Investoren im Fußball Wir wollen die Abramowitsch-Millionen ohne Abramowitsch

Professor Tobias Kollmann schlägt einen Kompromiss vor, wie man Investoren den Weg in den deutschen Fußball ebnen könnte, ohne Fans und Mitglieder zu verschrecken

In dieser Woche hat Hannovers Präsident Martin Kind erneut angekündigt, die 50+1-Regel anzugreifen. "Wir haben ein Konsens-Modell entwickelt, das an alle Klubs verschickt wird", kündigt Kind auf einem Sportkongress in München an. Für den Fall eines Scheiterns werde er vor Gericht gehen. Die 50+1-Regel besagt, dass ein Investor nicht die Stimmenmehrheit an einem deutschen Fußballklub erwerben darf. In England gibt es solche Beschränkungen nicht. Fraglich ist auch, ob die Regel vor einem europäischen Gericht bestehen würde. Professor Tobias Kollmann von der Universität Duisburg-Essen befürwortetdaher ein aktives Gestalten, um eine juristische Auseinandersetzung zu vermeiden. In einem Papier (Agenda 50+1) unterbreitet er dem deutschen Profifußball einen Kompromiss. Elf Regeln schlägt er darin vor, die Vereinen die Möglichkeit geben sollen, Kapitalgebern die Mehrheit zu übertragen, ohne sich an sie zu verkaufen und auszuliefern.

ZEIT ONLINE: In England können wir beobachten, wie Investoren Vereine nach den Gesetzen der Börse feindlich übernehmen und mit ihrer Politik die Fans gegen sich aufbringen. Ist das nicht Warnung genug, die deutschen Regeln zu ändern?

Tobias Kollmann: Englische Verhältnisse sind ein schlechtes Vorbild. Schneller Erfolg, schnelle Rendite, zum Teil über massive Preissteigerungen, und die Selbstdarstellung als Investor, da sollten wir lieber über einen "deutschen Weg" nachdenken. Dazu brauchen wir den Schulterschluss mit allen Beteiligten, wo alle die individuellen Ziele des anderen anerkennen, aber auch den gemeinsamen Erfolg im Auge haben. Dabei müssen die Fans die Renditeabsicht des Investors akzeptieren, der Investor aber auch die Meinung der Fans. Wir wollen die Abramowitsch-Millionen ohne Abramowitsch.

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ZEIT ONLINE: Sie versuchen, Gegner und Befürworter der Mehrheitsregel unter einen Hut zu bringen. Warum soll man die 50+1-Regel überhaupt ändern? Sie hat viele Fürsprecher, und die Argumente der Gegner scheinen schwach. Es liegt keineswegs, wie sie behaupten, nur am Geld, dass deutsche Klubs im Europapokal ausscheiden.

Kollmann: Eigentlich geht es gar nicht um die Frage, ob die 50+1-Regel geändert werden soll oder nicht. Wir haben genug Beispiele, wo Investoren oder Sponsoren weitreichenden Einfluss in einem Verein auch unterhalb der 50+1-Regel haben. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, wie eine sinnvolle Einbindung von Investoren bei Fußballvereinen allgemein aussehen sollte. Wenn Vereine an ihre finanziellen Grenzen stoßen und die üblichen Einnahmequellen erschöpft sind, kann externes Kapital helfen, etwa über den Verkauf von Anteilen an Investoren. In diesem Falle muss man überlegen, wie Investoren zum Wohle aller Beteiligten und im Schulterschluss von Verein, Fans, Sponsoren und Liga eingebunden werden können.

ZEIT ONLINE: Wie kann dieser Schulterschluss aussehen? Stehen sich nicht die Ziele von Fans und Investoren unvereinbar gegenüber?

Kollmann: Nicht unbedingt, denn beide haben ein Interesse an einem erfolgreichen Verein. Der eine aus sportlichen, der andere aus wirtschaftlichen Gründen. Aber es müssen klare Regeln für das Engagement eines Investors gefunden werden, die verhindern, dass sich ein Verein mit Leib und Seele verkauft. Die sportlichen Entscheidungsträger müssen unabhängig bleiben. Zudem muss gewährleistet sein, dass es sich um eine langfristige, strategische Anlage handelt.

ZEIT ONLINE: Trotzdem werden viele Fans Bedenken gegen Investoren haben.

Kollmann: Mir sind die Bedenken vieler Fans gegen Investoren bekannt, und ich teile diese auch in gewisser Hinsicht. Deswegen habe ich versucht, ein Modell zu entwickeln, um den Interessen aller gerecht zu werden: Rückkaufoptionen und ein Vorkaufsrecht sichern den Klubs, dass Anteile vom Investor zurückfließen können. Auch die Fans bleiben nicht außen vor: Durch die Einrichtung eines Fan-Beirates haben auch ihre Stimmen im Kontrollorgan des Vereins Gewicht. Dass der Investor unverhältnismäßige Preissteigerungen bei Tickets und Merchandising durchsetzt, kann eine Preislimitation bewirken. Die Ausschüttungslimitation regelt, dass nicht der gesamte Gewinn an den Investor ausgeschüttet und somit dem Verein entzogen wird.

ZEIT ONLINE: Nehmen Sie die Sorgen der Fans wirklich ernst oder nur auf dem Papier?

Kollmann: Mein Vater war Sportfotograf, und ich bin hinter dem Tor eines Fußballvereins mit der Fankurve im Rücken groß geworden. Es geht mir darum, Möglichkeiten zu finden, um einen Verein mithilfe eines Finanzpartners auf ein neues wirtschaftliches und damit sportliches Niveau zu heben. Was dabei auf jeden Fall zu verhindern ist: die schnelle Rein-Raus-Nummer.

ZEIT ONLINE: Verschiedene Investoren haben verschiedene Interessen. Warum sehen Sie in Ihrer Agenda nicht vor, dass Mitglieder über Besitzerwechsel und neue Besitzer entscheiden?

Kollmann: Zum Ersten wird mit der Installation eines Fan-Beirats ein starkes Gegengewicht garantiert. Ein aus dem Kreise der Fans gewähltes Mitglied kann darüber ebenso eine Stimme im Kontrollgremium erhalten, wie der Investor. Die Fans und Mitglieder könnten so mehr als ein Wort mitreden. Zum Zweiten wird mit der Agenda nicht die Frage beantwortet, wer der Investor ist. Das können die Fans nämlich auch selbst sein.

ZEIT ONLINE: Fürchten Sie nicht, mit Ihrem 11-Punkte-Plan mögliche Investoren zu überregulieren und sie abzuschrecken?

Kollmann: Ich möchte gewährleisten, dass nur diejenigen investieren möchten, die sich langfristig einbringen wollen. Die eine strategische Position aufbauen möchten, etwa im Marketing. Ein gelungenes Beispiel ist Adidas, das 10 Prozent von Bayern München gekauft hat. Die "Guten" lassen sich von meinem Plan nicht abschrecken, die "Bösen" vielleicht. Es trennen sich Spreu und Weizen. Die Möglichkeit, mit dem Investment Geld zu verdienen, wird jedoch nicht beschnitten.

Die Fragen stellte Oliver Fritsch.

 
Leser-Kommentare
  1. Investoren wollen *immer* mehr Geld rausholen, als sie reingesteckt haben.
    Ob die von der Finanzmarktblase hochgejubelten Renditeerwartungen (mit denen schon das produzierende Gewerbe nicht mehr mithalten konnte, und deshalb von Heuschrecken gern überschuldet und ausgeplündert wurde) jetzt zurückgeschraubt werden, bleibt abzuwarten.
    Ist auch egal. Denn wenn das Wachstum am Markt die Renditeerwartungen -- wie hoch diese auch sein mögen -- nicht erfüllen kann, hat gibt es zwei Optionen:
    1) Rückzug des Investors. Dann steht der Verein schlechter da als zuvor, in der Regel pleite oder mit Schuldenberg beladen.
    2) Die Rendite wird aus der Substanz gewürgt, bis nichts mehr da ist, dann -> 1).

    Egal ob die Fans als Teil des Marktes gelten oder als Teil des Vereins: Es ist nahezu sicher, daß sie letzlich die Renditeerwartungen des Investors zu erfüllen haben, vielleicht nicht sofort, aber früher oder später bestimmt. Denn gerade im Sport geht es nun einmal nicht immer nur nach oben.

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