Amtsantritt "Ich warte mein ganzes Leben darauf"

Stundenlang warten, frühmorgens, bei Eiseskälte. Als gestern auf der National Mall in Washington Geschichte geschrieben wurde, zählten keine Ausreden

Hunderttausende waren nach Washington gepilgert, um den neuen Präsidenten Barack Obama zu bejubeln

Hunderttausende waren nach Washington gepilgert, um den neuen Präsidenten Barack Obama zu bejubeln

Es ist kurz nach Sonnenaufgang. Es ist eiskalt. Und die Stimmung könnte besser nicht sein. "Ich möchte dabei sein, wenn Geschichte geschrieben wird" – keinen Satz hörte man öfter, wenn man am Dienstag die Menschen in der amerikanischen Hauptstadt fragte, wieso sie sich das überhaupt alles antun: lange Anreisen, überteuerte Hotels und stundenlanges Warten bei Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Sterling Becker und Jillian Vontver, zwei 17-Jährige, die mit ihrer High-School-Gruppe aus Pennsylvania angereist sind, stehen seit fünf Uhr morgens auf der National Mall, dem von Museen und Monumenten umgebenen Grünstreifen im Herzen Washingtons. Rosalyn Whitman, eine Großmutter aus Alabama, ist seit sechs dabei. Zusammen mit Hunderttausenden trotzen sie den Temperaturen, die Nachrichtenagentur AP wird später sogar von zwei Millionen Anwesenden berichten. "Es ist ein historisches Ereignis", sagt Sterling Becker. "Ich warte mein ganzes Leben darauf", sagt Rosalyn Whitman. "Heute wird Geschichte gemacht", sagt Jillian Vontver.

Fast bis auf Höhe der siebten Straße sind Becker, Vontver und Whitman vorgestoßen, das Kapitol markiert den Nullpunkt des örtlichen Koordinatensystems, etwa 500 Meter ist es noch entfernt. Jetzt gilt es zu warten. Langsam, sehr langsam, schiebt sich die Sonne am botanischen Garten vorbei, der am Fuß des Kapitolhügels liegt, passiert die schwarzen Silhouetten der Scharfschützen auf dem Luft- und Raumfahrtmuseum und kommt schließlich über dem Skulpturengarten des Hirshhorn Museums zum Stehen – es ist elf Uhr und das Programm zur Präsidentenvereidigung beginnt mit der Begrüßung der prominenten Gäste.

Direkt zu erkennen ist aus der Entfernung kaum etwas, dafür umso mehr auf den Leinwänden, die entlang der National Mall aufgebaut sind – es ist ein bisschen wie Public Viewing im Schatten des Fußballstadions. Immerhin kann man so in der Nähe sein, wenn Geschichte geschrieben wird, gemeinsam buhen, als George W. Bush die Bühne betritt, gemeinsam den ebenfalls anwesenden Senator Joe Lieberman einen Verräter schelten, dafür, dass er vor vier Jahren noch der Vizepräsidentschaftskandidat der Demokraten war und zuletzt auf dem Parteitag der Republikaner für seinen Freund John McCain um Wähler warb. Und schließlich: zusammen mit bis zu zwei Millionen Kehlen jubeln, als Barack Obama zur Vereidigung vor das Kapitol gerufen wird.

Geschichte schreiben, darum geht es nach dem Schwur auf die alte Bibel von Abraham Lincoln auch in Obamas Antrittsrede. Und in der Obama noch einmal die Besonderheit dieses Moments betont, weil sein Vater vor 60 Jahren in den USA nicht einmal den Sitzplatz im Restaurant frei hätte wählen konnte – und er selbst, sein Sohn, ab sofort im Oval Office sitzt. Rosalyn Whitman stehen die Tränen in den Augen. Jillian und Sterling sind in dem Meer von wirbelnden Amerika-Fähnchen nicht mehr auszumachen.

Barack Obamas Vereidigung ist ein Erfolg, nicht nur wegen der positiven Reaktionen auf seine Rede. Auch mit der logistischen Leistung der Veranstalter scheinen viele Besucher zufrieden zu sein. Die Sicherheitsauflagen waren schließlich weniger streng als im Vorfeld verkündet, in den hinteren zwei Dritteln der Mall wurden gar keine Kontrollen und Beschlagnahmungen von Stühlen, Kinderwagen oder Proviantköfferchen durchgeführt.

Auf der Constitution Avenue sammelt sich nach der Vereidigung der Festumzug, der inklusive Kapellen und Kostümierten insgesamt über zehntausend Menschen umfasst, die bis in die Dämmerung hinein marschieren. Nach sechs Uhr abends wird Barack Obama einer der Letzten sein, die vor dem Weißen Haus, am Ende der Paradenroute, noch ausharren – wettergeschützt hinter der verglasten Tribüne.

Dafür muss Obama am Mittwoch zur Arbeit antreten, wenn sich der Rest von Washington noch von den "Obamartinis" und "Obamargeritas" erholt oder sich langsam auf den Heimweg macht von einer der mindestens 50 Galas und Bälle, für die der erlaubte Alkoholausschank in der Stadt von 2 Uhr bis auf 5 Uhr ausgedehnt wurde. Den ersten Tag als Präsident beginnt Obama mit einem Gottesdienst in der Nationalen Kathedrale, danach folgt der Tag der offenen Tür im Weißen Haus – und am Nachmittag das erste Treffen mit seinen Wirtschafts- und Sicherheitsberatern.

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Leser-Kommentare
  1. Großartig, überwältigend, alles wird gut. Wir in Deutschland hatten ja schon viel früher die richtigen Weichen gestellt, indem wir erstmals eine Frau an die Spitze unseres Staates brachten. Etwas warten müssen wir allerdings, so scheint es, vielleicht muss sich unsere Regentin erst noch einmal häuten. Den vielversprechenden Kommentar zur Amtseinführung Obamas hat sie aber schon geliefert: "Ein Land kann die Probleme nicht lösen, das müssen wir gemeinsam". Yes, Angela, you can; A. you can; A. you can ...

    Um Denker

  2. Amerika sass entweder vorm Fernseher oder war in Washington D.C. sogar die Kinder in den Schulen waren in der Lage den Ablauf der Feierlichkeiten im Fernsehen zu verfolgen. Shopping Center waren sehr duenn besucht, Restaurants selbst zur Mittagszeit leer.....alles war im Bann der Vereidigung des ersten schwarzen US Praesidenten. Mein Vetter, der in Ghana lebt, meine eigne Familie in D hing vorm Fernseher und ich denke so ging es vielen Leuten in der Welt an diesem Tag.
    Meine Freundin aus Norddeutschland rief an um meinem Mann zu seinem neuen Praesidenten zu gratulieren...wir selber sassen seit 8 Uhr morgens bis 14 Uhr im Schlafanzug auf dem Sofa um nichts zu verpassen....

    es war schon ein eigenartiger Tag, wunderbar und sehr beeindruckend. Es wurden keinerlei Verbrechen registriert und selbst bei ca 4 Millionen Besuchern gab es keine Zwischenfaelle bei denen die Polizei eingreifen musste. Aber nun ist auch in US Hauptstadt der Alltag eingekehrt und man muss abwarten was sich tut.

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