Antisemitismus in Deutschland Der gemeinsame FeindSeite 2/2
Ein Ineinandergreifen verschiedener auch gegenläufiger und widersprüchlicher Prozesse von Täterschaft und Opfertum, von Aggressionen auch innerhalb einer vermeintlich homogenen Gruppe, hat in solch einem Weltbild keinen Platz.
Die Etablierung derart schlichter Feindbilder mit allerhand eklatanten Widersprüchen - die Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen darf nicht leiden, die Zivilbevölkerung in Israel wird jedoch unisono in ideologische Sippenhaft genommen - zeugt lediglich von dem Wunsch nach verlässlicher Orientierung in einer zunehmend komplexen Welt mit diffizilen Konflikten. Daher auch der Wunsch, sich auf eine Seite zu schlagen und sich mit einem vermeintlichen Kollektiv – dem "palästinensischen Volk" - zu identifizieren. Als wenn gerade der Nahost-Konflikt auf einen einfachen Nenner zu bringen wäre.
Unterschwellig funktioniert dieses merkwürdige Bündnis zwischen säkularen Linken und gottesfürchtigen Fundamentalisten nach dem simplen Motto: Der Feind meines Feindes sei mein Freund. Die denkbar ungleichen Demonstrationsbrüder vereint ferner die unterschwellige Sympathie für den Underdog, der nichts anderes im Sinn hat als den selbstlosen Versuch, die ungerechte Weltordnung zu überwinden. Die vielen öffentlichen Hinrichtungen, die seit dem Regime der Hamas im Gaza-Streifen in iranischer Manier vollzogen worden sind, die Ermordungen oder Misshandlungen vieler Fatah-Mitglieder dürften den Linken weniger gefallen als den Hamas-hörigen Fundamentalisten. Aber solcherart unschöne, das Bild störende Details werden von den Linken gern ausgeblendet.
Umgekehrt hingegen sind sich die religiösen Fundamentalisten der Unterschiede sehr wohl bewusst, die neuen Unterstützer von links werden bestenfalls funktionalisiert. Nach der iranischen Revolution gehörten Linke zu den Ersten, die in die Gefängnisse wanderten, wenn sie nicht gleich an die Wand gestellt wurden. Und Homosexuelle, Frauenrechtlerinnen und linke Atheisten müssen im Gaza-Streifen um ihr Leben fürchten. Kritik von der Linken an diesen Verhältnissen muss man mit der Lupe suchen.
Darüber hinaus schürt die aktuelle Wirtschaftskrise das grassierende antisemitische Ressentiment. Der epochale Finanzcrash dient vielen Linken, nicht zu Unrecht, als Exempel für ein sozial ungerechtes Wirtschaftssystem, das niemand mehr so recht in seiner Struktur und Handlungsweise zu durchschauen vermag. Umso größer ist die Ohnmacht angesichts des weltumspannenden Desasters: Was liegt da näher, als dunkle Machenschaften zu vermuten und das abstrakte Geschehen zu personalisieren? Ging diese Entwicklung denn nicht (wieder einmal) auch von der US-amerikanischen Ostküste aus, von Finanzgrößen, die auf jüdische Namen wie Lehman Brothers oder Madoff hören?
Auch bei den Linken gibt es eine unselige Tradition, die Kritik am Kapitalismus auf die angeblich raffgierigen und parasitären "Köpfe" der Finanzmärkte zu reduzieren. Eine Reduktion, die mindestens unterschwellig antisemitische Ressentiments bedient. Wer nur kurz im Internet sucht, findet zur Finanzkrise eine wahre Flut von Verschwörungstheorien, ähnlich wie zu den Anschlägen vom 11. September 2001. Umso besser, wenn man diese Deutungsversuche auch noch gleich auf das unübersichtliche Nahost-Geschehen anwenden kann.
- Datum 28.01.2009 - 11:43 Uhr
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