Antisemitismus in Deutschland Der gemeinsame Feind
Mit dem Gaza-Krieg und der Finanzkrise grassieren auch antisemitische Ressentiments. Dabei treffen säkuläre Linke auf gottesfürchtige Fundamentalisten
Die Empörung über den grauenhaften Krieg im Gaza-Streifen ist nur zu verständlich – ebenso wie das Bedürfnis, auf der Straße dagegen zu protestieren. Was sich jedoch in den vergangenen Wochen während der zahlreichen Demonstrationen und Kundgebungen abspielte, verkehrte die friedfertigen Absichten in ihr Gegenteil.
Es war nur eine kleine Episode am Rande, die dennoch viel über die derzeitige Stimmung in Deutschland aussagt: Als kürzlich wütende Demonstranten in Duisburg eine Israel-Fahne an einem Fenster entdeckten, stürmte die Polizei die Wohnung, um die Fahne unter dem Jubel der Menge zu entfernen. Fast zeitgleich protestierten Tausende in Berlin gegen den Krieg im Gaza-Streifen unter Rufen wie "Tod, Tod, Israel", "Juda verrecke" oder "Bombardiert Tel Aviv". Niemand schritt ein, niemand empörte sich – auch nicht die Polizei, die die Demonstration eskortierte.
In vielen anderen deutschen Städten spielten sich ähnliche Szenen ab. In Mainz verjagten Teilnehmer einer antiisraelischen Kundgebung Gegendemonstranten, die israelische Flaggen mit sich trugen, unter Rufen wie "Ihr Judenschweine!" In Hannover wurden auf einer Demonstration israelische Fahnen verbrannt, in Kassel Stände auf einer pro-israelischen Veranstaltung tätlich angegriffen. Gleichzeitig wurden auf vielen Demonstrationen Porträts von Hamas- und Hisbollah-Chefs geschwenkt.
Es scheint, als ob sich bei den Protestaktionen der vergangenen Wochen vielmals nicht so sehr der Wunsch nach Frieden im Nahen Osten artikulierte, sondern eher der Hass auf Israel und die Juden. Offenbar können diese alten Ressentiments heute in Deutschland und Europa wieder mit größter Selbstverständlichkeit zum Ausdruck gebracht werden – so offen wie wohl noch nie in der Nachkriegszeit. Auch aus Frankreich, Belgien, Schweden und Dänemark werden Übergriffen auf Juden und Anschläge auf Synagogen gemeldet. Großbritannien verzeichnet einen Rekord an antisemitischen Vorfällen. In Deutschland seien israelische und jüdische Einrichtungen und Personen "jetzt besonders stark gefährdet", warnte jüngst Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm.
Wer seinen Unmut über diese neuen Formen des Antisemitismus in den vergangenen Wochen offen zeigte, musste um seine körperliche Unversehrtheit fürchten. Proteste gegen die judenfeindlichen Kundgebungen gab es allerdings auch kaum. Es sind nicht nur die üblichen Verdächtigen wie fundamentalistische Fanatiker, die sich derart bemerkbar machen. Im Gegenteil: In der Regel laufen die zumeist linken deutschen Bündnispartner solidarisch mit. Und die intellektuelle Ikone der Antiglobalisierungsbewegung, Naomi Klein, marschiert zurzeit stramm vorne weg. Im Guardian forderte sie unlängst, israelische Waren zu boykottieren.
Wie die " No Logo "-Autorin betrachten viele Linke das kritikwürdige israelische Vorgehen in diesem neuen Krieg wieder einmal sofort reflexhaft als Signum der verwerflichen westlichen Weltwirtschaftsordnung. Sie haben dafür eine denkbar einfache moralische Erklärung zur Hand: Auf der einen Seite vermuten sie die unterdrückten und geknechteten Völker aus den verarmten Weltregionen, auf der anderen Seite die Unterdrücker, allen voran die USA und ihr eifriger Helfer im Nahen Osten: Israel.
- Datum 28.01.2009 - 11:43 Uhr
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