Blue Note RecordsEine kostbare Blüte

Vor 70 Jahren gründete ein Berliner in New York die Plattenfirma Blue Note Records. Hier versammelten sich die Großen des Jazz – von John Coltrane über Herbie Hancock bis zu Norah Jones von Maxi Sickert

Ein weißer Bart umrahmt das 72-jährige Gesicht von Bruce Lundvall. An den Fingern trägt der Herr schwarze Siegelringe. Er ist der Chef von Blue Note Records mit Sitz in New York, außerdem Präsident der Abteilung Jazz and Classics beim Plattenkonzern EMI.

Vor 25 Jahren wurde er eingestellt, um dem 1979 von EMI aufgekauften Label Blue Note neues Leben einzuhauchen. Schon 1981 hatte man den Vertrag des letzten noch verbliebenen Künstlers aufgelöst, der Pianist Horace Silver war seit 1952 bei Blue Note unter Vertrag gewesen war. Sein Album Serenade To A Soul Sister mit der Aufnahme Psychedelic Sally war 1968 erschienen. Es markierte den Höhepunkt und zugleich das Ende des Soul-Jazz, während der Krieg in Vietnam tobte.

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Heute, im 70. Jahr nach der Gründung von Blue Note Records, fühlt es sich an, als würde man ein vergilbtes Fotoalbum öffnen, als würden die Bilder in der Erinnerung wieder scharf und farbig, als blätterte sich die Geschichte zurück. Hin zu der großen Zeit von Blue Note in den fünfziger und sechziger Jahren, als man mit dem Slogan "The Finest In Jazz Since 1939" warb. Und zu der ersten Aufnahme im Januar 1939, in einem New Yorker Winter, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs: Die beiden schwarzen Pianisten Meade "Lux" Lewis und Albert Ammons hatten gerade durch die Show From Spiritual to Swing in der Carnegie Hall das Boogie-Woogie-Fieber ausgelöst.

Es war die Energie in diesen Klängen, die den jungen, aus Berlin emigrierten Jazzfan Alfred Löw, jetzt Lion, begeisterte. Seit seinem ersten Konzerterlebnis mit dem schwarzen Pianisten Sam Wooding in der Show Chocolate Kiddies 1925 in Berlin wollte er sein Leben dieser Musik widmen. Und ihrem Kampf um Gleichberechtigung und Anerkennung von Minderheiten. So gründete er das legendäre Jazzlabel.

In einer der ersten Werbebroschüren seiner Firma veröffentlichte er ein persönliches Manifest, in dem er den Jazz zur Kunst- und Gesellschaftsform erhob und seine Mission darin sah, die Entwicklung des Hot Jazz and Swing zu dokumentieren. Dazu zahlte er den Musikern auch die Probentage vor den Aufnahmen und besetzte die Stelle des Künstler-Managers mit dem schwarzen Tenorsaxofonisten Ike Quebec.

Nachdem 1939 seinem Freund Frank "Francis" Wolff auf einem der letzten Passagierschiffe die Flucht aus Berlin nach New York gelungen war, nahmen sie einige Monate später gemeinsam den ersten Hit für Blue Note auf, Sidney Bechets Instrumentalversion von Summertime aus dem Gershwin-Musical Porgy & Bess.

Doch auf das junge Label kamen schwere Zeiten zu, als die USA 1941 in den Zweiten Weltkrieg eintraten. Es gab erhöhte Steuern für die Unterhaltungsindustrie und Rohstoffe wurden knapp. So auch Schellack, der zur Plattenherstellung gebraucht wurde. Dazu kam 1942 der Streik der Musikergewerkschaft, der Instrumentalmusikern ein Aufnahmeverbot über mehrere Jahre einbrachte und damit der Ära von Bigband-Jazz und Swing ein Ende setzte.

Leserkommentare
  1. Woran machen Sie bitte fest, daß der Soul Jazz 1968 am Ende war? Der ging da doch erst richtig los. Ronnie Laws, Donald Byrd und Bobbie Humphrey fallen mir da ad hoc aus dem Blue Note Katalog ein. CTI, STRATA EAST, TRIBE, KUDU, CBS und wie die label nicht alle heissen hatten massig Soul Jazz nach 1968.

    Und Psychedelic Sally von H. Silver ist zwar gut, aber mir gefällt Eddie Jeffersons Interpretation gefällt mir besser.

    Ansonsten interessanter Artikel.

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