Private Banker Im Biotop der Geldgierigen

Sie sollen das Vermögen ihrer Kunden mehren, doch sie nehmen die Wohlhabenden schamlos aus: René Zeyer erzählt in seinem Buch von der Dekadenz Schweizer Banker

Dieses Buch passt in einen Satz: Bei der Weltfinanzkrise handelt es sich "um einen gewaltigen Diebstahl ..., bei dem Alan (Greenspan) wenn nicht die Strippen zog, so doch Schmiere stand." So jedenfalls schreibt der Autor René Zeyer in seinem Nachwort.

Von den Dieben, wie er sie sieht, erzählt Bank, Banker, Bankrott – Storys aus der Welt der Abzocker. Das Buch handelt von den leitenden Angestellten großer Schweizer Finanzinstitute, deren Geschäft es ist, die Vermögen wohlhabender Kunden zu verwalten – das heißt: die Depots möglichst häufig umzuschichten, der Provisionen, Gebühren und Kommissionen wegen. Seine Akteure übertreffen jedes gängige Vorurteil über geldgierige Banker bei Weitem. Es sind arrogante Blender, Duckmäuser und Speichellecker, ohne einen Funken Anstand im Leib, Ignoranten und zugleich Versager. Zusammen bevölkern sie ein irres Panoptikum.

Da ist der Kundenberater, dessen Gedanken allzu meist um die Frage kreisen, mit welchen prestigeträchtigen Anschaffungen er unter Klienten und Vorgesetzten den größten Eindruck schinden kann. Oder sein Kollege, der den Kunden unsinnige Fondsanteile verkauft, als die Krise schon völlig entfesselt ist. Der Firmenretter, der den Betrieb in seiner Obhut erst recht in den Konkurs treibt. Der Spekulant, der seinen Arbeitgeber durch windige Geschäfte um 50 Millionen Franken gebracht hat, ohne dass es jemand merkte.

Gefeuert wird er nicht. Weil die Kunden am Ende ja ihre Gelder abziehen könnten, sollte das Missgeschick an die Öffentlichkeit kommen, erhält er zum Abschied eine üppige Abfindung, obendrauf noch sein Gehalt inklusive Boni, Sekretärin und Büro für die kommenden zehn Jahre.

Die Botschaft ist deutlich: Dieses System verlangt skrupellose Mitarbeiter. In 88 Episoden, anekdotenhaft aus dem Leben seiner Protagonisten erzählt, skizziert Zeyer ein Biotop der Gier. Das liest sich leicht und ist manchmal enervierend, wenn Zeyers Figuren allzu viele Banker-Phrasen dreschen. Die Kernaussage seiner Geschichten erschließt sich schon nach wenigen Seiten: Diesen Bankern ist das Vermögen ihrer Kunden völlig schnuppe. Ihnen geht es allein um ihren Bonus, denn ohne den wären sie nichts.

Ihr dekadentes Gebaren aber, das ist Zeyers These, ist nur möglich, weil die amerikanische Notenbank unter Alan Greenspan die Zinsen allzu lange sträflich niedrig hielt und niemand die Schwemme an hochriskanten Krediten aufhielt, die daraus erwuchs. Verbrieft und umverpackt, unter kräftiger Mithilfe von Analysten und Investmentbankern aus aller Welt, landeten diese Darlehen schließlich auch in den Depots der Schweizer Geldhäuser.

Zeyers Banker lassen nichts aus. Weil ihre exorbitanten Gehälter offenbar für ein standesgemäßes Leben nicht reichen, reisen sie munter auf Firmenkosten durch die Welt, laden neureiche Russen, Amerikaner oder Deutsche nach London oder Berlin ein, spendieren die Luxus-Suite, den Opernbesuch, das Dinner im Nobelrestaurant und selbstverständlich auch den Escortservice, der alle Sonderwünsche diskret erfüllt.

Unnötig zu sagen, dass manche Kunden in Zeyers Buch kaum besser wegkommen als die Banker, und dass die Frauen in seinen Geschichten fast ausschließlich Prostituierte, Putzfrauen, Sekretärinnen oder naive Dummchen sind. Zwischendurch werden um ihr Geld besorgte Klienten mit leeren Phrasen abgebügelt, Mitarbeiter ausgenutzt, gemobbt und schikaniert, es fließt der Champagner in Strömen, in Zürich oder Liechtenstein melden sich die Russen-Mafia und auch mal die deutsche Steuerfahndung.

So ist sie eben, die Welt des großen Geldes. Alles bloß Klischee? Ganz und gar nicht, sagt der Autor, ehemals freier Journalist und Korrespondent der Neuen Züricher Zeitung in Havanna, heute Kommunikationsberater der Finanzbranche in Zürich. In Wirklichkeit sei alles noch viel schlimmer als in seinem Buch beschrieben. Seine Anekdoten habe er dem wahren Leben ihm bekannter Banker entnommen.

Man ist geneigt, ihm zu glauben. Ein anderer Insider berichtete Ähnliches: Geraint Anderson verfasste unter dem Pseudonym "Cityboy" jahrelang Kolumnen über das dekadente Leben der Londoner Banker, unter denen er einst arbeitete, ganz ohne etwas vom Finanzmarkt zu verstehen.

Dass Viele in der Bankenwelt den Bezug zur Realität längst verloren haben, erscheint sowieso klar in Zeiten, in denen Banken Staatshilfen in Anspruch nehmen und dennoch Boni an ihre Beschäftigten ausschütten (wie die deutsche IKB oder die amerikanische Merrill Lynch). In Zeiten, in denen Banken geschasste Manager mit Millionen-Abfindungen entschädigen, obwohl diese für gigantische Verluste verantwortlich sind (wie einst die Schweizer UBS), oder in Zeiten, in denen Vorstandsvorsitzende, die gerade ihr Institut an den Rand des Zusammenbruchs manövriert haben, ihr Büro für 1,2 Millionen Dollar neu einrichten lassen (wie John Thain, der ehemalige Chef von Merrill Lynch).

Zeyers Bilanz ist deshalb düster: "Wenn sich die Weltwirtschaft vom größten Bankraub aller Zeiten erholen wird, werden die Banker genau so weitermachen wie hier beschrieben." Es sei denn, Ben Bernanke erhöht die Zinsen. Doch danach sieht es im Moment nicht aus.

 
Leser-Kommentare
  1. wer früher stirbt, ist länger tot ...

    bin ich gottfroh, dass ich nicht bankster geworden bin (ich mochte keine krawatten tragen ...) ! in dieser total korrumpierten clique hätte ich mich bestimmt nicht wohl gefühlt. das ist, wie es unser ehemaliger bundeskanzler adenauer ausgedrückt hat, auch "ein abgrund von landesverrat" ...

    gruss MK

    • self22
    • 28.01.2009 um 22:30 Uhr

    die Banker nach einer fürchterlichen Pleite auch noch Boni kassieren?? (IKB)
    Was machen eigentlich unsere (Volks)-Vertreter in dieser komischen parlamentarischen Demokratie???

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    Weil wir eine Demokratie sind

    Das wird jedenfalls behauptet,
    um dann vom "Frust der Bürger auf die Demokratie zu sprechen"

    Weil wir eine Demokratie sind

    Das wird jedenfalls behauptet,
    um dann vom "Frust der Bürger auf die Demokratie zu sprechen"

  2. Weil wir eine Demokratie sind

    Das wird jedenfalls behauptet,
    um dann vom "Frust der Bürger auf die Demokratie zu sprechen"

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