Folgen des Gasstreits Energieversorgung als Politikum
Die Türkei will die Nabucco-Pipeline als Druckmittel nutzen. Den Schaden könnte der EU-Beitrittskandidat am Ende selbst haben. Ein Kommentar

© SERGEI SUPINSKY/AFP/Getty Images
Ab 2013 soll die Nabucco-Pipeline die Moskauer Vormacht im Gasgeschäft schmälern. Im Bild: russische Gasröhren an der ukrainischen Grenze
Nabucco war immer schon ein Politikum ersten Grades. Damals bei Verdi, der 1841 die prächtige Oper um altorientalisches Freiheitsstreben und die Hybris der Macht schrieb und unversehens der nationalen Einheitsbewegung seiner italienischen Landsleute hinreißende Sehnsuchtsmelodien lieferte. Und heute zwischen Europäern und Türken, wenngleich es da weniger um hehres Ideengut als um schlichte Gaslieferungen geht. Das heutige Nabucco-Projekt soll quer durch die Türkei die Pipelines aus dem kaspischen Raum, Zentralasien, dem Irak und dem Iran zusammenführen und über den Balkan nach Mitteleuropa lenken.
Baubeginn soll kommendes Jahr sein, von 2013 an könnte das erste Gas strömen, bis zu 30 Milliarden Kubikmeter über eine 3300 Kilometer lange Röhre, finanziert aus öffentlichen europäischen Töpfen und Mitteln der privaten, auch deutschen Energiewirtschaft. Zum Vergleich: Aus Russland bezieht Europa rund fünf Mal so viel Erdgas.
Womit alle drei großen Mitspieler genannt wären: die Europäische Union als Abnehmer und Betreiber; die Türkei als Transitland; und Russland als Gegner aus Eigeninteresse. Denn die Nabucco-Pipeline schmälert in aller Bescheidenheit doch die Bedeutung der politisch sensiblen Liefer-Achse Russland – Ukraine – EU und damit die Moskauer Vormacht.
Wird jetzt die Türkei vom Helfer zum Hindernis? In der Vergangenheit trübten zwischen dem österreichisch geführten Gaskonsortium und Ankara vor allem eine Reihe von türkischen Sonderwünschen wie etwa Sonderpreise für den eigenen Gasbedarf das Verhältnis. Die üblichen harten Verhandlungen über die künftigen Geschäftsgrundlagen halt, mehr aber auch nicht.
Jetzt freilich legte der türkische Ministerpräsident Recep Erdogan bei einem Brüssel-Besuch, seinem ersten seit vier Jahren, ganz andere Pläne auf den Tisch: Das Schicksal der geplanten Pipeline verknüpft er von nun an mit dem Schritttempo der Beitrittsverhandlungen. Aus dem Geschäft wird so ein Politikum: Nabucco macht seinem Namen alle Ehre.
Erdogans überraschender Auftritt hat seine guten wie seine bedenklichen Seiten. Zunächst bedeutet das Junktim ja, dass seiner Regierung an einer Beschleunigung der Beitrittsverhandlungen gelegen ist. Daran gab es aus Brüsseler Sicht in den vergangenen zwei, drei Jahren denn doch beträchtliche und begründete Zweifel - sehr zum Verdruss jener, die, wie etwa die Briten, die Türken möglichst rasch in der EU sehen würden; und ganz zur stillen Genugtuung jener, die wie Österreicher, Franzosen oder auch manche deutschen Politiker der Türkei lieber eine "privilegierte Partnerschaft" statt der Vollmitgliedschaft anbieten möchten.
Für die Gegner oder Skeptiker einer türkischen EU-Mitgliedschaft – die es übrigens in wachsender Zahl auch im Kandidatenland selbst gibt, aber das wäre ein anderes Thema – war der nachlassende Reformwille in Ankara natürlich Wasser auf ihre Mühlen. "Die schaffen das nie!", ist in ihren Kreisen eine oft gehörte und gern vorgetragene Prognose. Die Gegner können zudem darauf verweisen, dass der Kandidat Türkei gegenüber dem Mitglied Zypern seinen Verpflichtungen aus der längst bestehenden Zollunion nicht nachkommt.
Fairerweise sei gesagt, dass die Zukunft der geteilten Insel mindestens ebenso von den griechischen Zyprioten in der EU abhängt. Doch was Ankara nicht recht wahrhaben will: Diese Zyprioten sind bereits Mitglied jenes Vereins, dem die Türken und ihre Landsleute im Norden der Insel erst noch beitreten wollen.
Bedenklich stimmt Erdogans naheliegendes Junktim von einer Beschleunigung der Beitrittsverhandlungen und des Pipelinebaus freilich in anderer Hinsicht: Leicht ist nun das Argument bei der Hand, die Türkei wolle sich ihren Weg in die Gemeinschaft freipressen. Wie eine vertrauensbildende Maßnahme wirkt Erdogans Argument jedenfalls nicht. Oder ist es nur ein Manöver in einem günstigen Augenblick? Wo doch gerade Russen und Ukrainer den Europäern vor Augen führen, wie anfällig solche Verbindungen sind, für Tarifhandel oder Polithändel?
Die Beitrittsfähigkeit der Türkei wird nicht von der Verwirklichung der Nabucco-Pipeline abhängen, sondern von der Erfüllung der Beitrittskriterien. Gasgeschäfte gehören nicht dazu. Sie hängt allerdings auch von der Aufnahmefähigkeit der Europäischen Union ab: Und das ist, anders als das rechtliche und wirtschaftliche Regelwerk, ein ziemlich dehnbarer Begriff, anfällig für Stimmungen und Verstimmungen.
In Ankara sollte man wissen, dass die Türkei um die EU wirbt - und derzeit weniger die EU um die Türkei. Nabucco als Hymne an die Freiheit hat mit Nabucco als Röhre eines Geschäfts nicht viel gemein: Zur großen Oper taugen die türkische Beitrittsmühen nun wirklich nicht.
- Datum 13.07.2009 - 09:00 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Ich will nicht schwarz reden, aber kann man einen Artikel schreiben, wo realistische Machbarkeitschancen dieses Projekts untersucht wird. Es wird zu oft vom Gas aus Zentralasien, dem Iran oder sogar Irak gesprochen, es bestehen jedoch keine Lieferzusagen außer vielleicht Aserbaidschans. Sind diese Länder sicherere Lieferanten als bestehende? Gibt's da genug Gas? usw. Vielleicht sollte man an ganz neue Alternativen denken?!
Ist Russland ein sicherer Gaslieferant?
Ist Russland ein sicherer Gaslieferant?
Ist Russland ein sicherer Gaslieferant?
Keines von beiden! wenn es Ihnen so gefällt :-).
Aber die Frage bleibt immer noch, lohnt es sich diese Mega-Investition, wo man noch keine Lieferverträge hat, und dazu noch unsicherere Vertragspartner! Ist es nicht besser diese Gelder in wirklich gute Alternativen zu investieren?
Keines von beiden! wenn es Ihnen so gefällt :-).
Aber die Frage bleibt immer noch, lohnt es sich diese Mega-Investition, wo man noch keine Lieferverträge hat, und dazu noch unsicherere Vertragspartner! Ist es nicht besser diese Gelder in wirklich gute Alternativen zu investieren?
Keines von beiden! wenn es Ihnen so gefällt :-).
Aber die Frage bleibt immer noch, lohnt es sich diese Mega-Investition, wo man noch keine Lieferverträge hat, und dazu noch unsicherere Vertragspartner! Ist es nicht besser diese Gelder in wirklich gute Alternativen zu investieren?
schweben Ihnen denn so vor? :-)
Bis zu einem gewissen Gerade stimme ich ihnen zu,
dass in zu viele und dann noch unsichere Partner zu investieren, letztendlich auch ineffektiv sein kann.
Anderseits, könnte der so entstandene Konkurrenzdruck, diese zu mehr Zuverlässigkeit zwingen.
Grüße
Messala
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"Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist" (H. Ford)
schweben Ihnen denn so vor? :-)
Bis zu einem gewissen Gerade stimme ich ihnen zu,
dass in zu viele und dann noch unsichere Partner zu investieren, letztendlich auch ineffektiv sein kann.
Anderseits, könnte der so entstandene Konkurrenzdruck, diese zu mehr Zuverlässigkeit zwingen.
Grüße
Messala
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"Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist" (H. Ford)
Nur eben kommt es auch auf die Transitländer an. Die Türkei deutet selbst schon an keines zu sein.
Und der andere Beitrittskandidat Ukraine hat auch keine zuverlässige Figur gemacht.
Die EU und hiesige Journalisten/Kommentatoren müssen sich auch überlegen, ob sie in Zukunft weiterhin in dieser Form mit Versorungsproblemen umgehen wollen. Wenn zB die Türkei von Aserbeidschan alles Gas für sich selbst abzweigt. Wollen wir dann weiter nur über den Gaslieferanten und nicht das Gastransitland schimpfen.
Es beendet niemals einen Konflikt über den bestohlenen Lieferanten zu schimpfen und den Wegelagerer zu tätscheln und in iherer Position zu stärken. Das können die weit entfernten USA machen, denen können jedwede Konsequenzen egal sein, aber nicht Europäer.
Wer Russland weiterhin die Schuld gibt macht sich intellektuell doch nur noch lächerlich. Aber ich muss schon weinen - ...
schweben Ihnen denn so vor? :-)
Bis zu einem gewissen Gerade stimme ich ihnen zu,
dass in zu viele und dann noch unsichere Partner zu investieren, letztendlich auch ineffektiv sein kann.
Anderseits, könnte der so entstandene Konkurrenzdruck, diese zu mehr Zuverlässigkeit zwingen.
Grüße
Messala
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Leicht ist nun das Argument bei der Hand, die Türkei wolle sich ihren Weg in die Gemeinschaft freipressen.
So sieht es aus; die Frage ist allerdings, ob es sich dabei nur um ein Argument handelt (Es ist auch nicht gerade elegant, die Pipeline bereits als Druckmittel einsetzen, bevor sie überhaupt gebaut ist.). Und das vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die überwältigende Mehrheit der europäischen Bevölkerung ohnehin gegen einen Beitritt der Türkei eingestellt ist und mit einem EU-Beitritt allerlei Befürchtungen assoziiert. Ein Beitritt der Türkei zur EU wird hingegen in erster Linie von Politikern befürwortet, auch das ist nicht gerade eine vertrauensbildende Massnahme welche den Eindruck verschärft, eine Aufnahme der Türkei in die EU würde nicht ganz freiwillig abgelaufen sein, wenn sie denn kommt (Vermutlich ist die Mitgliedschaft aus Rücksicht auf die NATO-Mitgliedschaft der Türkei notwendig -- aus Sicht der USA.). Was die Meinung der Europäer selbst aber am Ende zählt offenbarte bereits das Beispiel der Abstimmungen zur EU-Verfassung und zum Lissabon-Vertrag sehen, in diesem Lichte betrachtet ist die Aufnahme der Türkei in die EU eigentlich jetzt schon in trockenen Tüchern ;)!
Mann kann zu Erdogan stehen wie man will, einst muss man Ihm aber lassen, er kann seine Trümpfe immer zu richtige Zeit ausspielen.
Ich bin mir sicher das er die ganzen Kritik die jetzt aus Europa kommt richtig Kalkuliert hat aber trotzdem droht er Europa! Ist diese Mann Verrückt geworden oder ist es wie im Poker. Wir werden sehen was diese Karte wert ist.
Nur die Politiker die Heute dem Erdogen Erpressung vorwerfen sollten bedenken wie oft Sie schon Türkei Erprest haben.
Verstehen Sie jetzt auch, warum Schröder die Ostsee-Pipeline wollte? Ich schon! Keiner aus Polen, Weißrussland, Ukraine kann dazwischenkommen. Und den Handel verkomplizieren. Und seine politischen Erpressungen starten!
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