Handball-WM Erleichterung statt Triumph

Bilanz nach zwei Spielen: ein Sieg, ein Remis. Titelverteidiger Deutschland fehlt die Souveränität, doch die Rückkehr des Kapitäns Michael Kraus verheißt Hoffnung.

Sie alle recken die Fäuste in die Höhe, es ist geschafft. Doch die Gesten der deutschen Handballer wirken wenig triumphal. Sie verraten große Erleichterung, der eine oder andere holt tief Luft nach dieser Nervenschlacht: Die deutsche Nationalmannschaft hat beim 26:24 (12:12)-Sieg gegen Tunesien vor 3000 Zuschauern in Varazdin lange in den Abgrund geblickt. Bei einer Niederlage hätte sich das Team mit dem Scheitern in der Vorrunde auseinandersetzen dürfen. Mit dem ersten Sieg im zweiten Spiel aber wahrte der Weltmeister alle Chancen, lange im Turnier zu bleiben. "Wir wussten, dass es schwer wird. Wir haben anfangs zu viele Fehler gemacht und waren zu unbeweglich. Und es gab einige unglückliche Entscheidungen", sagt Bundestrainer Heiner Brand nach dem Spiel. "Aber ich habe der Mannschaft gesagt, sie solle die Ruhe bewahren."

Bester Torschütze war, wie am Tag zuvor, der Hamburger Pascal Hens (sechs Tore), aber erst die Paraden von Carsten Lichtlein und der Rückkehrer Michael Kraus (beide Lemgo), der zum WM-Auftakt wegen einer Wadenverletzung gefehlt hatte, haben das Team in der ersten Halbzeit wieder ins Spiel gebracht. "Wenn nicht jeder seinen Kopf durchsetzen will, dann können wir richtig guten Handball spielen", sagt Kraus. "Ich bin hochzufrieden mit den zwei Punkten. Das war eine gute Erfahrung für die jungen Spieler", fügt Heiner Brand an. "Jetzt haben wir den Grundstein für das Erreichen der Hauptrunde gelegt." Am Montag liegt eine Pflichtaufgabe an: Außenseiter Algerien.

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Gegen Tunesien, den WM-Vierten von 2005, lief zunächst alles schief, was schief laufen konnte. Der Lemgoer Martin Strobel war mit der Aufgabe, die deutsche Offensive zu ordnen, überfordert. Die deutsche Deckung ließ sich von den Tunesiern oft überrumpeln. Nach zehn Minuten stand es 2:7. Doch der Weltmeister von 2007 kämpfte und kam in dem Moment zurück, als Kraus ins Geschehen eingriff. Er verwarf zwar zunächst einen Strafwurf, doch die Offensive agierte nun geordneter und klarer. "Ich spürte noch etwas Dumpfes, aber die Wade hält. Ich habe jetzt ein gutes Gefühl", sagt Kraus.

Wunderdinge solle man von Kraus nicht erwarten, beschwichtigte der Bundestrainer zuvor: "Ich wusste aber, dass ich ihn im Notfall bringen kann." Der Spielmacher erzielte das 10:10, den ersten Ausgleich. Hinzu kam die grandiose Leistung von Torwart Lichtlein, der den glücklosen Johannes Bitter (HSV Hamburg) nach elf Minuten abgelöst hatte; Lichtlein parierte bis zur Pause (12:12) insgesamt acht von zwölf Bällen – ein Weltklassewert. "Dass es so gut gelaufen ist, war sehr erfreulich", sagt Lichtlein in aller Bescheidenheit.

In der zweiten Halbzeit zeigte sich erneut das große Manko des deutschen Spiels: Die Offensive ist zu sehr auf Hens angewiesen. Zudem weist der Hamburger wegen seiner langen Verletzungspause noch konditionelle Defizite auf, was seine Fehlwurfquote erhöht. Bis zum 22:22 sieben Minuten vor Ende konnten die aggressiven Tunesier daher mithalten. Dann jedoch machte sich die erneute Hereinnahme von Kraus bezahlt. Er setzte Holger Glandorf (vier Tore) ein, der mit brachialen Würfen erfolgreich war, und Deutschland zog davon. Als der gute Kreisläufer Sebastian Preiß zum 26:23 traf, war die hektische Partie entschieden.

Im ersten Spiel am Samstag hatte der Titelverteidiger, noch ohne Kraus, gegen Russland (26:26) einen unnötigen Punktverlust hinnehmen müssen. Und das trotz neun Toren von Hens. Vor allem über das unsaubere Spiel der Russen und den Ausfall des Magdeburgers Christian Sprenger hatte Brand geklagt: Nach der Diagnose Innenbandriss im rechten Knie flog der Rechtsaußen, der nicht einmal aufs Tor warf, bereits am Sonntag nach Hause.

"Ich kann mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein, wenn man das ganze Spiel dominiert hat", sagte Brand. Während er seine Enttäuschung ausdrückte, zogen seine Spielern ein insgesamt positives Fazit: "Wir haben einen guten Auftakt gefunden, auch wenn es wehtut, dass wir nicht beide Punkte mitgenommen haben", sagte Torwart Bitter.

 
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