Jahreswirtschaftsbericht "Wir erwarten keine schnelle Erholung"
Der Abschwung wird härter als je zuvor. Jetzt trifft er auch den Arbeitsmarkt - und damit den Alltag vieler, denen die Krise bisher weit weg zu sein schien. Ein Interview
ZEIT ONLINE: Die Bundesregierung geht in ihrem Jahreswirtschaftsbericht von der Annahme aus, dass sich die Finanzkrise nicht weiter verstärkt und es zu keiner Kreditklemme kommt. Wie realistisch ist das?
Andreas Scheuerle: Man muss eine solche Annahme treffen, um überhaupt zu einer Einschätzung gelangen zu können. Alle Konjunkturforscher tun das. Wirtschaftsprognosen sind immer an Bedingungen geknüpft, und es ist zunächst am plausibelsten, davon auszugehen, dass die Krise nicht noch schlimmer wird. Eine Verschärfung ist kaum zu prognostizieren, denn wenn man das versucht, muss man zugleich auch angeben, wann sie eintreten wird und in welcher Form. Das kann niemand vorhersagen.
ZEIT ONLINE: Die Regierung erwartet für 2009 einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 2,25 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen soll bis zum Jahresende um 500.000 steigen, die Arbeitslosenquote im Jahresdurchschnitt auf 8,4 Prozent. Ist das nicht zu optimistisch?
Scheuerle: Die entscheidende Frage ist, ob die Regierung für ihre Prognose die Wirkungen des Konjunkturpakets berücksichtigt.
ZEIT ONLINE: Das tut sie.
Scheuerle: Die meisten Ökonomen erwarten derzeit ein Minus von rund zwei Prozent, die meisten wohl noch ohne Berücksichtigung des Konjunkturpakets. Wir gehen davon aus, dass die Wirtschaft ohne das Paket in diesem Jahr um drei Prozent schrumpfen würde. Die Gelder, die der Bund jetzt ausgeben will, bringen Impulse in Höhe von einem viertel bis drei viertel Prozentpunkte, insofern ist die Prognose der Regierung realistisch. Weil das Paket seine Wirkung erst spät in diesem Jahr entfaltet, wird es außerdem weit ins nächste Jahr hinein wirken.
ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt?
Scheuerle: Wir erwarten eine Rezession, die etwa dreimal so tief sein wird wie alle zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik. Das kann am Arbeitsmarkt nicht spurlos vorübergehen. Aber wenn wir einen solchen Abschwung in früheren Jahren erlebt hätten, wäre die Arbeitslosigkeit viel stärker angestiegen, als sie es jetzt tun wird.
ZEIT ONLINE: Wieso?
Scheuerle: Die Firmen unternehmen viel, um ihre Stammbelegschaft zu halten. Sie haben gelernt, dass es teuer ist, Mitarbeiter zu entlassen, um sie nach der Krise wieder einzustellen – oder neue Angestellte frisch einzulernen. Je länger der Abschwung aber dauert, umso schwieriger wird es für die Betriebe, ihre Mitarbeiter zu halten. Im Moment werden vor allem Zeitarbeiter und weniger qualifizierte Arbeitskräfte entlassen. Allein das führt zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit.
ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielen die Reformen der Regierung Schröder für die Stabilität des Arbeitsmarkts?
Scheuerle: Am wichtigsten ist die bereits erwähnte Motivation der Unternehmen, ihre Mitarbeiter zu halten. Die Schröder'schen Reformen erleichtern das. Weil die Arbeitszeit flexibler gehandhabt werden kann, können die Betriebe weniger produzieren, ohne gleich Leute zu entlassen. Zuerst nutzten sie Arbeitszeitkonten, dann die Kurzarbeit, um den Einsatz von Arbeitskräften zu variieren. Hilfreich ist auch die Entscheidung der Großen Koalition, die maximale Bezugszeit von Kurzarbeitergeld zu verlängern. Auch das trägt dazu bei, dass die Unternehmen nicht entlassen müssen.
ZEIT ONLINE: Bislang findet die Krise vor allem an der Börse, in den Banken, der Automobilindustrie und den Medien statt. Im Alltag vieler Menschen scheint sie aber noch nicht angekommen zu sein. Woher kommt dieses Missverhältnis?
Scheuerle: Die Krise kommt jetzt erst am Arbeitsmarkt an, denn er reagiert immer mit Verspätung auf die konjunkturelle Entwicklung. Seit über einem Jahr haben wir die Krise am Finanzmarkt. Seit dem zweiten Quartal 2008 schrumpft die Volkswirtschaft – die Arbeitslosigkeit ist aber erst im Dezember gestiegen. Das heißt, wer kein Aktienportfolio hat oder nicht in den zuerst betroffenen Branchen arbeitet, hat die Krise noch gar nicht merken müssen. Hinzu kommt, dass 2008 ein Jahr der üppigen Lohnzuwächse war. Als im zweiten Halbjahr die Inflation zurückging, spürten die Bürger das auch im Portemonnaie.
Insofern kam die Rezession bei ihnen nicht an, aber das wird sich ändern, wenn jetzt zunehmend schlechte Nachrichten vom Arbeitsmarkt kommen.
ZEIT ONLINE: Worauf müssen sich die Leute einstellen?
Scheuerle: Selbst wenn wir später im Jahr eine Stabilisierung der Konjunktur sehen, wird sich die Lage am Arbeitsmarkt bis ins Jahr 2010 hinein noch verschlechtern. Wir erwarten keine schnelle, starke Erholung.
Die Fragen stellte Alexandra Endres
- Datum 04.05.2009 - 11:01 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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