Kinderlähmung Die letzte große Attacke
Das Poliovirus sollte längst ausgerottet sein, doch tritt es noch in Asien und Afrika auf. Mithilfe eines 500-Millionen-Euro-Pakets soll es jetzt vom Globus verschwinden

© MASSOUD HOSSAINI/AFP/Getty Images
Dieser afghanische Junge erhält eine Polio-Impfung. In seinem Land stecken sich immer noch Menschen mit dem weitestgehend ausgerotteten Virus an
Es soll ein vernichtender Schlag werden, den die weltweite Polio-Eradikations-Initiative GPEI vorbereitet: Impfkampagnen in den letzten durch Polio gefährdeten Ländern der Erde. Nur noch in Indien, Pakistan, Afghanistan und Nigeria kommt es immer wieder zu Infektionen.
Jetzt hat eine internationale Koalition mit deutscher Beteiligung für die Ausrottung des Erregers 630 Millionen US-Dollar (488 Millionen Euro) zugesagt. 255 Millionen Dollar kommen von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung, 100 Millionen Euro aus Deutschland und 100 Millionen Pfund aus Großbritannien.
Die Kinderlähmung oder Poliomyelitis ist eine akute fieberhafte Virus-Erkrankung. Der Erreger befällt Nervenzellen im Rückenmark, die die Muskulatur steuern und kontrollieren. Junge Menschen, die an Polio erkranken, können oft verschiedene Körperteile nicht mehr bewegen. Es kommt zu bleibenden Lähmungen. In den meisten Fällen verläuft die Kinderlähmung allerdings leicht, ohne Folgeschäden zu hinterlassen, und ähnelt einer Grippe.
Das Poliovirus konnte bereits in rund 120 Ländern ausgemerzt werden, in Deutschland gilt der Erreger seit 1990 als ausgerottet. Zu verdanken ist dies der GPEI, einer Initiative die die Weltgesundheitsorganisation WHO 1988 ins Leben gerufen hatte. Damals war das Ziel, das Virus bis zum Jahr 2000 auszulöschen. "Deutschland hat entscheidend zur Erfüllung dieses Versprechens beigetragen", sagte Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD). In einem Appell an die acht größten Industrienationen forderte sie, "die Löcher zu stopfen", damit Kinder in aller Welt vor Kinderlähmung geschützt werden können.
Zwar gestaltete sich der Kampf gegen Polio in der Vergangenheit teilweise schwierig, dennoch ist er ein Erfolg: Vor der GPEI-Gründung waren jährlich rund 350.000 junge Menschen an Polio erkrankt. 2008 wurden nur noch 1618 neue Fälle gezählt. Das jetzt zugesagte Geld geht direkt an die GPEI, die von der WHO, den Rotariern sowie dem Kinderhilfswerk Unicef getragen wird. Damit sollen Impfkampagnen und die Entwicklung neuer Impfstoffe unterstützt werden.
Nach den Pocken wäre die Kinderlähmung die zweite Infektionskrankheit, die weltweit ausgerottet würde. Allerdings glauben Gesundheitsexperten, dass sich das Virus schnell wieder ausbreiten könnte, sobald an Mitteln für seine Bekämpfung gespart würde.
Einen Zeitpunkt für den Sieg über die Kinderlähmung nennt die GPEI nicht mehr. Der Erfolg wäre jedoch nicht nur segensreich für die Menschen, sondern auch ein gutes Geschäft: Bis zu 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr ließen sich sparen und an anderer Stelle für die Gesundheit ausgeben, wenn die Polio-Ausrottung gelinge. Den derzeitigen Status quo zu erhalten, sei nicht nur unmenschlich, sondern viel zu kostspielig, argumentierte Microsoft-Gründer und Stifter Bill Gates.
- Datum 21.01.2009 - 19:03 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa
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