ZEIT ONLINE:  Lieber Herr Lanzmann, Sie haben gerade einen Vortrag mit dem Thema "Berlin 1948 bis 2008" gehalten. Tatsächlich scheinen 60 Jahre ein magisches Alter zu sein, zwei Generationen lassen sich darunter fassen. Was bedeuten Ihnen diese 60 Jahre?

Claude Lanzmann: Wissen Sie, ich habe kein Alter. Die 60 Jahre, die seit meinem ersten Besuch in Deutschland vergangen sind, fühle ich gar nicht. Sie sind eine Sekunde und wie 60 Jahre, oder besser: Als sei die Zeit gar nicht vergangen.

ZEIT ONLINE:  Erst kämpften Sie in der Résistance gegen das faschistische Deutschland, dann kamen Sie nach Berlin, um 1948 an der Freien Universität zu lehren. Warum?

Lanzmann:  Ich hatte eine gute Zeit dort. Ich war nicht einmal 24 Jahre alt, hatte mit deutschen Studentinnen einige Affären ( lächelt ). Vor allem aber lag der Weltkrieg für mich 1948 schon lange zurück. Deutschland war trotz Hitler für mich das Heimatland der Philosophie: Kant, Hegel, Leibniz. Ich studierte zunächst Philosophie in Tübingen. Das war nicht selbstverständlich. Vladimir Jankélévitch zum Beispiel weigerte sich, auch nur eine Zeile von einem deutschen Autor zu lesen. Wie groß die Verbrechen der Nazis waren, konnte ich damals nicht ermessen. Erst langsam merkte ich, dass die Entnazifizierung ein Scherz war. Ich arbeitete damals an Leibniz’ Monadologie und sie fasziniert mich bis heute. Die Monade, die kleinste Substanz, aber vollkommen in sich abgeschlossen, ohne Türen und Fenster. Mir ging es wie dieser Monade.

ZEIT ONLINE:  Später haben sie dieses Jahr in Berlin sogar einmal als das glücklichste Ihres Lebens bezeichnet. Wie hat Ihr Film Shoa und die Reaktionen auf den Film Ihre Sicht auf Deutschland verändert?

Lanzmann: Meine Haltung zu Deutschland veränderte sich in den letzten 60 Jahren ständig. Es war ein Auf und Ab. Zu Berlin hatte ich jedoch immer ein ganz besonderes Verhältnis: Ich mag Berlin – das Gleiche würde ich von keiner anderen deutschen Stadt sagen. Das alte Berlin, die Blockade, die Wiedervereinigung – es ist, als ob die Geschichte dieser Stadt immer wieder einen neuen Anfang verordnet hat. Als ich Shoa in Deutschland zeigte, wusste ich, dass es für die Deutschen sehr schwierig werden wird, einen solchen Film anzunehmen. Wir hatten viele Screenings. Die Kinos waren voll besetzt. Während der Vorführung waren die Zuschauer sehr angespannt. Sie hatten die Knie angezogen, man hörte keinen Mucks. Manche konnten es nicht aushalten, gingen raus, kamen wieder zurück. Die Diskussionen danach gingen oft die ganze Nacht. Ich glaube, dass Shoa ein Wendepunkt war für die Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer Geschichte. Und ich glaube, dass diese Auseinandersetzung sie sowohl emotional als auch rational berührt hat. Nicht alle von denen, die zugesehen haben, haben verstanden, aber ein großer Teil. Ich glaube, der Film hat die Sicht der Deutschen auf die Judenvernichtung stärker verändert als alle Filme zuvor.