Argentiniens Coach in Italien Mama, ich habe Maradona gesehen!
Der "Göttliche" hat Altschulden von 35 Millionen Euro beim italienischen Fiskus und ist dennoch für einen Besuch nach Mailand gereist. Unser Autor hat ihn verfolgt
Es heißt, ein Journalist brauche Ausdauer, Improvisationskunst und Fantasie, wenn er den Mythos Diego Armando Maradona von Angesicht zu Angesicht erleben will. Die "Hand Gottes” sei unfassbar und ziehe alle Register des Verwirrspiels, um die Meute abzuhängen.
Samstag, 10. Januar: Kollegen wollen erfahren haben, dass Maradona, der neue Nationaltrainer Argentiniens, beim Ligaspiel Inter Mailand gegen US Cagliari inkognito auftauchen werde, um sich die argentinischen Nationalspieler von Inter anzuschauen. Inter Mailand gilt als die argentinischste aller italienischen Mannschaften. Der Lokalrivale Milan setzt vornehmlich auf Brasilianer. Im Stadio Meazza, von der luftigen Pressetribüne aus, die über der Ehrentribüne liegt, kann man nichts sehen. Quälende Ungewissheit, ihn zu verpassen. Bis schließlich ein Kollege der stets gut informierten Gazzetta dello Sport sagt: "Nein, Maradona ist heute nicht gekommen! Er kommt am nächsten Dienstag zum Pokalspiel gegen den FC Genua!” Das Spiel des Tabellenführers Inter ist derweil nur mäßig. Er werde sich auf Maradona freuen, ihn um ein Autogramm für seinen Sohn bitten, sagt in der anschließenden Pressekonferenz Inter-Trainer Josè Mourinho. Abgeklärt und ironisch nennt man den Portugiesen. Er kassiert eine jährliche Nettogage von etwa neun Millionen Euro. Die Gazzetta dello Sport, die am Sonntag in epischer Breite über das Spiel berichtet, erwähnt seltsamerweise mit keinem Wort, dass Maradona nicht gekommen ist.
Montag, 12. Januar: Josè Mourinho hat zur Pressekonferenz nach Appiano Gentile geladen. Vor der Einfahrt zum Trainingsgelände ist ein Ü-Wagen des Mailänder Sportnews-Senders Sky postiert, der halbstündlich über die Kaprizen des 18-jährigen Super-Super-Stürmertalentes Mario Balotelli und die mysteriösen Formschwankungen des Brasilianers Adriano berichtet. Auch Maradona erwarten die Reporter wie alle bei Inter wie einen guten Freund. Schließlich hatte Präsident Moratti ihn im vergangenen Mai zu Inters Talentspäher für ganz Südamerika ernannt. Ob diese Tätigkeit jetzt, nach Maradonas Ernennung zum Nationaltrainer, noch steht? Als sich um 13.20 Uhr für die wartenden Journalisten die Toren zur Anlage öffnen, hat man das Gefühl, zu einem erlesenen Kreis zu gehören. José Mourinho gefällt sich in der Pose des Selbstgerechten und Meisters der Ironie. Maradona? "Maradona ist Maradona, und ich weiß nicht, wie viel er als Trainer wert ist. Ich weiß nur, dass er über ein großes Charisma verfügt!” Ob auch ein intaktes und harmonisches Familienleben eine Erfolgsprämisse für einen Trainer ist? (Eine Anspielung auf Maradonas Drogenkonsum und unsteten Lebenswandel.) "Wichtig ist, dass man glücklich ist.” Weitere Nachfragen ausgeschlossen. Wann Maradona genau kommt, weiß offenbar niemand.
Nach der halbstündigen Pressekonferenz werden die Journalisten aus der Trainingsanlage herauskomplimentiert. Vom jungen Sky-Reporter, der hektisch herumtelefoniert, ist zu hören, dass Maradona am Abend erwartet wird. Er wolle hier mit dem Präsidenten und der Inter-Mannschaft dinieren.
Es ist 15 Uhr. Es bleibt nichts anderes übrig, als vor der Anlage auszuharren. Der Regisseur des Ü-Wagens, der aus Genua kommt, flucht: "Warum übe ich bloß diesen Beruf aus? Warum bin ich nicht Lehrer geworden?” Insgeheim hofft er, dass Maradona seinen Besuch noch absagt, sonst müsste er bis Mitternacht ausharren. Um 19.30 Uhr kommt von der Zentrale in Mailand die Info, dass Maradona heute Abend definitiv nicht kommt. Es heißt, er sei in einem Luxushotel am Mailänder Dom untergebracht. Aber in welchem?
Dienstag, 13. Januar: Man muss sich zwingen, vor dem Luxushotel Four Seasons zu warten. Hier bringt Inter-Präsident Moratti in der Regel seine Gäste unter. Doch nichts deutet darauf hin, dass Maradona hier genächtigt hat. Kein Paparazzo und Kameramann in Sicht. Der distinguierte Herr aus dem gegenüberliegenden Männermodengeschäft zwischen der Via Montenapoleone und Via della Spiga, der gelegentlich herauskommt und sich erkundigt, weiß auch nichts Genaueres. Es gebe hier eine Reihe von Luxushotels um den Dom, sagt er: "Vielleicht gucken Sie mal beim Principe di Savoia vorbei, wo David Beckham und seine Victoria logiert?” Nichts. In der Gazzetta dello Sport ist zu lesen, dass Maradona heute im Flughafen Malpensa, direkt aus London kommend, landen und schließlich zur Inter-Mannschaft stoßen werde.
- Datum 17.01.2009 - 19:25 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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