Das Weltereignis in Amerika, die Amtseinführung von Barack Obama zum 44. Präsidenten, verlangte seine Stellungnahme in Australien. Lance Armstrong, ganz Politprofi, fühlte sich dazu verpflichtet. "Gestern war ein großer Tag für die Vereinigten Staaten, und ihr habt sicherlich Fragen, was ich von Präsident Obama halte und wie ich zu ihm stehe." Also bat Armstrong nur eine Stunde nach der zweiten Etappe der Tour Down Under die Medien zur Pressekonferenz ins Hilton. Der "Bush-Buddy" aus Texas, geduscht, entspannt und nicht im Geringsten strapaziert von den 145-Hitze-Kilometern, zollte dem neuen Präsidenten alle Hochachtung. "Ich kann euch sagen, welchen Eindruck ich nach unseren drei, vier Begegnungen von ihm habe: Er ist reizend, er ist smart, er ist gegenwärtig, er ist bemüht. Man spürt sofort, dass er das, worüber er erdet, ernst meint."

Obama und Armstrong haben nicht über Radrennen gesprochen, sondern über den Krebs. Armstrong hat ihn besiegt. Obama hat seine Mutter und zwei Tage vor seiner Wahl seine Großmutter durch die Krankheit verloren. Das Thema verbindet. Für Amerika und die ganze Welt, verkündete Armstrong, sei die Amtseinführung des ersten afroamerikanischen Präsidenten der Vereinigten Staaten ein "monumentaler Moment". "Präsident Obama bringt Hoffnung und Optimismus, das berührt mich einmal als Amerikaner und dann als Krebsüberlebender."

Einmal auf politischem Kurs, berichtete der siebenmalige Tour-Sieger auch von seiner Begegnung mit dem australischen Premierminister Kevin Rudd am Vortag, erst am Ziel, dann im Hotel. "Als Radfahrer war es für mich eine Ehre, dass er das Rennen besuchte. Aber wichtiger war dann das Gespräch im Hotel über den Kampf gegen den Krebs in Australien. Dabei erfuhr ich von unseren gemeinsamen Erfahrungen mit der Krankheit. Seine Mutter ist an Krebs gestorben." Der Premierminister habe zugesagt, entweder selbst zum von der Livestrong Global Cancer Campaign geplanten Weltkrebsgipfel im Spätsommer zu kommen oder zumindest seinen Gesundheitsminister zu schicken.

Nach derlei politischen Exkursen war es geradezu banal, über die anspruchsvolle, hügelige Etappe zu sprechen, "auf der ich gelitten habe". Armstrong wurde 45. mit dreizehn Sekunden Rückstand zum australischen Sieger Allen Davis, der auch das orange Trikot des Spitzenreiters von dem Rostocker Andre Greipel übernahm.

Armstrongs Kritiker beschäftigen sich bei seinem zweiten Comeback immer noch mehr mit den Dopingvorwürfen in der Vergangenheit als mit der Wirkung des Krebsüberlebenden und seiner Stiftung Livestrong auf die Krebskranken, die Krebshilfen und die Krebsforschung dieser Welt. So hat, zum Beispiel, der ebenfalls an Hodenkrebs erkrankte jahrelange Schlagmann des Deutschland-Achters, Michael Ruhe, in einem FAZ-Interview geantwortet: "Armstrong gibt einem wieder Mut." Das Gespräch, in dem das Wort Doping nicht einmal vorkommt, erschien fünf Monate nach der Enthüllung von L'Équipe: "Le Mensonge Armstrong" (Die Armstrong-Lüge).

Armstrong ist in Adelaide bezahlter Gast des südaustralischen Premiers Mike Rann und dessen Regierung, dem die Tour Down Under gehört. Der Radstar tritt daher nicht nur in die Pedale, sondern folgt seiner Mission, besucht mehrmals Patienten der Krebsstation des Royal Adelaide Hospitals und hält Bankett-Reden. Seine Botschaft bei einem Lunch vor Honoratioren: "Krebs ist für mich der wahre Terror, schlimmer als der 11. September 2001."

Nach einer Statistik des Cancer Councils in Adelaide erkranken täglich 23 Südaustralier an Krebs. Livestrong hat anlässlich seines Australien-Aufenthaltes Krebsinstitutionen in Melbourne und Sydney hohe Geldbeträge überwiesen. Der Radstar wird von der Geschäftsführung seiner Stiftung begleitet. Das Comeback und die "Campaign" fahren sozusagen Seite an Seite. Und nicht nur 2009. "Es könnten zwei Jahre werden", kündigt Lance Armstrong (37) an, ein weiteres Jahr dranzuhängen.