Österreich Still liegt der Berg
Schneeschuhwandern in den Obertauern bietet einmalige Naturerlebnisse abseits der Pisten – auch bei schlechtem Wetter

© Tourismusverband Obertauern
Bei guter Sicht lässt sich von der Seekarspitze aus das Panorama genießen
Wenn die Augen geschlossenen sind, klingt das Geräusch wie das ferne Rollen der Brandung. Mit geöffneten Augen ist es ein Schneesturm, der wütend an den Hotelfenstern rüttelt. Die Hausfront gegenüber bedecken schuppenartige Schneeflecken, von der Dachtraufe hängen armlange Eiszapfen herab. Der Himmel ist grau, die Straßenlampen brennen noch immer, obwohl es schon halb neun ist. Die Masten zittern unter dem Ansturm des Elements, der Wind treibt die Graupelkörner waagerecht vor sich her.
Drinnen im Hotelzimmer ziehe ich die Bettdecke noch ein Stück weiter nach oben, bis über die Ohren. Ausgerechnet für heute ist eine Schneeschuhtour auf die Seekarspitze geplant. Der Ausgangspunkt Obertauern liegt auf 1700 Metern, der Gipfel ist 2350 Meter hoch. Einen Teil der Strecke, so hieß es, könnten wir mit dem Sessellift zurücklegen. Es blieben also gerade mal 350 Höhenmeter, ein Klacks bei normalen Verhältnissen. Doch jetzt möchte ich die Augen am liebsten gleich wieder zumachen. Es nützt nichts: Um neun kommt der Bergführer, in voller Montur, und schon auf den ersten Blick ist klar, dass der Mann mit dem graumelierten Stoppelbart sich von ein paar Schneeflocken nicht aufhalten lässt. „Wir starten trotzdem“, sagt Sepp Schwaiger, „am Nachmittag wird es bestimmt besser werden.“
Am Grünwaldkopf schnallen sich die Wanderer ihre Yetilatschen an. Auf deren Unterseite ragen spitzige Eisenzacken hervor. Wozu die Dinger denn gut seien? „Am Grat oben“, erklärt Sepp Schwaiger, „könnt ihr sie in den vereisten Boden rammen.“ Anschließend kontrolliert der 47-Jährige noch einmal, ob alle ihren Lawinenpiepser aktiviert haben. Dann marschiert er los. Die anderen folgen ihm in kurzen Abständen.
Wie ein zappelnder Lindwurm malt die Gruppe ihre Zickzackspur in den tief verschneiten Hang. Jeder bemüht sich, genau in die Fußstapfen seines Vordermannes zu treten, das spart Kraft. Die grellbunten Teller versinken im weichen Untergrund, bei jedem Schrittwechsel sprüht ein feinkörniger Pulverregen. Über den Köpfen der Wanderer türmen sich bucklige Bergrücken auf, in schmutziges Weiß gehüllt. Es fällt schwer zu beurteilen, wo die Berge aufhören und der milchig graue Winterhimmel beginnt. Es ist beinahe vollkommen still ringsum, kein Motorengeräusch, kein Zivilisationslärm erfüllt die Luft. Außer uns ist niemand in der scheinbar grenzenlosen Schneeeinsamkeit unterwegs.
Etwas später reißt die Nebeldecke tatsächlich ein wenig auf, auch der Wind hat mittlerweile nachgelassen. Zwischen lockeren Baumbeständen zeichnen sich nun die spitzgiebeligen Dächer verstreuter Skihütten ab. Früher, erklärt der Bergführer, seien das alles Almen gewesen. In den primitiven Holzhütten lagerten die Bauern ihr Heu, um es im Winter, zu mächtigen Ballen verschnürt, auf ihren Schlitten ins Tal zu fahren. „Heute rentiert sich die Almwirtschaft jedoch kaum mehr, die hiesigen Bauern haben längst auf den Tourismus umgesattelt.“
- Datum 28.01.2009 - 13:49 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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