Musikbuch Wie "Jew York" rocktSeite 3/3

"Die Verurteilung des Macho, die Identifikation mit dem Geisteskranken und die Zurückweisung des Anti-Intellektualismus der Hippies waren integrale Bestandteile des New Yorker Punk und mit seinem jüdischen Milieu verbunden." So steht es im Kapitel über das "sonderbare Kind" mit dem "vertrottelten Ausdruck", das aus dem Bostoner Vorort Natick nach New York pilgert zu seinem Ersatzvater Lewis Allen Rabinowitz.

Das sonderbare Kind ist Jonathan Richman, der Ersatzvater ist Lou Reed. Der hatte als Lohnschreiber angefangen in der Musikfabrik im Brill Building, inspiriert vom Doo Wop, dieser "Musik der Straße, die so demokratisch und D.I.Y. war, wie es nur ging." Während Beeber die optimistische Musik-als-Schmelztiegel-Story wiederverwertet, klingt das bei seinem jüdischen Kollegen Richard Meltzer schon sarkastischer: "Weißt du, wie man eine perfekte Gruppe zusammenstellt? Du nimmst einen Schwarzen, der den Rhythmus liefert, einen Italiener, der den Song singt, und einen Juden, der die Texte schreibt und arrangiert."

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Tatsächlich sind es Juden, Italiener und Afroamerikaner, die in der Blütezeit von Doo Wop und Brill Building Pop scheinbar reibungslos zusammenarbeiten, als wär' der Melting Pot ein Whirlpool produktiver Verausgabung. Der kahlköpfige Jude Jerry Leiber – mit Mike Stoller hat er mehr tolle Hits geschrieben als Phil Collins und Dieter Bohlen entsetzliche –  sagt: "Ich fühlte mich nicht nur schwarz. Ich war es, davon war ich fest überzeugt."

Ähnlich gibt sich der Hitproduzent Richard Gottehrer, very bürgerrechtsbewegt: "Die jüdische Kultur ist sehr gefühlvoll. Sie ist voller Geist. Das Gleiche findet man in der afro-amerikanischen Kultur. Irgendwo in uns ist das Prinzip der Sklaverei tief eingebrannt. Erst wurden wir in Ägypten versklavt, dann wurden wir als Juden aus dem Osten vertrieben. (...) Auch die Afro-Amerikaner wurden hierher verschleppt und nicht in die Gesellschaft integriert. Sie erarbeiteten sich durch ihre Musik den Weg in die Gesellschaft. Wir beide haben also dieses Gefühl."

Das Gefühl einer teilbaren Erfahrung des Ausgestoßenseins unter Juden und Schwarzen schwindet seit den Hits von Richard Gottehrer. Davon erzählt Alan Vega, Sänger der grandiosen Zwei-Juden-und-ein-Billig-Keyboard-Band Suicide. Hinter der Schockästhetik seiner Band versteckte sich eine grundgute linkssäkular-humanistische Nuyorican Jewishness. Er habe es gehasst, wie organisierte Religionen Feindschaften stiften, bis hin zum Krieg, sagt Vega: "Es waren größtenteils Juden, die sich an der Bürgerrechtsbewegung beteiligten. Ohne die Teilnahme und das Geld von Juden hätten die NAACP und viele andere schwarze Organisationen niemals ihre Arbeit aufnehmen können. Darum macht es mich wahnsinnig, wenn die Kids heute Farrakhan zuhören und über die Juden herziehen. Das zerreißt mir das Herz."

Steven Lee Beeber: "Die Heebie-Jeebies im CBGB's – Die jüdischen Wurzeln des Punk", aus dem Englischen von Doris Akrap. Ventil Verlag, 17,90 Euro

Hören Sie mehr zum Thema:
am Sonntag, dem 1. Februar um 20 Uhr in Klaus Walters Sendung "Was ist Musik?" auf ByteFM (Wiederholungen am 3. und 4. Februar)

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