ZEIT ONLINE: Herr Schöler, Sie haben in Ihrer Studie herausgefunden, dass es keinen Unterschied macht, ob Kinder mit Sprachproblemen Deutschunterricht erhalten oder einfach nur einen Kindergarten besuchen, ohne speziell gefördert zu werden. War der Unterricht so schlecht?

Hermann Schöler: Das liegt nicht unbedingt an den Programmen. Wir haben etwa 500 Kinder über drei Jahre in Baden-Württemberg beobachtet. Die, die Unterricht erhalten, durchlaufen ähnliche Programme. Es handelt sich um einen altersgerechten Unterricht in spielerischer Form. Vier bis fünf Mal die Woche wird eine halbe Stunde unterrichtet, insgesamt sind 120 Stunden pro Kind vorgesehen. Aber die Rahmenbedingungen stimmen nicht. Ich sage immer: Sprechen lernt man durch Sprechen. Die Gruppen müssen klein sein. Die Kinder kommen in der Lerngruppe mit sechs bis acht Kindern manchmal weniger zum Reden, als wenn sie im normalen Kindergartenalltag spielen und mit den Erzieherinnen sprechen.

ZEIT ONLINE: Soll man es dann lieber gleich lassen?

Schöler: Wahrscheinlich ist es in einer Übergangszeit erforderlich, dass die Förderung der Kinder erst einmal durch Programme institutionalisiert wird. Mehr als zwei bis drei Kinder sollten aber dann nicht in der Gruppe sein. Solche Programme könnten wirken, wenn für ihre Durchführung auch entsprechende Rahmenbedingungen gegeben wären.

ZEIT ONLINE: Und wie sieht es mit den Lehrern aus?

Schöler: Auch das ist ein Problem: Auf der einen Seite haben wir die Erzieherinnen. Sie sind vielleicht pädagogisch gut und finden einen Zugang zu den Kindern, sind aber keine Experten für Sprachfördermaßnahmen. Auf der anderen Seite befinden sich die ausgebildeten Sprachlehrer. Sie aber wiederum wissen oft nicht, wie sie mit Kindern umgehen müssen.

ZEIT ONLINE: Wie kann man es langfristig besser machen?

Schöler: Eigentlich muss die Sprachförderung im Alltag integriert werden. Spätestens ab drei Jahren müsste es losgehen. Das kann man den Einrichtungen, wie sie jetzt sind, aber gar nicht zumuten. Es sind mindestens 20 Kinder in einer Gruppe. Wenn man nach den Konzepten fragt, heißt es meistens: "Hier wird der Situationsansatz gefahren." Das klingt gut, bedeutet aber leider des Öfteren unter den jetzigen Rahmenbedingungen: Die Kinder sind sich oft selbst überlassen. Das ist dasselbe wie der "offene Unterricht" in der Schule. Wenn der richtig umgesetzt werden soll, hat man viel mehr Organisationsaufwand als mit dem Frontalunterricht.

ZEIT ONLINE: Aber lernen Kinder nicht von selbst und am besten von ihren gleichaltrigen Freunden?

Schöler: Die Pädagogik verbreitet manche Ammenmärchen. Unter anderem, dass Kinder sich selbst bilden. Das hat noch keine Untersuchung nachgewiesen. Sie müssen das Kind auch an die Hand nehmen und dorthin führen, wo es selbst nie von alleine hinkommen könnte. Es wird auch völlig überschätzt, dass Kinder durch ihre Peers am besten sprechen lernen. Wirkliche Fortschritte in der Sprachkompetenz, wie in vielen anderen Fähigkeitsbereichen, bringen nur kompetente - und das sind meist erwachsene - Vorbilder. Die Bezugsperson setzt eine Reihe von Strategien ein (im Rahmen der sogenannten intuitiven Didaktik), beispielsweise erweitert sie die Äußerungen des Kindes in systematischer Weise.