Aufsichtsratswahl Hamburger SV Aufstand ausgefallen
Auch wenn die Fanvertreter erfolglos blieben: Gewinner der Wahl ist der HSV. Nirgendwo anders im Profifußball hat das Volk so viel Mitspracherecht. Ein Kommentar
Hamburg hat konservativ gewählt. Korrigiere: Hamburg hat extrem konservativ gewählt. Kontinuität statt "Change" (wie es anmaßend mit Verweis auf die neue amerikanische Regierung auf einem Flugblatt hieß). Von den vier Supporters, die für den Aufsichtsrat des Hamburger SV kandidierten, hat kein einziger die notwendigen Stimmen erhalten. Nicht der beliebte Vorsänger aus der Kurve, Johannes Liebnau, nicht der argumentativ und rhetorisch starke Journalist Manfred Ertel. Ingo Thiel und Anja Stäck waren ohnehin nur Außenseiter. Der Aufstand der Fans ist ausgefallen.
Die neuen und zum Teil alten Aufsichtsratsmitglieder sind fast ausnahmslos Unternehmer, seriöse, aber meist blasse Männer.
Der große Sieger ist Bernd Hoffmann, obwohl er gar nicht zur Wahl stand. Zumindest nicht offiziell. Die Erleichterung in seinem Gesicht und die Gratulationen, die er entgegennahm, sagten jedoch: Mit dem neuen Aufsichtsrat wird seine Arbeit als Vorstandsvorsitzender nicht schwerer werden (wie das der Fall gewesen wäre, wenn er künftig seinen Kurs von den Fanvertretern hätte kontrollieren lassen müssen). Hinzu kommt: Hoffmanns Vorgänger und sein Gegner Jürgen Hunke wurde nicht wiedergewählt. Hoffmann fiel es nach der Wahl schwer, seine Genugtuung hinter versöhnlichen Worten an die Verlierer zu verbergen.
Gewinner ist auch der HSV. Der Verein, der es schafft, nahezu 5000 Mitglieder zu einem fruchtbaren Sitzungsmarathon zu versammeln und sie in eine solch wichtige Entscheidung einzubinden, ist ein Unikat. Nirgendwo anders im Profifußball hat das Volk so viel Mitspracherecht. Der Souverän hat eine souveräne Entscheidung gefällt: Freie Hand für Hoffmann, unter dessen Führung der HSV zu seiner Rolle als mächtiger Bundesligist zurückgefunden hat.
Verlierer sind die Supporters. Ihr Fehler war es, das Maß verloren zu haben. Viele Fans, die deren Engagement prinzipiell schätzen, sind der Meinung, dass ihre Vertreter zu weit gehen wollten. Der Auftrag aus den eigenen Reihen heißt nun: Für die Belange der Mitglieder sollt ihr da sein, in wirtschaftlichen, politischen und sportlichen Fragen habt Ihr nicht mitzureden!
Die Basis hat die Beteuerungen der Hoffmann-Kritiker im Wahlkampf nicht geglaubt. Eine "Ypsilanti des HSV", wie es ein Redner zu Beginn treffend ausdrückte, wollten die Mitglieder nicht erleben. Der Favorit der Fans ist Ex-Profi Sergej Barbarez. Dass er sich durchgesetzt hat und nicht der versiertere Liebnau, macht die Niederlage für die Supporters besonders bitter.
Vergebens war das Engagement der Supporters nicht. Sie dürfen sich gutschreiben, Hoffmann ein Versprechen abverlangt zu haben: In seiner Rede gestand er, es sei ein Fehler gewesen, 97 Euro für ein Ticket zu verlangen: "Sorry, kommt nicht wieder vor." Hoffmann wurden Grenzen gesetzt, und er muss weiter damit leben, dass die HSVer die Frage im Hinterkopf tragen: Wie weit würde der Einzelspieler Hoffmann gehen, wenn er tun und lassen könnte, was er will?
- Datum 26.01.2009 - 12:23 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Sie liegen richtig mit Ihrer Aussage, dass die Supporter sich selbstüberschätzt haben. Hier wäre noch zu klären, ob dies aus eigenem Antrieb geschah oder sie fehlgeleitet wurden. Die eigenartige Unterstützung durch den - von den Supporters finanziell "gesponsertem" - Seniorenrat schien mir doch etwas verwunderlich.
Etwas unkorrekt ist Ihre These, dass Hamburg extrem konservativ gewählt hat. Nicht Hamburg hat gewählt, sondern gut 4.000 Mitglieder des HSV aus allen Teilen der Republik. Es wurde auch nicht extrem konservativ entschieden - vielmehr scheint es mir eine Wahl (um es politisch auszudrücken) der bürgerlichen Mitte zu sein.
Die AR-Mitglieder sind meist blasse Mäner? Dies kann ich nicht so stehen lassen; ich denke, dass gerade diese Zusammensetzung den Vorstand dazu nötigt, künftige Vorlagen und Pläne so perfekt darzulegen, dass dieses kritischere AR-Gremium den Vorhaben bedenkenlos zustimmt.
Natürlich leben wir hier in Deutschland in einer Demokratie. Das ist auch gut so! Aber wir können diese Demokratie nicht in ihre Einzelteile zerlegen und sie beispielsweise in einem großen Sportverein wieder zusammensetzen. Warum eigentlich nicht?
Weil ein Verein (der HSV) ein anderes Fundament als eine demokratische Grundordnung benötigt. In einem zeitgmäßen demokratischen Selbstverständnis ist es durchaus vorstellbar, plebiszitäre Elemente zu integrieren. Die Schweiz könnte hier als Musterbeispiel herhalten. Gleichsam aber wäre dieses Land auch ein abschreckendes Beispiel für eine Übertragung des plebiszitären Gedankens auf den HSV.
Soll abgestimmt werden, mit wie viel Stürmern der HSV
bei Heimspielen antritt?
Soll z.B. per Mehrheitsbeschluss verkündet werden, in Heimspielen ab sofort mit vier oder gar fünf Stürmern zu spielen? Natürlich würde das vielen Anhängern des Hamburger Sport-Vereins gefallen! Aber wäre es langfristig auch die richtige Entscheidung?
Die emotionale Nähe zu einem Lieblingsverein reicht nicht aus, um mit intellektueller Redlichkeit diesen Verein mitverantwortlich führen zu können. Es gibt ein Beispiel - leider ist es negativ - für diese These: Uwe Seeler. Das Aushängeschild überhaupt beim HSV! Er, der erst von vielen - den Fans, der Presse und einigen Hamburger Wirtschaftsführern - in diese Position gedrängt wurde, scheiterte an den unterschiedlichen Interessen der diversen Vorstands- und Aufsichtsratsmitgliedern und nicht zuletzt auch an seiner eigenen Naivität bzw. Unerfahrenheit.
Mit Bauch und mit Verstand
Ein Sportverein wie der HSV ist nicht allein aus der Bauchregion heraus zu führen. das hat schon - zu Kevin Keegan-Zeiten - der damalige Präsident Dr. Peter Krohn erkannt.
In einer parlamentarischen Demokratie delegieren die Wähler die Entscheidungsmacht an die Mandatsträger. In einzelnen Fragen stimmen sie nicht mit ab. Insofern ist doch die Parallele zum HSV gegeben.
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