Bauchspeicheldrüsenkrebs "Diese Krankheit braucht mehr Aufmerksamkeit"
Der Heidelberger Mediziner Markus Büchler fordert mehr Unterstützung im Kampf gegen das Pankreas-Karzinom. Ein Interview
ZEIT ONLINE:Herr Büchler, Sie beschäftigen sich seit rund 25 Jahren mit einem Organ, dessen Funktion nur wenige Menschen kennen – der Bauchspeicheldrüse. Allerdings wissen viele, dass Karzinome in der Bauchspeicheldrüse zu den aggressivsten Krebsarten überhaupt zählen. Warum ist dieser Krebs so gefährlich?
Markus Büchler: Die Bauchspeicheldrüse ist ein recht unscheinbares Organ. Im Alltag bekommen wir von ihrer Funktion wenig mit – und das, obwohl sie lebenswichtige Verdauungssekrete und Hormone bildet. Patienten mit einem Pankreas-Karzinom leiden meist erst dann an Symptomen wie Bauchschmerzen, Stoffwechselstörungen oder Verdauungsproblemen, wenn der Tumor bereits relativ groß ist. Hinzu kommt, dass die Tumore in der Bauchspeicheldrüse dazu neigen, früh zu metastasieren, also zu streuen. Bei einer Größe von nur einem Zentimeter, hat bereits die Hälfte der Pankreas-Karzinome Metastasen gebildet.
ZEIT ONLINE: Und was kann man tun, wenn ein Pankreas-Karzinom entdeckt wurde?
Büchler: Bei zehn bis 15 Prozent der Patienten kann der Tumor bei einer Operation entfernt werden. Diese Patienten überleben die nächsten fünf Jahre nach der Operation mit einer Wahrscheinlichkeit von knapp 30 Prozent. Im Vergleich zu anderen Krebsarten ist die Prognose für Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs recht schlecht. Um das zu verändern, ist es dringend notwendig, die Forschung auf diesem Gebiet zu fördern. Über Darm-, Prostata- und Brustkrebs wird heutzutage umfassend informiert. Es gibt Früherkennungsprogramme und große Studien. Bisher ist Bauchspeicheldrüsenkrebs mit rund 10.000 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland zwar noch eine recht seltene Krebsart. Doch in einer alternden Gesellschaft wird das Pankreas-Karzinom an Bedeutung zunehmen.
ZEIT ONLINE: Warum gibt es für Bauchspeicheldrüsenkrebs keine Reihenuntersuchung wie das Mammografie-Screening für Frauen oder den PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs?
Büchler: Leider gibt es noch keine geeignete Methode, ein Pankreas-Karzinom nachzuweisen. Alle Menschen prophylaktisch einer Computertomografie zu unterziehen, wäre einfach zu teuer und stünde nicht im Verhältnis zu möglichen Fehldiagnosen und zur Anzahl der tatsächlich geretteten Patienten. Für eine Reihenuntersuchung braucht man ein ganz bestimmtes Merkmal, das eine hohe Aussagekraft hat und mit einem einfachen Test zu untersuchen ist. Damit so etwas eines Tages möglich ist, forschen wir daran.
ZEIT ONLINE: Wann werden Patienten denn auf ein Bauchspeicheldrüsen-Karzinom untersucht?
Büchler: Häufig werden diese Karzinome zufällig bei anderen Untersuchungen gefunden. Aber es gibt auch bestimmte Risikogruppen, die regelmäßig zur Früherkennung kommen. Dazu gehören Patienten mit chronischer Pankreatitis und diejenigen, bei denen Zysten in der Bauchspeicheldrüse entdeckt wurden – denn das sind Vorstufen eines Karzinoms.
ZEIT ONLINE: Gibt es Möglichkeiten zur Vorbeugung?
Büchler: Auf jeden Fall weiß man, dass Raucher ein erhöhtes Risiko haben, an Bauchspeicheldrüsenkrebs zu erkranken – genau wie Menschen, die viel Alkohol trinken. Eine gesunde Ernährung senkt das allgemeine Krebsrisiko. Allerdings sind die Faktoren, die zur Entstehung eines Karzinoms im Pankreas führen, noch nicht vollständig erforscht. Wir kennen inzwischen bestimmte Wachstumsfaktoren und einige erbliche Komponenten. Um die Heilungschancen zu verbessern und fundierte Empfehlungen geben zu können, sind neue Erkenntnisse sehr wichtig. Daran forschen wir derzeit in Heidelberg.
Die Fragen stellte Dagny Lüdemann
- Datum 21.01.2009 - 17:42 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, 21.1.2009 - 15:30 Uhr
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