Barrierefrei Reisen Markt der Zukunft
Behindertengerechtem Reisen kommt in unserer alternden Gesellschaft immer größere Bedeutung zu. Das Konzept dazu steht, doch in der Umsetzung hapert es oft noch. Auftakt unserer Reihe zum Thema "Reisen mit Handicap"
Die Zahlen sprechen für sich: Acht Prozent der Deutschen, 6,7 Millionen Menschen, leben mit einer Behinderung, rund 20 Prozent der Bevölkerung gelten nach Einschätzung der Nationalen Koordinierungsstelle Tourismus für Alle (NatKo), die sich mit barrierefreiem Reisen befasst, als in ihrer Mobilität eingeschränkt. Der Alltag der Betroffenen ist voller Stolpersteine, und das ist beim Thema Urlaub nicht anders. Unbeschwert und spontan verreisen zu können, ist für Menschen mit Handicap selten möglich. Noch immer gibt es zu viele Hindernisse zu überwinden, angefangen bei der Suche nach einer geeigneten Unterkunft, einem behindertengerechten Verkehrsmittel oder erreich- und nutzbaren Kultur- und Ausflugsangeboten.
Immerhin hat sich seit dem Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes (2002) und dem Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen (2003) schon einiges getan. Aufgezeigt wurden damals auch erstmals die großen Steigerungspotenziale und Marktchancen eines entsprechend ausgerichteten Tourismus’ in Deutschland. Denn aufgrund des demografischen Wandels unserer Gesellschaft wird barrierefreies Reisen ein immer wichtigeres Kriterium. Bereits im Jahr 2010 wird jeder vierte Deutsche über 60 Jahre alt sein, 2030 jeder dritte. Und ein Großteil der reiselustigen Best Ager wird Wert auf barrierefreie Urlaube legen.
Barrierefreiheit könnte sogar ein wesentliches Qualitätsmerkmal und ein Imagefaktor im Deutschland-Tourismus werden – wenn er nicht ausschließlich als spezielles Behinderten- bzw. Seniorensegment behandelt wird. "Tourismus für alle" lautet deshalb die Zauberformel, gemäß der Erkenntnis, dass Barrierefreiheit für viele Menschen notwendig – und für alle komfortabel ist. Denn auch Reisende mit Kinderwagen oder kleinen Kindern und Urlauber mit schwerem Gepäck profitieren von geräumigen Zimmern und Aufzügen, breiten Türen oder Zufahrtswegen ohne Unebenheiten. Mehr Komfort, mehr Bequemlichkeit und eine gute und zuverlässige Organisation bedeuten eine bessere Reisequalität für alle, befindet auch der Deutsche Tourismusverband (DTV).
Viele beispielhafte Reiseangebote sind unterdessen geschaffen worden: vom Stadtrundgang für Blinde und Sehbehinderte in Erfurt bis zu tastbaren Relieflandkarten plus Audioguide für den Rundgang mit allen Sinnen auf Hallig Hooge, von ausleihbaren Strandrollstühlen auf Langeoog bis zu barrierefrei ausgebauten Wanderwegen in der Eifel oder rollstuhlgerechten Hausboottouren im Ruppiner Land.
Die Bereitstellung einzelner Angebote allein reicht aber nicht aus, ebenso wenig wie die reine Beseitigung baulicher Hürden. Barrierefreies Reisen muss, wenn es erfolgreich funktionieren soll, die gesamte touristische Servicekette umfassen. Das fängt bei der Bereitstellung zuverlässiger Informationen an, etwa über vorhandene Verkehrs- und Kommunikationsmittel, über Unterkunfts-, An- und Abreisemöglichkeiten sowie über die Fortbewegungsmöglichkeiten am Urlaubsort. Es betrifft Kultur-, Freizeit-, Sportangebote genauso wie den Service und die zur Verfügung stehenden Hilfsmittel vor Ort. Bereits 2003 kam eine Studie zu diesem Ergebnis.
Sechs Jahre später besteht genau hier noch immer deutlich Handlungsbedarf, so jedenfalls lautet ein Ergebnis des aktuellen Berichts über Fortschritte und Ausbau des barrierefreien Tourismus in Deutschland. Demnach hat sich die Angebotspalette zwar enorm erweitert und bildet sich auch in Extra-Broschüren und Internetauftritten der Zielgebiete ab. Aber von Bundesland zu Bundesland sind deutliche Aktivitätsunterschiede festzustellen, weil bislang eine flächendeckende und strategische Planung und Umsetzung fehlt.
- Datum 23.01.2009 - 12:21 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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