Schriftsteller "Man muss Herz in die Seiten legen"

Der irische Beststellerautor Colum McCann beendet zurzeit seinen neuen Roman. Unser Autor hat ihn in New York besucht

Colum McCann poltert zur Tür seiner Wohnung herein. "Ich hab einen Hurrikan im Kopf!" Schweiß auf der Stirn. "Es fehlen nur noch 10 Seiten, vielleicht 15" Er meint seinen neuen Roman. "Darf ich kurz duschen, bevor wir sprechen?" In der Wartezeit gibt es Tee und Kekse (irisches Rezept). 15 Minuten später in seinem Arbeitszimmer. Eine zwielichtige Kammer, immerhin mit Fenster. Eng, nicht ungemütlich. Übervolle Bücherregale. Welche Autoren liest dieser Autor? William Kennedy, Annie Proulx und John M. Coetzee.  John Berger, Ian McEwan und Dylan Thomas. Neben Thomas steht eine Dose Raumduft-Spray "Apfel/Zimt". McCann trägt ein weißes, ungebügeltes Hemd, die obersten drei Knöpfe offen, aus seinem rechten Socken lugt ein Loch.

ZEIT ONLINE: Herr McCann, hat Ihr neuer Roman schon einen Namen?

Colum McCann:Let the great world spin – höchstwahrscheinlich.

Er zieht ein zerfleddertes Buch unter einem Stapel Papier hervor, schlägt eine Seite auf. Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt die Zwillingstürme des World Trade Centers. Zwischen ihnen balanciert auf einem Drahtseil ein Mann mit einer Stange in den Händen. Am linken oberen Rand des Fotos schwebt ein Passagier-Flugzeug.

ZEIT ONLINE: Worum geht es?

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McCann: Das hier geschah am 7. August 1974. Der Mann auf dem Drahtseil heißt Phillipe Petit. Er ging mehrmals zwischen den Türmen hin und her. Er legte sich sogar einmal hin. Ist das nicht unglaublich?

ZEIT ONLINE: 
Und das Flugzeug?

McCann: Die Perspektive täuscht: Es fliegt viel höher, aber es wirkt ...

ZEIT ONLINE: ... als fliege es in den linken Turm!

McCann: Ja. Als würde die Geschichte vorweggenommen!

ZEIT ONLINE: Ihr neuer Roman handelt also von Petit?

McCann: Nein, aber von dem Tag. Das Ereignis, der Drahtseilakt an sich, ist eines der zentralen Bilder in meinem neuen Buch.

ZEIT ONLINE: Damit ist es auch ein Buch über das World Trade Center und über den 11.9.?

McCann: Es ist so etwas wie mein Ulysses für den 11.9. Ich erzähle von einer Handvoll Figuren im Laufe des 7. August 1974. Eine Person ist ein irischer Mönch, der in der Bronx lebt. Eine andere ist eine Prostituierte, die in der Bronx arbeitet. Dann gibt es eine Mutter von der Park Avenue, deren Sohn in Vietnam ist, und ein Künstler, der in einen Unfall verwickelt wird. Sie alle sehen den Drahtseil-Artisten oder hören von ihm. Das verbindet sie miteinander. Eine sieht ihn und denkt im ersten Moment, er ist ein Engel. Ein anderer sagt: "Verdammter Idiot, spielt leichtfertig mit dem Tod!". Der Drahtseil-Mann ist eine Art mythische Figur im Zentrum des Romans.

ZEIT ONLINE: ... eine Metapher für den 11.9.?

McCann: Sobald sie das Wort World Trade Center in den Mund nehmen, reden sie automatisch über den 11.9., ob sie wollen oder nicht. Die Geschichte des Gebäudes läuft auf diesen Tag hin und führt von ihm weg. Sehen sie die Schuhe dort? (Er deutet auf ein großes, eingerahmtes SW-Foto schräg links über seinem Schreibtisch). Das sind die Schuhe meines Schwiegervaters. Das Foto entstand am 11.9. Er war im 59. Stockwerk des zweiten Turmes, aber konnte sich ins Freie retten. Ich werde nie vergessen, als er plötzlich vor uns stand: Eingehüllt in Schmutz und Staub, desorientiert und geschockt, wie ein Untoter.

ZEIT ONLINE: Einen originellen künstlerischen Ansatz zum 11.9. zu finden, erscheint schwierig.

McCann: Ja, das ist es auch. Ich wusste unmittelbar nach den Anschlägen, dass ich etwas darüber machen muss, weil es so eindrücklich und groß ist. Ich wusste aber lange Zeit nicht, was ich machen soll. Nach dem 11.9. hatte plötzlich alles eine Bedeutung: der Hydrant auf der Straße, ein kaputter Regenschirm auf der Straße. Wenn Sie ein künstlerisches Statement über diesen Tag machen wollten, konnten Sie alles und jeden benutzen. Eine Kinderzeichnung war so schön und provozierend wie ein Essay von Don DeLillo.

ZEIT ONLINE: Wie gingen Sie mit diesem Dilemma um?

McCann: Als die Anschläge passierten, steckte ich bis über beide Ohren in der Arbeit mit Zoli. Ich verbannte das Thema erst einmal in den Hinterkopf. Irgendwann ging mir auf, dass, wenn ich mich von dem Ereignis selbst fernhalte, es ein besserer Roman werden könnte. Es ist wirklich seltsam, jetzt darüber zu sprechen. Wenn ich schreibe, weiß ich oft gar nicht, was ich da tue. Manchmal dauert es ein, zwei Jahre zu verstehen, was ich geschrieben habe. Aber ich weiß, was ich schreiben will. Der Wille ist da, der künstlerische Impuls!

ZEIT ONLINE: Dann fielen Ihnen das Buch von Petit und das Foto in die Hände.

McCann: Es wirkt fast so, als würde das spätere Ereignis des 11.9. vorab gelebt. Das Foto ist eine Metapher dafür, dass fast alles bereits einmal vorab gelebt wurde. Interessant an diesem 7. August 1974 ist, dass Nixon, ein gehasster, handlungsunfähiger Präsident, zwei Tage später zurücktrat. Und dann steht die große Frage im Raum, ob und wann die Soldaten aus Vietnam zurückkehren. Nixon steht für Bush, Vietnam für den Irak. Ich hatte die Vision, das alles in einem großen Roman zu verbinden, und lang ist er wirklich geworden: 130.000 Wörter. Die ersten 95 Prozent spielen 1974, die letzten 5 im Jahr 2006.

ZEIT ONLINE: Sie strahlen ja von einem Ohr zum anderen!

McCann: Tja, was nun kommt, sagt bestimmt jeder Schriftsteller irgendwann einmal, aber ich denke, dies ist das Werk, das ich schon lange Zeit schreiben wollte! Es fühlt sicht einfach gut und richtig an. Es ist ...

ZEIT ONLINE: ... auf den Punkt gebracht?

McCann: Die Planeten kollidieren!

ZEIT ONLINE: Die Figuren in ihren Büchern sind überwiegend gewöhnliche Personen, teils aus der Arbeiterklasse, teils aus Randgruppen. Warum schreiben Sie nicht zum Beispiel über ihr Leben als Lehrer am Hunter College?

McCann: Ich mag das Leben dort, ich unterrichte gerne, ich gebe mich gerne mit Studenten ab. Aber die Vorstellung, darüber zu schreiben, ist furchtbar. Ich lebe mein Leben nicht wie ein Schriftsteller. Manche Schreiber machen das, und das ist o.k., doch es ist nichts für mich. Wenn ich hier in diesem Büro bin und in diesem Stuhl sitze und wenn ich schreibe, dann bin ich ein Schriftsteller. Wenn ich da draußen auf der Straße bin, bin ich nichts weiter als eine gewöhnliche Person. Ich sehe mich nicht als jemanden, der einen außergewöhnlichen Intellekt hat. Viele Schriftsteller denken das von sich. Ich mag das nicht. Manche sagen, die Leben von Schriftstellern sind so interessant und ihre Arbeit ist so schwierig. Aber es ist auch schwierig, ein Klempner zu sein, oder ein Tischler oder Architekt oder Polizist.

ZEIT ONLINE: Woher kommt diese Einstellung?

McCann: Zum Beispiel durch meine Frau Allison. Sie ist sehr bescheiden und bodenständig. Sie hat mir einiges beigebracht.

ZEIT ONLINE: Bescheidenheit?

McCann: Ich arbeite dran. Jedenfalls finde ich es nicht erstrebenswert, das, was ich tagsüber erlebt habe, als Schriftsteller noch einmal gewissermaßen nachzuleben. Als Schriftsteller finde ich es viel interessanter, diesen empathischen Sprung zu leben.

ZEIT ONLINE: Ist das ihr übergeordnetes Ziel als Schriftsteller, Empathie zu wecken?

McCann: In gewisser Hinsicht ja. Wenn jemand Himmel unter der Stadt liest und bemerkt, dass sich seine Einstellung zu Obdachlosen verändert, dann habe ich gute Arbeit geleistet. Wenn der Leser bemerkt, dass jene Leute, die angeblich keine Stimme haben und angeblich keinen Wert in der Geschichte, sehr wohl bedeutungsvoll sind. Die kleinen Momente in der Geschichte liegen mir am Herzen, und darum geht es auch in diesem Buch, um den Wert des kleinen Moments. Es gibt dir ein Gefühl davon, was der 11.9. bedeutet, aber es sagt dir nicht, was du zu denken hast.

ZEIT ONLINE: Verläuft hier die Grenze zwischen Ästhetik und Politik?

McCann: Vielleicht. Ich kann eine fremde Welt mit den Augen einer Roman-Figur sehen und erfahren. Das bedeutet, ich kann meinen Horizont oder den meiner Kinder erweitern. Vielleicht, mit etwas Glück, wird die Welt dadurch ein wenig besser. Sicherlich verändert Literatur die Welt nicht, aber sie lässt sich ein winziges Stück verschieben. Mit guter Literatur haben wir gewissermaßen zumindest einen Fuß in dieser Tür.

ZEIT ONLINE: Das klingt etwas naiv.

McCann: Ja, ich muss mir wohl den Vorwurf gefallen lassen, nostalgisch und sentimental zu sein, aber ich sage: zum Teufel damit! Ich sterbe lieber mit dem Herz auf der Zunge als als ein smartes Arschloch, einsam in einer Kammer. Ich bleibe dabei: Diese Geschichten sind wertvoll und sie niederzuschreiben bedeutet, Einfluss zu nehmen, sei er auch noch so gering.

ZEIT ONLINE: Früher waren sie häufig auf Achse. Heute leben Sie hier, in der reichen, gesetzten Upper East Side. Beißt sich das Milieu nicht mit Ihren literarischen Ambitionen?

McCann: Ich entschuldige mich andauernd für diese Gegend, aber eigentlich ist das Quatsch. Ich lebe ich hier, weil meine Kinder hier in der Nähe auf eine gute Schule gehen können. Der Central Park ist einen Steinwurf entfernt. Wir können ein gutes Leben führen. Ich glaube auch nicht an "method acting" in der Literatur. Ich glaube nicht, dass ich niederschreiben muss, wie ich lebe oder dass ich so leben muss wie die Figuren in meinen Romanen. Umgekehrt: Wenn ich nur noch über diesen Ort und mein Leben schreiben müsste, wäre das sehr langweilig und traurig. Ich würde das Schreiben an den Nagel hängen.

ZEIT ONLINE: Viele ihrer Figuren sind Nomaden, die im räumlichen oder psychischen Exil leben. Wie steht es um den Autor Colum McCann? Ist er jetzt angekommen, hier, als Familienvater in diesem New Yorker Appartment?

McCann: Ich reise heute immer noch – in meiner Arbeit! Es war fantastisch, als ich 21 war und mich mit dem Fahrrad aufmachte. Sehr abenteuerlich, jeden Tag etwas Neues. Heute bin ich genauso aufgeregt darüber, in diesem Roman die Stimme einer Person zu treffen, als wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs war. Auch das ist eine Form des Reisens und der Bewegung. Manchmal sitze ich hier und fühle mich wie ein anderer, und dann wird ein kleiner Zettel unten durch die Tür geschoben, auf dem steht: "Papa, wann gehen wir Fußball spielen?" Und dann tauche ich auf und denke: "Oh verdammt, ich bin ja doch keine 39-jährige Großmutter und Prostituierte in der Bronx!" Andererseits, wenn dieses Eintauchen nicht gelingt, wenn ich die Stimme nicht finde, wird es wirklich schwierig. Allison kann ein Lied davon singen. In diesen Momenten bin ich einfach unausstehlich, ein Kotzbrocken. Traurig, antriebslos –  das volle Programm.

ZEIT ONLINE: Dieses Los teilen Sie schätzungsweise mit 99 Prozent ihrer Schriftsteller-Kollegen.

McCann: Ja, es gehört wohl dazu. Am Ende eines Buches muss man erschöpft sein. Man muss sein Herz in die Seiten legen.

ZEIT ONLINE: Leiden Sie körperlich, nehmen Sie ab?

McCann: Ich wünschte es wäre so (er streichelt sich über seinen Bauch und lacht).

ZEIT ONLINE: Spielt der nächste Roman wieder in New York?

McCann: Nein, ein Teil spielt in Dublin. Die Zeit ist reif dafür, aber mehr verrate ich noch nicht!

Das Gespräch führte Peter Gaide
 

 
Leser-Kommentare
    • ToJToJ
    • 25.01.2009 um 9:07 Uhr

    mich lugt ein Loch...

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