Literatur Günter Grass hadert mit der deutschen Einheit

Der Nobelpreisträger erklärt in der ZEIT, warum die Wiedervereinigung nur auf dem Papier stattgefunden hat. Die Probleme im Osten seien noch lange nicht gelöst.

In der ZEIT erzählt Günter Grass, warum er noch immer nicht mit der deutschen Einheit versöhnt ist

In der ZEIT erzählt Günter Grass, warum er noch immer nicht mit der deutschen Einheit versöhnt ist

Fast 20 Jahre nach dem Mauerfall hat Günter Grass seinen Frieden mit der deutschen Einheit noch nicht gemacht. "Ich fand großartig, dass die Teilung vorbei ist. Ich habe es ja nicht nur als eine Teilung Deutschlands, sondern auch als eine Teilung Europas gesehen", sagte der Literaturnobelpreisträger im Gespräch mit der ZEIT. "Ich bin immer gegen die Teilung, aber auch immer gegen die Form der Einheit gewesen. Die Einigung hat bis heute nicht stattgefunden, die Einheit ist vollzogen, steht aber nur auf dem Papier.“

Grass, der Ende des Monats sein Tagebuch aus dem Jahr 1990 veröffentlicht, gestand ein, manche Entwicklung nicht richtig vorhergesehen zu haben: "Eine meiner Befürchtungen war, dass durch den Anschluss und Berlin als Hauptstadt ein zentral regierter Staat entstehen könnte. Doch das ist nicht eingetreten, Gott sei Dank. Aber alles andere ist über mein Schwarzsehen hinausgegangen. Alle Probleme sollten mit Geld gelöst werden, aber auch das war nur gepumpt. Was wir heute als große Finanzkrise erleben, dieser Raubtierkapitalismus, begann sich schon damals abzuzeichnen. Wir löffeln jetzt die Suppe aus, die wir uns damals eingerührt haben."

Das Argument, die Politik sei den Ereignissen ohne Chance auf aktive Gestaltung hinterhergehechelt, lässt Grass nicht gelten: "Man hat’s gar nicht versucht! Es ging alles nach dem Motto: Macht’s wie wir, dann seid ihr demnächst auch reich. Aber es gab nur Versprechungen, keine Investitionen. Nach der Währungsreform 1948, als sich abzeichnete, dass Großbetriebe wie Salzgitter oder VW eine Privatisierung nicht überstehen würden, hat Ludwig Erhard sie verstaatlicht und erst nach der Sanierung mit Staatsgeldern Aktien ausgegeben. So hätte man es in den neuen Ländern auch machen können."

Auf die Frage, was er sich von der Veröffentlichung des Tagebuchs im deutsch-deutschen Jubiläumsjahr erhofft, sagte Grass: "Ich möchte einigen Sonntagsrednern in die Suppe spucken. Aber ich bezweifle, dass sie das überhaupt zur Kenntnis nehmen. Die Sonntagsreden sind schon geschrieben."

Das vollständige Interview lesen Sie in der neuen Ausgabe der ZEIT. Ab Donnerstag am Kiosk.


 
Leser-Kommentare
  1. Na dann sollte er mal bei sich selbst anfangen.

    (Bitte bleiben Sie sachlich und unterlassen Sie die Verballhornung von Namen. Die Redaktion /ft)

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    • MaCell
    • 21.01.2009 um 18:35 Uhr

    was für ein sachlicher Kommentar. Wenn Sie mit seinen Äußerungen Probleme haben, wäre es für die Allgemeinheit viel interessanter zu erfahren, was Sie anders sehen oder wo Kritikpunkte bestehen.

    • MaCell
    • 21.01.2009 um 18:35 Uhr

    was für ein sachlicher Kommentar. Wenn Sie mit seinen Äußerungen Probleme haben, wäre es für die Allgemeinheit viel interessanter zu erfahren, was Sie anders sehen oder wo Kritikpunkte bestehen.

    • MaCell
    • 21.01.2009 um 18:35 Uhr
    2. Wow...

    was für ein sachlicher Kommentar. Wenn Sie mit seinen Äußerungen Probleme haben, wäre es für die Allgemeinheit viel interessanter zu erfahren, was Sie anders sehen oder wo Kritikpunkte bestehen.

    • TimmyS
    • 22.01.2009 um 9:04 Uhr

    TiSe

    Danke, Herr Grass, dass es mal einer, zwar recht knapp aber einfach, ausdrückt. Ich suche selber noch die Einheit. 7 Jahre war ich, als die Mauer fiel. Ich hatte gar nicht so recht verstanden was da passiert, aber je älter ich wurde, habe ich gesehen, was sich verändert hat und Stück für Stück den Bach runterging. Natürlich gab es nie die reelle Chance, dass die Massenbetriebe der DDR so weiter machen konnten, das ist mir schon klar. Aber man hat dem Ganzen auch nie eine Chance gegeben. Blickt man mal in die jetzige Zeit, fragt man sich weiterhin wo die Einheit hin ist. In den Köpfen scheint sie nur als passierte Notwendigkeit, aber wenn bei gleicher Arbeit in den neuen Bundesländer weniger Geld in die Taschen kommt als in den neuen Bundesländern, dann funktioniert etwas nicht. Und die angeblichen unterschiedlichen Lebenserhaltungskosten als Argument sind Unfug, eine Ausrede. Nur die Abgaben an den Staat sind alle gleich, woran ich jetzt nicht meckern will, es ging nur um den Vergleich. Die Trennung Deutschland ist noch immer nicht raus, sie bleibt und wird jetzt schlimmer, weil sie eine nicht mit Händen fassbare Trennung geworden ist, ohne Mauer, die die Sicht versperrt, aber eine Mauer, die die Einsicht, das Begreifen, auf beiden Seiten versperrt. Dabei haben doch die Bürger der alten und der neuen BL die gleichen Beschwerden, die gleichen Probleme und den gleichen Kummer. Ich mag Deutschland nicht, denn es ist zerstörerisch zum Leben und zum Sein eines Menschen. Es erzeugt mit seiner Politik Gedanken und Ärger im Kopf, der die Menschen nach besseren Zeiten sehnen lässt und damit die DDR wieder in den Kopf holt, aber eine DDR ohne SED, aber mit etwas mehr Zufriedenheit. Ich sehne mich nicht nach der DDR, aber ich sehne mich danach ein Kind zu sein, weil ich merke wie mich dieses Land und seine erzeugten Blockaden im Kopf ank.... (stören).

    Timmy Selle

  2. man muss g.g. nicht mögen, um ihm hier uneingeschränkt recht geben zu können. die wiedervereinigung war ein verwaltungsakt ohne gefühl und verstand, und die republik gross-oggersheim als politische vision sicher nicht ausreichend, um der komplexität der aufgabe gerecht zu werden.

    das zusammen-mutieren der beiden deutschen staaten ist unter diesem aspekt weniger eine geschichte der verpassten chancen als vielmehr der nie angedachten ideen. die mitteleuropäische jägerzaunmentalität ist offenbar ein schlechter nährboden für eine gesellschaft, die sich neu erfinden muss.

    die immer noch spürbaren relikte der ossi-wessi-mentalitäten sind nur die spitze des eisberg der einfallslosigkeit, der in vielen anderen bereichen von bildung bis sozialpolitik mitten im fahrwasser der deutschen politik liegt.

  3. der sich mit dieser Kritik zu melden hat.

    Viele der angesprochenen Probleme kamen vor allem dadurch zu Stande, weil bei der Lösungsfindung (wie unter 4.) zum Beispiel angesprochen) aus Prinzip nicht auf Leute aus den Neuen Bundesländern gehört wurde - wir konnten ja davon nichts wissen und mußten laut allzuvieler Wessis erst einmal das neue System lernen!

    Und warum ich Günter Grass in diesem Zusammenhang setze? Weil er genau so einer ist - öffentlich gemacht Anfang Dezember 2007 anlässlich einer Buchlesung in Dresden! Damals hatte er nichts Besseres zu tun, als medienwirksam an der Stelle der zukünftigen Waldschlösschenbrücke gegen den Bau Derselben zu protestieren. Sicher hat jeder das Recht, öffentlich seine Meinung zu sagen - nur, dass mit der Brücke ist Sache der Dresdner. Und die hatten sich damals schon mit einer Mehrheit von 68% in einem Bürgerentscheid für die Brücke ausgesprochen.

    Auch hier - Seine Meinung ist die einzig Richtige, was geht ihn schon die Meinung der Betroffenen an - wie von Vielen und viel zu oft 1990 und nachfolgend auch praktiziert.

    Und darum wurde hier der Begriff "Besserwessi" geboren - Keine Ahnung von der Materie haben, aber ganz vorne mitgackern...:-)

  4. Grass, ein streitbarer, kritischer und lebenserfahrener Schriftsteller machte überzeugende Aussagen zur Vereinigung zweier deutscher Staaten. Die Mißachtung des Schlußartikels 146 des Grundgesetzes führte zu einer Reihe von falschen Maßnahmen in der Eingliederung der DDR. Bewußt und gezielt durften Elemente der DDR nicht in das System Bundesrepublik eingebracht werden. Vielmehr galt es, eine neues Feindbild DDR zu schaffen, um eigene Schachstellen zu übertünchen. Den Bürgern der DDR wurden leichtfertige Versprechungen gemacht, von blühenden Landschaften war die Rede, obwohl man wußte, das dies Falschaussagen waren. Grass verweist treffend auf die Tatsachen fehlerhafter Politik ("...die ostdeutsche Wirtschaft...die ostdeutsche Literatur und Malerei wurden auf den Müllhaufen geschmissen") und viele andere gesellschaftliche Prozesse wurden - weil es sich kommunistische Diktatur handelte - als unbrauchbar verworfen. Nicht nur Christa Wolf, auch andere Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Bildung wurde kaum Beachtung geschenkt. Mit Hast und Übereile wurden Werte des Volkseigentums der DDR verschleudert, Betriebe stillgelegt und sich auf eine einseitige "Aufarbeitung" der DDR konzentriert. Das dies ein Fehler war, muß selbst Schäuble eingestehen, der im Prozeß der Auflösung der DDR nicht für eine Öffnung der Akten (z.B. Stasi) war. Es ist aber immer wieder zu beobachten, daß jenen, die auf diese Fehler jüngster Geschichte aufmerksam machen, vorschnell "DDR-Nostalgie" vorgeworfen wird. Die Interessen enttäuschter und unzufriedener Bürger der ehemaligen DDR bleiben von den Parteien der Bürgerlichen Mitte nach wie vor unbeachtet. Das ständige "Aufdecken" von Vergehen der DDR dient zwar zeitweiligen Presseaktionen, ist dennoch nur bedingt hilfreich. Die Birthler-Behörde sollte geschlossen und deren Archivmaterial im Bundesarchiv verwaltet werden.

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