Musikbuch Wie "Jew York" rockt

Unter dem Titel "Die Heebie-Jeebies im CBGB's" erforscht Steven Lee Beeber ein Thema, auf das noch niemand gekommen ist: die jüdischen Wurzeln der Punkmusik.

"Ohne Holocaust kein Punk", sagt der Buchautor Steven Lee Beeber. Der Sohn jüdischer Einwanderer wächst in Atlanta auf und muss feststellen, dass keiner der Beatles jüdisch ist. Dafür Barry Manilow und Neil Sedaka. Schwacher Trost.

Aber was soll das eigentlich bedeuten: jüdische Wurzeln? Rootless Cosmopolitans, wurzellose Kosmopoliten, nennt Marc Ribot seine Band. Er war Gitarrist bei Elvis Costello und Tom Waits und engagiert sich in der Bewegung der Radical Jewish Culture. "Wurzellose Kosmopoliten" – das war Josef Stalins verächtliche Bezeichnung für Juden und ist der beste Bandname diesseits von NWA – Niggaz With Attitude.

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Bevor wir darüber reden, was jüdisch ist am Punk, müssen wir klären, was Beeber unter Punk versteht. Nicht den H&M-Punk vom Röhrenhosen-Revival, nicht den Haste-mal-ne-Mark-für-meinen-Hund-Fußgängerzonen-Punk, nicht den Alles-Bullenschweine-Vegan-Juzi-Punk. Nicht mal den Punk der Sex Pistols.

"Wie viele andere wuchs ich in dem Glauben auf, Punk habe in England begonnen. Doch irgendwann fand ich heraus, dass New York sein Geburtsort war", schreibt Beeber. New Yorker Punk avant la lettre – mit Lou Reed und den New York Dolls, mit Richard Hell und Suicide, Television und den Dictators, Jonathan Richman und den Ramones, mit der Patti Smith Group und Blondie.

Eigentlich beginnt es schon mit Lenny Bruce. Der erfindet den Beruf des Freestyle Comedians und rückt bereits in den Fünfzigern dem Horror der Judenvernichtung mit einem Sarkasmus zu Leibe, dessen Aggressivität auch vor den eigenen Leuten nicht Halt macht. "Egal, ob man katholisch ist oder sonst was, wenn man aus New York kommt, ist man automatisch jüdisch", behauptet Bruce.

Dieses Bonmot macht Beeber zum Mantra seines Buches. Jew York, die jüdischste Stadt Amerikas. Tatsächlich spielen Juden in allen genannten Bands eine wichtige Rolle. In mühsamer wie unterhaltsamer Kleinarbeit arbeitet Heeber in Interview heraus, dass Jewishness für den New Yorker Punk von größerer Bedeutung war, als viele seiner jüdischen Protagonisten wahrhaben wollen.

Nehmen wir Richard Hell: "Mein Vater wurde als Jude geboren, aber er hat an den Kram nicht geglaubt. Er hat mich kommunistisch und atheistisch erzogen." Mit diesen Worten lehnt Hell die Interviewanfrage Beebers ab. Er habe sich nie über seine jüdische Herkunft definiert. Beeber lässt nicht locker und findet sehr wohl Spuren der Jewishness in Hells Arbeit. Und der Sohn eines (deutschen) Juden aus Pittsburgh gibt ihm die beste Antwort auf die Frage: "Für einen Antisemiten bin ich definitiv ein Jude."

Wer ein Jude ist, das bestimmen Antisemiten. Oder eine nichtjüdische Philosemitin wie Debbie Harry, die blondgefärbte "Schicksengöttin" der Band, die sich nach dem Hund des Führers nennt: Blondie. "Er ist sehr selbstbewusst, und seine Sexualität ist vollkommen männlich", sagt Debbie Harry über Chris Stein, ihren jüdischen Partner bei Blondie. So man Beeber glauben darf, hatten Stein und Harry Sex neben einer "Nazifahne, deren roter Hintergrund einen perfekten Kontrast zu Debbies blondem Haar bildet". Debbie über Chris: "Er liebte Frauen und fürchtete sich nicht vor ihrem Intellekt, und das ist eine wunderschöne Kombination, die sehr selten ist … in dieser Beziehung sind die Juden ganz vorne." Das liefert Antisemiten, die Angst vor weiblichem Intellekt haben, noch einen Grund mehr, sie zu hassen, diese Juden.

Die überwältigende Mehrheit der New Yorker Punk-Juden versteht sich als säkular. Zehn Prozent der amerikanischen Katholiken und 21 Prozent der Protestanten glauben nicht an Gott. Bei den Juden sind es 52 Prozent.

Dieser sympathischen Mehrheit wegen beharrt Beeber auf dem Unterschied zwischen kulturellen und religiösen Juden. Auch wenn sie die Religion nicht praktizieren, auch wenn sie atheistisch erzogen wurden, aus ihrer Geschichte kommen sie nicht raus: Ausgrenzung, Vertreibung, Verfolgung, Ermordung. In keiner Stadt außerhalb Israels ist die kollektive Erfahrung der Judenverfolgung so präsent wie in New York, nirgendwo prägt Jewishness die Künste stärker als hier, Punk inklusive.

"Die Verurteilung des Macho, die Identifikation mit dem Geisteskranken und die Zurückweisung des Anti-Intellektualismus der Hippies waren integrale Bestandteile des New Yorker Punk und mit seinem jüdischen Milieu verbunden." So steht es im Kapitel über das "sonderbare Kind" mit dem "vertrottelten Ausdruck", das aus dem Bostoner Vorort Natick nach New York pilgert zu seinem Ersatzvater Lewis Allen Rabinowitz.

Das sonderbare Kind ist Jonathan Richman, der Ersatzvater ist Lou Reed. Der hatte als Lohnschreiber angefangen in der Musikfabrik im Brill Building, inspiriert vom Doo Wop, dieser "Musik der Straße, die so demokratisch und D.I.Y. war, wie es nur ging." Während Beeber die optimistische Musik-als-Schmelztiegel-Story wiederverwertet, klingt das bei seinem jüdischen Kollegen Richard Meltzer schon sarkastischer: "Weißt du, wie man eine perfekte Gruppe zusammenstellt? Du nimmst einen Schwarzen, der den Rhythmus liefert, einen Italiener, der den Song singt, und einen Juden, der die Texte schreibt und arrangiert."

Tatsächlich sind es Juden, Italiener und Afroamerikaner, die in der Blütezeit von Doo Wop und Brill Building Pop scheinbar reibungslos zusammenarbeiten, als wär' der Melting Pot ein Whirlpool produktiver Verausgabung. Der kahlköpfige Jude Jerry Leiber – mit Mike Stoller hat er mehr tolle Hits geschrieben als Phil Collins und Dieter Bohlen entsetzliche –  sagt: "Ich fühlte mich nicht nur schwarz. Ich war es, davon war ich fest überzeugt."

Ähnlich gibt sich der Hitproduzent Richard Gottehrer, very bürgerrechtsbewegt: "Die jüdische Kultur ist sehr gefühlvoll. Sie ist voller Geist. Das Gleiche findet man in der afro-amerikanischen Kultur. Irgendwo in uns ist das Prinzip der Sklaverei tief eingebrannt. Erst wurden wir in Ägypten versklavt, dann wurden wir als Juden aus dem Osten vertrieben. (...) Auch die Afro-Amerikaner wurden hierher verschleppt und nicht in die Gesellschaft integriert. Sie erarbeiteten sich durch ihre Musik den Weg in die Gesellschaft. Wir beide haben also dieses Gefühl."

Das Gefühl einer teilbaren Erfahrung des Ausgestoßenseins unter Juden und Schwarzen schwindet seit den Hits von Richard Gottehrer. Davon erzählt Alan Vega, Sänger der grandiosen Zwei-Juden-und-ein-Billig-Keyboard-Band Suicide. Hinter der Schockästhetik seiner Band versteckte sich eine grundgute linkssäkular-humanistische Nuyorican Jewishness. Er habe es gehasst, wie organisierte Religionen Feindschaften stiften, bis hin zum Krieg, sagt Vega: "Es waren größtenteils Juden, die sich an der Bürgerrechtsbewegung beteiligten. Ohne die Teilnahme und das Geld von Juden hätten die NAACP und viele andere schwarze Organisationen niemals ihre Arbeit aufnehmen können. Darum macht es mich wahnsinnig, wenn die Kids heute Farrakhan zuhören und über die Juden herziehen. Das zerreißt mir das Herz."

Steven Lee Beeber: "Die Heebie-Jeebies im CBGB's – Die jüdischen Wurzeln des Punk", aus dem Englischen von Doris Akrap. Ventil Verlag, 17,90 Euro

Hören Sie mehr zum Thema:
am Sonntag, dem 1. Februar um 20 Uhr in Klaus Walters Sendung "Was ist Musik?" auf ByteFM (Wiederholungen am 3. und 4. Februar)

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