.“ Und auch Nidal bezieht im Internet natürlich Stellung. „Die Israelis nennen den Krieg ‚Operation’, als ob sie damit eine kranke Person heilen, das kann ich einfach nicht verstehen. Wir Palästinenser wollen Freiheit – oder den Tod.“
Mit sehr viel Vorsicht müssen solche Berichte dann auch behandelt werden, sagt die Geschichtsprofessorin Ute Daniel von der Technischen Universität Braunschweig, die über Kriegsberichterstattung vom 18. bis zum 21. Jahrhundert geforscht hat. „Hier berichtet eine völlig dezentralisierte und unkontrollierbare Gruppe von Menschen, die von jedem PC mit Internetanschluss aus ihre Meinung verbreiten kann“, urteilt die Historikerin. „Einerseits ist das interessant und neu und vervielfältigt die Quellen, aber in der Wirkung ist es ambivalent. Niemand kann das alles lesen. Der Äther füllt sich mit Unmengen von einzelnen Stimmen, die dann wieder verklingen."
Außerdem sei die Bloggerszene oft Teil der Propagandamaschinerie. „Ob da einer von sich aus berichtet oder für die eine oder andere Seite – niemand kann das unterscheiden.“ Als einzige Informationsquelle seien die Berichte im Netz folglich nicht zu gebrauchen. Der Medienwissenschaftler Martin Löffelholz von der Technischen Universität Ilmenau sieht das genauso. „Diese Angebote liefern eben nicht, wie manche Internet-Euphoriker behaupten, eine authentischere Kriegsberichterstattung. Kernprobleme bleiben Unüberschaubarkeit, Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit.“ Allerdings biete das Internet den Betroffenen eben die Möglichkeit, ihre Erlebnisse zu verarbeiten.
Und in den Berichten finden sich auch immer wieder kleine Geschichten, die mitunter auch von freundschaftlichen Verbindungen zwischen Israelis und Palästinensern berichten. So stammte eine der ersten Beileidsbekundungen auf den Tod von Nidals Cousin im Internet von einem israelischen Bekannten: „Mein Freund, diese Tragödie tut mir furchtbar leid.“
- Datum 16.01.2009 - 10:23 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







