Kindesmisshandlungen Mehr Verantwortung für Kinder

Die Regierung weitet den Kinder- und Jugendschutz erheblich aus. Die Jugendämter bekommen mehr Pflichten, Ärzte mehr Rechte. Das war höchste Zeit. Aber es reicht nicht

Ein Kind wird misshandelt. Ein Baby verhungert. Und keiner schaut hin. Vor den Gerichten werden immer wieder solche Fälle verhandelt, und es ist – zumal nach spektakulären Fällen – immer derselbe Schock: Warum hat niemand rechtzeitig bemerkt, dass ein Kind in Gefahr ist? Weshalb hat niemand eingegriffen? Wieso hat sich niemand verantwortlich gefühlt?

Nicht nur in den inzwischen berühmt-berüchtigten Fällen der verhungerten Lea-Sophie oder des in Bremen zu Tode misshandelten Kevin waren die Jugendämter vorher schon eingeschaltet. Und haben das Entsetzliche doch nicht verhindert.

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Die Bundesregierung hat deshalb an diesem Mittwoch mehrere gesetzliche Änderungen für einen besseren Kinder- und Jugendschutz auf den Weg gebracht. Jugendamtsmitarbeiter müssen künftig gefährdete Kinder und deren Eltern persönlich besuchen und dürfen nicht mehr nur nach Aktenlage entscheiden, was geschehen soll. Sie dürfen sich nicht mit Stellungnahmen von Eltern oder Nachbarn begnügen.  

Dass es dazu einer Gesetzesänderung bedarf, ist eigentlich erschreckend. In einigen Ländern und Gemeinden war eine solche enge Betreuung jedoch bislang nicht selbstverständlich, weil in den Jugendämtern zum Teil großer Personalmangel und ebenso große Bürokratie herrscht. Es ist also nicht getan mit Gesetzen: Bei den Sozialarbeitern wurde oft gespart, statt die Stellen aufzustocken. So ist es zum Beispiel auch sinnvoll, dass zwei Mitarbeiter gemeinsam in die Familie gehen, um sich zu beraten und Fehleinschätzungen zu vermeiden. Auch das können manche Jugendämter nicht leisten.

Bisher stehen die verantwortlichen Jugendamtsmitarbeiter oft allein da. Sie werden, wenn etwas schief geht, als Schuldige gebrandmarkt – und dabei bleibt es dann. Dabei hat sich die Haltung der Jugendämter schon drastisch geändert. Dass gefährdete Kinder aus Familien herausgenommen werden, die sogenannten "Inobhutnahmen", kommt deutlich häufiger vor. Auch das Sorgerecht wird Eltern schneller entzogen. Jugendamtsmitarbeiter greifen heute lieber einmal zu schnell ein als zu spät.

Das allein reicht jedoch nicht. Denn wer Angst hat, hinterher an den Pranger gestellt zu werden, macht vielleicht neue Fehler, indem er Geheimwissen hortet, Fehler vertuscht, um nicht angreifbar zu werden. Dabei ist es vor allem wichtig, dass alle Menschen, die mit den betroffenen Familien zu tun haben, einander vertrauen und sich austauschen, um mögliche Gefahren zu erkennen. So ließen sich auch Fehler zugeben und korrigieren.

Leser-Kommentare
    • th
    • 21.01.2009 um 17:48 Uhr

    aber die Jugendämter müssen auch der Kontrolle und der staatlichen Aufsicht stärker unterworfen werden, damit nicht missbräuchlich Kinder von ihren Eltern getrennt und u.U. nie mehr zurückgebracht werden. Auch solche Fälle von Kindesmisshndlung gibt es nämlich aus Übereifer, Unverstand und Rechthaberei - und leider funktioniert dann die staatliche Aufsicht nicht richtig, sodass sogar Gerichtsurteile vom JA ignoriert werden. Entsprechende Fälle sind aus verschiedenen Orten im Bundesgebiet bekannt.

    Jedenfalls sind regelmäßige Hausbesuche zur Kontrolle und Unterstützung in vielen Fällen besser als erst abwarten und dann wegen angeblicher "Gefahr im Verzug" die Kinder - womöglich unter Anwendung von Polizeigewalt gegen die Eltern abends aus dem Bett wegzuholen und nie wieder zurückzubringen. Das traumatisiert die Kinder nämlich auch.

    Also klar: mehr Geld, mehr Rechte und Pflichten, mehr verantwortliches Handeln, aber auch Selbstkritik und öffentliche Kontrolle, und auf keinen Fall mit dem Wind der Panikmache der Sensationsmedien segeln!

    • th
    • 21.01.2009 um 18:02 Uhr

    Zitat:
    "Dass gefährdete Kinder aus Familien herausgenommen werden, die sogenannten "Inobhutnahmen", kommt deutlich häufiger vor. Auch das Sorgerecht wird Eltern schneller entzogen. Jugendamtsmitarbeiter greifen heute lieber einmal zu schnell ein als zu spät."

    Was aber diesen Kindern dann bei den vom Jugendamt ausgesuchten Pflegeeltern so alles passieren kann:

    "Tod von Pflegekind Talea: Staatsanwalt fordert elf Jahre Haft"

    Die Jugendamtsmitarbeiter konnten natürlich nichts dafür ... aber was sagt man dann den richtigen Eltern?

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    • th
    • 21.01.2009 um 18:03 Uhr
  1. "Jugendamtsmitarbeiter greifen heute lieber einmal zu schnell ein als zu spät."

    gibt's alles schon. und was draus werden kann, hat kommenar #1 schon gesagt.
    eine reflexion über den inhalt des satzes wäre sinnvoll gewesen, so wird nämlich übereifer und "schuldig bei verdacht" befördert -- und nebenbei ein grundsatz des rechtstaates für im verhältnis ja vs familie minder wichtiug erklärt.

    "Kinderschutz sollte vor Datenschutz gehen."

    genau diese argumentationsweise nutzt der bundesinnenschäuble mit seinen kohorten, um bürgerechten den garaus zu machen. der satz reimt sich förmlich auf "datenschutz ist täterschutz" und den evergreen "wer unschuldig ist, hat nichts zu verbergen".

    nun ist das thema bürgerrechte/datenschutz bei der zeit nicht wirklich hoch angehängt (wie doch das "journalistenprivileg" sedierend wirken kann, während der normalleser ausgeschnüffelt wird), aber etwas mehr reflexion hätte dem artikel gutgetan.

    disclaimer:
    dieser beitrag kann ironie enthalten!
    laut zeit-redaktion übersteigt ironie das geistige leistungsvermögen vieler zeit-leser und senkt das intellektuelle niveau, deswegen muss uu zum besten der leser zensiert werden!

  2. 5. ...

    Die eigentlichen Probleme liegen doch woanders:

    Diese Gesellschaft hat einfach wenig Spass an Kindern.

    Und Nachbarn können hierzulande schon mal 30 Jahre nebeneinander herleben ohne sich einmal zum Kaffee getroffen zu haben.

    Da wundert es mich nicht, dass Kindesmisshandlung sogar mitten in einem Hochhausblock mit dünnen Wänden "nicht auffällt".

    Und die Politik hat das Entstehen einer breiten Unterschicht für mehr Wirtschaftswachstum in Kauf genommen, traut sich aber nicht den Begriff laut auszusprechen.

    Und die Resultate dieser Entwicklung dürfen dann die Jugendämter ausbaden.

    Das Ganze erinnert mich ein bisschen an die Schaffner bei der Bahn. Die kriegen Druck und dann wundert man sich anschließend über die schlechte Presse bzw. reagiert mit harten Strafen. Das übt wiederum noch mehr Druck auf die Schaffner aus...

    Entsprechend würde es mich nicht wundern, wenn der Eine oder Andere beim Jugendamt über die Strenge schlägt und zu Unrecht eine Familie kaputt macht. Dann wird gestraft, und der Druck auf die Betreuer wird noch größer...

    Das kann außer Kontrolle geraten. Am Ende wird den Eltern dann vielleicht gar keine eigene Erziehung mehr zugetraut.

    Wetten bald wird es schon Ärger mit dem Amt geben, wenn die Kleinen heimlich "Killerspiele" installieren?

  3. Kinder sind die Schwächsten in unserer Gesellschaft, sie brauchen unseren Schutz. Darüber muss es wohl keine Diskussion geben.
    Natürlich gibt es nie in unseren Leben eine perfekte Lösung - jeder von uns hat schon einmal Fehlentscheidungen getroffen, oder nicht? Ich denke, dass im Überblick bestimmt mehr Kinder gut aufgehoben sind in Pflegefamilien als nochmals misshandelt werden. Da sind weitere Misshandlungen bestimmt die Ausnahme.
    Nur, woran es in Deutschland massiv fehlt, ist die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen. Die Deutschen sind wahrlich Weltmeister im "Schwarzer Peter"-spielen, niemand hier möchte je für etwas verantwortlich sein und schiebt mit dem Argument Demokratie die Verantwortung weiter.
    Jugendamtmitarbeiter, die nach einem zweiten Kind in einer Familie nicht suchen, obwohl sie wissen, dass es existiert, das ist dumm und verantwortungslos. Sich dann, nach dem Tod des abwesenden Kindes, auf Paragraphen zu berufen, das ist furchtbar und die deutsche Tragödie.

    Ärzte, die Missbrauch sehen, aber zu Guten der demokratischen Freiheit nichts tun, dass kann und darf nicht sein. Nicht, wenn es um Kinder geht.

    Sicher, es gibt immer eine andere Extreme. Aber es ist an der Zeit, dass die Deutschen nicht immer versuchen, einen anderen Schuldigen für Missstände zu suchen, sondern sich ihrer Verantwortung bewusst stellen und das Risiko eingehen, eine Fehlentscheidung zu machen. Ganz besonders den Kindern gegenüber, die in sich in einer Familie befinden, die sie misshandelt und bedroht, sind wir dies schuldig, denn sie sind unsere Zukunft.

    • Anonym
    • 23.01.2009 um 18:35 Uhr

    Jugendamt unser im Himmel,
    geheiligt werde dein Wegschauen,
    deine misshandelten Kinder kommen,
    deine Ignoranz geschehe,
    wie im Sozialamt, so auch in den Familien.

    Unseren täglichen BAT gib' uns heute
    und vergib' uns unser Gewissen,
    wie auch wir vergeben den Familienrichtern
    und verführe uns nicht zur Handlung,
    sondern erlöse uns von der Verantwortung.

    Denn dein ist der Schein,
    und die Kraft zur Selbstregulierung
    und das Nichtstun in Ewigkeit

    AMEN.

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