Bolivien Die Stunde der Ureinwohner
Bolivien hat entschieden: Präsident Morales darf den Andenstaat mit seiner sozialistischen Verfassung neu gründen. Doch zur Versöhnung im Land trägt das wenig bei
Sie mögen die Pachamama oder den lieben Gott um ein Wunder bitten, doch den Kern ihrer Probleme werden die Bolivianer in absehbarer Zeit nicht lösen. Am Sonntag stimmten sie über eine neue Verfassung für ihr Land ab.
Präsident Evo Morales und seine sozialistische Regierung sehen in dem per Volksabstimmung angenommenen Verfassungstext den entscheidenden Schritt zur „Neugründung Boliviens“. Ein „plurinationaler“ Staat soll ein für allemal die Bürgerrechte der indigenen Bevölkerung im Andenstaat garantieren und so mit ihrer ein halbes Jahrtausend währenden Unterdrückung durch die Weißen endgültig brechen.
Die Opposition, welche die abtrünnigen Provinzen von Santa Cruz, Beni, Chuquisaca und Tarija beherrscht, intensivierte zuletzt ihre Kampagne gegen Morales und seine neue Verfassung. Als rassistisch, gottesfeindlich und diktatorisch bezeichnete sie das Bestreben des Staatschefs. Und bereiteten sich darauf vor, nach dem Referendum den Konflikt mit der Regierung in La Paz weiter eskalieren zu lassen.
Die echte Herausforderung Boliviens bleibt allerdings unbeantwortet: Weder der Streit zwischen Morales, dem ersten indigenen Präsidenten, und seinen vornehmlich weißen Gegnern noch die neue Verfassung bieten eine gerechte Lösung für die in 500 Jahren der Unterdrückung gewachsenen Ressentiments gegen die Ureinwohner und deren Nachkommen. Der Wille zur nationalen Versöhnung, die für das Land eine neue Ära bedeuten würde, schwindet.
„Es geht um Evo! Denn wir wollen alle, dass er an der Macht bleibt.“ Es ist die Stimme eines der zahlreichen Mitglieder des Aymara-Stamms aus der weiten Zentralregion Cochabamba. Sie ist zugleich die Stimme der mehr als anderthalb Millionen Bolivianer, die die neue Verfassung willkommen heißen.
Tatsächlich strömten die Indigenen aus 36 verschiedenen Völkern an die Wahlurnen, damit die Regierung der „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS, Movimiento al Socialismo) von Evo Morales die Macht nicht verliert. Und sie dürfen sich freuen: Zwei Drittel der Wahlberechtigten stimmten für die (wie es in der Präambel steht) „sozialistische“, „antikoloniale“ und „antiimperialistische“ Verfassung.
Der populäre Morales, ein ehemaliger Kokabauer und Gewerkschafter, wird weiter regieren und das linkes Projekt für das Land zu Ende bringen dürfen – mit Hugo Chávez, dem mächtigen Ölpräsidenten Venezuelas, in seinem Rücken. Aber um welchen Preis?
Der Verfassungsentwurf, der jetzt – ob vorübergehend oder dauerhaft – zum Grundstein des bolivianischen Staates wurde, war am 25. Oktober 2008 vom Kongress ratifiziert worden. Eine riesige Menschenmasse mit Evo Morales an der Spitze hatte sich um das Abgeordnetenhaus versammelt und verlangte, die Entscheidung über die Neugründung des Landes in die Hände des Volkes zu legen.
Schon im August hatte Morales einen Volksentscheid für sich entschieden und damit eine neue Legitimation erreicht. Aber erst nach nervenaufreibenden Stunden im Regierungssitz in La Paz zerbrach endlich der Widerstand seiner Gegner: Gegen das Versprechen, dass er im Falle eines Scheiterns nicht nach einer Wiederwahl streben würde, gab man dem Verfassungstext freien Lauf.
Der neue Text wurde in einer Reihe von Gesprächsrunden unter der Aufsicht internationaler und religiöser Organisationen verbessert und schließlich von der Opposition angenommen. Die Entscheidung bewirkte sofort die Milderung des enormen politischen Drucks, der 2008 eine blutige Eskalation im Konflikt zwischen den Anhängern der indigenen Bewegungen und der Opposition verursacht und das Land bis an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht hatte.
Begonnen hatte das Ganze mit dem egalitaristischen Vorbild der Französischen Revolution: „Ein Volk hat stets das Recht, seine Verfassung zu überprüfen, zu reformieren und zu ändern“, so steht es auf den Werbebroschüren, die die Regierung verteilte. Das Ziel der Gründungsväter Boliviens war es gewesen, einen Staat zu errichten, der „die ethisch-moralischen Prinzipien einer pluralistischen Gesellschaft übernimmt“. Auch der südamerikanische Befreiungsheld Simón Bolívar, Namensgeber für das Land, hatte sich einen Staat gewünscht, der alle ethnischen und historischen Rivalitäten überwinden sollte.
Das allerdings sucht man vergeblich in dem neuen Gründungstext. Auf Quechua, der Sprache von 2,6 Millionen Bolivianern, erwirkt zumal der 8. Artikel den gegensätzlichen Eindruck: Die Weltanschauung der Indigenen wird in den Vordergrund der Verfassung gerückt – ungeachtet anderer Teile der Gesellschaft ohne bestimmte ethnische Zugehörigkeit.
Dass Bolivien ein „einheitliches Land“ ist, stand bereits in der alten Verfassung. Aber dass die neue Definition Bolivien nun wiederum als „einheitlich“ bezeichnet, ist eher als eine Positionierung gegenüber der Opposition und ihrem Bestreben nach Autonomien zu verstehen.
Aber die wichtigste Neuerung ist zweifelsohne die Ausrufung des Landes als „plurinationaler“ Staat. Genau dies bringt jedoch die größten Schwierigkeiten mit sich. „Plurinational“ bedeutet, dass die 36 offiziell anerkannten indigenen Völker, die auf bolivianischem Territorium leben, über dieselben von der Verfassung garantierten Rechte verfügen sollen wie alle anderen Bürger des Landes. „Das Problem ist hier, dass die Verfassung nicht festhält, wer diese ‚anderen Bürger’ überhaupt sein sollen. Sie sind kein Volk, sie sind kulturell und religiös vielfältig und definieren sich selbst mehrheitlich nicht als indigen“, sagt der Forscher Buitrago.
Der Preis der Weiterführung des sozialistischen und integrativen Projekts von Evo Morales durch eine Neugründung des Landes ist die Zerstörung des Wesens der Verfassung: Das Land verpasst die einzigartige Chance, einen egalitären Staat zu gründen, in dem die Indigenen mit dem Rest der Bevölkerung Boliviens in Eintracht zusammenleben können.
Die Regierung wie die Opposition machen beide aus der neuen Verfassung ein politisches Instrument. Die Versöhnung zweier Weltanschauungen – die westliche auf der einen, die indigene auf der anderen Seite – steht weiterhin aus. Lediglich ein Rollenwechsel fand durch das Referendum statt: Die Unterdrückten rebellieren, ergreifen die Macht und rächen sich an den alten Herrschern.
- Datum 07.12.2009 - 10:16 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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...das ist jetzt eine echte Bewährungsprobe für Barack Obama: Kann er die CIA und die geerbten "Falken" daran hindern Bolivien zu destabilisieren ? Oder ertragen es die USA zum ersten Mal in der Geschichte, daß eine Nation ihr Schicksal, unabhängig von US-amerikanischen Interessen, selbst bestimmt ?
Welche Art "Revolution" haben die USA wohl für Bolivien in der Schublade ? Orangen und Rosen hatten wir schon, Militärschlag und Destabilisierung auch. Es bleibt spannend...
leider . Es wird sich wohl zeigen müssen ob Obama hinter all den Worten auch zu Taten bereit ist und auch die MAcht hat taten zu verhindern oder ob er als Persident eher eine Puppe wird die von den Falken in ihre Richtung gelenkt wird.
Ich frage mich allerdinga auch warum die westliche Welt glaubt das nach 500 Jahren unterdrükung nun eine neu Regierung kein recht auf rache hätte oder das die Mentschen kein Interesse an Rache hätten , ist doch Rache eins der menschlichsten Gefühle die wir alle nur zu gut kennen.
Aber die Neue Verfassung kan sich ja noh entwikeln und verändern und durch Gerichte ausgelegt werden, so das sich über die Zeit ebend diese Versönung einstellen kann die die alte Verfassung immer komplet verhindert hat.
Diese Verfassung hat, genau wie Morales' Ideologiemischmasch, mit "Sozialismus" mal gar nichts zu tun. Im Wesentlichen scheint sein Projekt auf Antiamerikanismus (fälschlicherweise oft als "Antikapitalismus" verstanden), Nationalismus und völkischem Denken zu basieren. Das Ergebnis kann nicht Sozialismus, sondern nur ein Nationalkapitalismus sein. Möglicherweise mit staatlichen Monopolen, aber auch das hat mit "Sozialismus" wenig zu tun.
...eigentlich gar keiner. Verfassungen haben in Südamerika selten eine besonders lange Lebenszeit. Es ist nur eine weitere Umdrehung der immergleichen Mühle.
Ja, es ist gut die Rechte der indigenen Bevölkerung zu schützen. Es ist wichtig, dass die Jahrhunderte der Unterdrückung endlich überwunden werden.
Aber es ist auch wichtig nicht über das Ziel hinaus zu schießen. Auch die Rechte der ehemaligen Eliten müssen geschützt werden. Nicht nur, um moralisch überlegen und damit legitimiert zu bleiben. Im Interesse aller. Denn auch die indigene Bevölkerung leidet, wenn das Land durch eine Eskalation des Konfliktes destabilisiert wird. Damit ist niemandem geholfen. Die populistischen Staatschefs müssen noch lernen in größeren Zeiträumen zu denken, Staaträson zu denken. Anders wird sich langfristige Entwicklung wenn überhaupt, dann wo anderes abspielen, da brauchen die US-Amerikaner nichts, aber rein gar nichts, dazu tun.
"Ja, es ist gut die Rechte der indigenen Bevölkerung zu schützen. Es ist wichtig, dass die Jahrhunderte der Unterdrückung endlich überwunden werden.
... Auch die Rechte der ehemaligen Eliten müssen geschützt werden. Nicht nur, um moralisch überlegen und damit legitimiert zu bleiben."
Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.
Beides zusammen geht nicht. Und wie Sie eine "moralische Überlegenheit" der ehemaligen Eliten halluzinieren können ist völlig unbegreiflich. Oder gilt Korruption und Unterdrückung in diesen marktliberalen Zeiten als Moral der herrschenden Eliten und ist somit moralisch?
Große historische Fortschritte haben (leider? oder nicht leider?) selten Rücksicht auf die vermeintlichen Bedürfnisse sog. Eliten genommen. Siehe Französische Revolution. Anders verhielt es sich etwa bei der Revolution 1918/19 in Deutschland. Hier wurde sehr viel Rücksicht auf die Eliten genommen - worauf hin diese ihre verbliebene Macht nach ein paar Jahren ganu ungeniert dazu verwenden konnten, die Republik wieder abzusägen. Wa wohl doch keine gute Idee, das "es jedem recht machen".
"Ja, es ist gut die Rechte der indigenen Bevölkerung zu schützen. Es ist wichtig, dass die Jahrhunderte der Unterdrückung endlich überwunden werden.
... Auch die Rechte der ehemaligen Eliten müssen geschützt werden. Nicht nur, um moralisch überlegen und damit legitimiert zu bleiben."
Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.
Beides zusammen geht nicht. Und wie Sie eine "moralische Überlegenheit" der ehemaligen Eliten halluzinieren können ist völlig unbegreiflich. Oder gilt Korruption und Unterdrückung in diesen marktliberalen Zeiten als Moral der herrschenden Eliten und ist somit moralisch?
Große historische Fortschritte haben (leider? oder nicht leider?) selten Rücksicht auf die vermeintlichen Bedürfnisse sog. Eliten genommen. Siehe Französische Revolution. Anders verhielt es sich etwa bei der Revolution 1918/19 in Deutschland. Hier wurde sehr viel Rücksicht auf die Eliten genommen - worauf hin diese ihre verbliebene Macht nach ein paar Jahren ganu ungeniert dazu verwenden konnten, die Republik wieder abzusägen. Wa wohl doch keine gute Idee, das "es jedem recht machen".
"Ja, es ist gut die Rechte der indigenen Bevölkerung zu schützen. Es ist wichtig, dass die Jahrhunderte der Unterdrückung endlich überwunden werden.
... Auch die Rechte der ehemaligen Eliten müssen geschützt werden. Nicht nur, um moralisch überlegen und damit legitimiert zu bleiben."
Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.
Beides zusammen geht nicht. Und wie Sie eine "moralische Überlegenheit" der ehemaligen Eliten halluzinieren können ist völlig unbegreiflich. Oder gilt Korruption und Unterdrückung in diesen marktliberalen Zeiten als Moral der herrschenden Eliten und ist somit moralisch?
Große historische Fortschritte haben (leider? oder nicht leider?) selten Rücksicht auf die vermeintlichen Bedürfnisse sog. Eliten genommen. Siehe Französische Revolution. Anders verhielt es sich etwa bei der Revolution 1918/19 in Deutschland. Hier wurde sehr viel Rücksicht auf die Eliten genommen - worauf hin diese ihre verbliebene Macht nach ein paar Jahren ganu ungeniert dazu verwenden konnten, die Republik wieder abzusägen. Wa wohl doch keine gute Idee, das "es jedem recht machen".
Bevor Sie nun mit der Sammelbüchse für die geschundenen Eliten Boliviens rumlaufen bedenken Sie, daß lediglich die Verfassung geändert wurde, um die rechtliche Vorherrschaft der Conquistadores zu brechen.
Sie müssen nicht nach Bolivien reisen, um festzustellen, daß die verfassungsmäßig garantierte Gleichheit vor dem Gesetz die geliebten Eliten nicht ernsthaft gefährdet - im Gegenteil, es verleiht ihnen eine scheinbare Legitimität.
Besuchen Sie einmal ein Wochenendseminar zur deutschen Geschichte, Sie werden schnell merken wie der Hase läuft.
Lieber Herr Jiménez,
meiner Meinung nach kommt in Ihrem Artikel viel zu wenig zum Ausdruck, welche Chancen die neue Verfassung bietet. Da Sie Kolumbianer sind, nehme ich natürlich an, dass Sie den Originaltext gelesen haben - der sich ja wohl nicht in der Spanischen von der Quetchua-Version unterscheidet!
"Auf Quechua, der Sprache von 2,6 Millionen Bolivianern, erwirkt zumal der 8. Artikel den gegensätzlichen Eindruck: Die Weltanschauung der Indigenen wird in den Vordergrund der Verfassung gerückt – ungeachtet anderer Teile der Gesellschaft ohne bestimmte ethnische Zugehörigkeit."
Ihr konstruiertes Gebilde aus dem Wort "plurinational" halte ich für ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Die anderen Teile der Gesellschaft "ohne bestimmte ethnische Zugehörigkeit" sind Weiße, die eine ähnlich in sich stimmige Gruppe bilden wie die anderen Ethnien. Sie stellen es dar als würde der Begriff die Zersplitterung weiter befördern - das denke ich nicht.
Fest steht doch, dass die indigenen Völker Boliviens benachteiligt wurden und werden und inhaltlich bietet die neue Verfassung meiner Meinung nach, wenn man sie liest viele Chancen!
Es kam zu einer demokratischen Abstimmung mit einer solchen Mehrheit - so what?
Morales ist zu kritisieren - zweifelsohne. Er muss der Welt klar machen, dass er nicht Chavez ist. Er hat den Fehler begangen die internationalen Geldgeber zu vergraulen und dabei nicht - wie Lula - einen guten Mittelweg gefunden. Das ist ihm vorzuwerfen - doch nicht, wie in anderen Medien, dass er jetzt öfters wiedergewählt werden darf. Schauen wir doch mal in auf uns. Wir hatten auch schonmal 16 Jahren den gleichen Regierungschef.
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