Musikpresse Viereinhalb von sechs Sternen

Schon im Januar steht das Album des Jahres fest – "Merriweather Post Pavillion" vom Animal Collective. Außerdem im Echolot: Neues von Franz Ferdinand und Antony Hegarty

Jede Woche spiegelt das Echolot, worüber die Fanzines und Feuilletons schreiben

Jede Woche spiegelt das Echolot, worüber die Fanzines und Feuilletons schreiben

In der vergangenen Woche stellte Sebastian Reier an dieser Stelle fest, das Jahr sei bereits drei Wochen alt – und noch immer habe niemand die Platte des Jahres ausgerufen. Weit gefehlt! Ein Leser wies darauf hin, dass Tobias Rapp in der taz das Album Merriweather Post Pavillion des Animal Collective als "frühe Platte des Jahres" bezeichnete. Da war das Jahr genau zehn Tage alt. Die wichtigste Band der Welt seien sie ohnehin, zu solchen Übertreibungen greift der Kollege Rapp gerne.

Frank Sawatzki äußert im Musikexpress die Vermutung, das Album sei wohlmöglich die Blaupause des Pop im Jahr 2009. Was das genau bedeutet? "Die Zeichen mehrten sich ja zuletzt, dass das polyphone Sing- und Soundspiel der New Yorker eine große Anziehungskraft auf jenen Teil der Szene ausübt, der sich mit der Zukunftssicherung des Singer/Songwritergewerbes befasst." Wie das Kollektiv mit Tönen so wirft Sawatzki mit Worten um sich: "Aus der losen Vereinigung kriegsbemalter Environment-Musiker ist eine richtige Pop-Macht geworden", die elf neuen Lieder seien "Klatschpopkarneval" für die "globale Panoramajukebox". Dass das ein Lob ist, entnimmt man erst der Sternchenwertung Sawatzkis: viereinhalb von sechs.

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Noch eine Schippe drauf legt das britische Musikmagazin Uncut: Merriweather Post Pavillion sei nicht etwa eines der ersten großen Alben des Jahres 2009, sondern gar ein Meilenstein der amerikanischen Musik dieses Jahrhunderts. Sie sei eine Tanzplatte, getrieben von der offenkundigen Liebe zum Digitalen. Sie stecke "voller skurriler Anspielungen auf Sousas Marschmusik und Terry Rileys minimalistischen Trance". Der Rezensent Stephen Troussé schließt, die Platte ließe sich kaum überbewerten – sie klinge, "als hätte sie zu keiner anderen Zeit von einer anderen Band aufgenommen worden sein" können.

Viel Lob gilt also dem Animal Collective. Weniger euphorisch wird das neue Album der schottischen Band Franz Ferdinand aufgenommen. Den meisten Rezensenten fällt zu deren gefälligem Tanzrock wenig ein, so fabulieren sie von den Schwierigkeiten, ein gutes drittes Album zu machen. Im Stern heißt es: "Ist das nun eine Tatsache oder die Erfindung von Musik-Journalisten? Das dritte Album zu schreiben, einzuspielen und zu produzieren, soll ja ach so schwierig sein." Eric Pfeil leitet seinen Text in der FAZ ähnlich ein: "Musikkritiker befleißigen sich gerne der Behauptung, die soundsovielte Platte einer vielversprechenden Band markiere ein sogenanntes schwieriges Album in ihrer Karriere." Siehe da.

Organische Tempowechsel, magische Dynamik und hochkonzentrierte Interaktion suche man auf Tonight: Franz Ferdinand vergeblich, schreibt Christian Buss in der Berliner Zeitung. "So gerne man diese von allen zeitpolitischen Zuschreibungen befreite und doch in höchstem Maße selbstreflexive Genusssucht gut finden würde – am Ende wirkt die wie immer tiptop gekleidete Band wie ein Haufen in die Jahre gekommener Kokser, der es mit dem Schniefen ein bisschen übertrieben hat." Franz Ferdinand trieben den Hörer "in hysterischer Langeweile vor sich her".

Leser-Kommentare
    • Herr_K
    • 27.01.2009 um 16:25 Uhr

    Manchmal frage ich mich, worin der Sinn dieser Musikpresseschau liegen soll. Für Musikjournalisten gilt anscheindend a priori die Dummheitsvermutung. Während dies für einen nicht geringen Teil dieser Profession womöglich eine angemessene Arbeitshypothese sein könnte, sollte man dennoch etwas Vorsicht walten lassen.
    Warum lässt man hier Eric Pfeil ins Leere laufen? Soweit ich mich an seinen sehr guten Artikel über das FF-Album erinnern kann, hinterfragt er doch eingangs genau das Klischee vom schwierigen zweiten oder dritten Album und betreibt Metakritik.
    In dieser Kolumne wird der zitierte Satz aus dem Zusammenhang gerissen und dem Autor so ziemlich das Gegenteil dessen unterstellt, was eigentlich beabsichtigt war.

  1. Lieber Herr K,

    Zugegeben, ein gewisser Pessimismus lässt sich bei der wöchentlichen Durchsicht der Musikblätter und -Internetseiten nicht vermeiden. Abgegriffen die meisten Worte, nichtssagend viele Meinungen, korrumpiert mancher Autor.

    Eric Pfeils Text wurde nun aber nicht ganz unschuldig in Mitleidenschaft gezogen. Sein Einstieg ist schon arg öde. Dass er sich rhetorisch von solchen Journalisten distanziert, die Vermutungen über die Schwierigkeiten eines zweiten, dritten, usw. Albums anstellen, ändert daran nichts. Metakritik würde ich das schon gar nicht nennen, dazu ist es zu floskelhaft. In jedem zweiten Text über Musik liest man Sätze dieser Art: "Eigentlich muss es ja nicht mehr erwähnt werden...". Meist schließen daran lange Ausführungen über das "eigentlich" nicht Erwähnenswerte an.

    Ansonsten ist sein Artikel wirklich nicht schlecht geschrieben, folgt aber auch keiner besonders originellen Idee. Eine Nacherzählung der vergangenen fünf Bandjahre und eine kurze Einschätzung der Qualität der neuen Platte. Naja. Manche seiner Besserwisserein sind unnötig, wie kommt er etwa zu der Behauptung, es habe in diesem Jahrzehnt bislang nur zwei prägende Bands gegeben?

    Ihre prinzipielle Kritik möchte ich mir aber gerne zu Herzen nehmen und in der kommenden Woche auch mal ein paar schöne Textstellen heraussuchen. Auch wenn die wahrlich schwerer aufzustöbern sind.

    Freundlichen Gruß,
    jan kühnemund

  2. Sehr geehrter Herr Kühnemund,

    da ich selbst seit einigen Jahren musikjournalistisch arbeite, weiß ich natürlich, dass

    1. unter 'Kollegen' manchmal ein gewisser Konkurrenzkampf entbrennt, nach dem Motto: das kann ich besser schreiben als der / die; ob das jetzt bei Ihrer Kolumne ausschlaggebend ist, möchte ich nicht unterstellen. Es ist aber doch irgendwie bezeichnend, dass fast IMMER über die 'Konkurrenz' eher gestichelt wird. (Und soweit ich lese, schreibt Herr Sawatzki ja nicht nur für den MUSIKEXPRESS, sondern auch für die ZEIT. Kommt da keine Dishamronie auf?)

    2. man als ambitionierter Schreiberling IMMER originell rüberkommen will. Also müht man sich ab mit guten Formulierungen, packt Dinge, die man früher noch simpel beim Namen genannt hätte, in blumige Metaphern oder Vergleiche. Das geht vor allem dann schief, wenn man die Bemühung regelrecht mitlesen kann, übertreiben sollte man es auf jeden Fall nicht. Aber was für Alternativen bleiben einem schon übrig? Ganz auf das Niveau eines quasi-PR-Textes aus dem EMP-Katalog oder Amazon möchte man es ja auch nicht herunterbrechen.

    Glauben Sie nicht eher, dass Musikjournalismus gerade deswegen als fad und ausgelutscht empfunden wird (gerade von den Machern in diesem Metier), weil es in der Musik wirklich und ganz ehrlich nichts Neues mehr gibt seit, sagen wir, 20 Jahren?

    Ich würde gerne wissen, wie für Sie eine gute, originelle Rezension aussieht.

    Beste Grüße!

  3. Lieber C.K. Dexter,

    vielen Dank für Ihre Anregungen, die wir uns zu Herzen nehmen werden. Denn keineswegs wollen wir als vergrätzte Geschmackspolizisten wahrgenommen werden. Wir sind der Meinung, dass Musik noch nie so vielfältig und gut war, wie heute. Ob sehr viel »Neues« passiert, sei dahingestellt, aber da sind wir schon bei der Berufskrankheit der Musikjournalisten angekommen: Das ewige Herbeischreiben des Neuen, des ultimativ Besten, wird der Musik nicht gerecht.

    Monatlich gibt es tausende Musiktexte zu lesen. Daß aber tatsächlich über Musik geschrieben wird, kommt selten vor. Wo sind sie, die einfühlsamen Stücke, die das Phänomen Musik beschreiben, die an den Kern des Klangs gehen? Die einfach mal beschreiben, was man da hört. Texte, die Musik spürbar machen — Interesse wecken, der Realität die Pointe abringen. Allzu oft wird sich hinter Phrasen versteckt, die jeden zweiten Text füllen. Und dann auch irgendwann etwas leer wirken: Blaupause, grosser Wurf, Album des Jahres, Next Big Thing — kann das noch irgendwer ernst nehmen? Lange Listen an Namen werden aufgeführt — wer die Namen kennt, kann sich anhand von Referenzen ein vages Bild machen. Aber was ist mit Lesern, die sich nicht so gut auskennen? Sie werden ausgeschlossen, empfinden Bildungsrückstand. Dabei will man Musik doch vermitteln. Sich dem Kern zu nähern, erfordert viel Arbeit, die sich nur allzu selten gemacht wird.

    Das beschäftigt uns sehr, und deshalb geht's im Echolot meist kritisch zu. In unserem Tonträger-Blog http://www.zeit.de/tontra... und auf der Musikseite versuchen wir, diese Gedanken umzusetzen. Musikjournalismus muss sich entwickeln — wie alles andere auch!

    Vielen Dank und beste Grüße

    Sebastian Reier

    P.S.: Hier ist die Heizung ausgefallen, ich hoffe, daß sich nicht allzu viele Ttttipfehler eingeschlichen haben...

  4. ... muss ich Dir widersprechen, Sebastian. Der Leser, der "sich nicht so gut auskennt", hat jederzeit die Chance, Referenzen nachzuschlagen oer anzuhören -- wozu gibt's Google, Hype Machine, die entsprechenden Blogs? Musikjournalismus ist Expertensache, und es muss ja nicht immer der kleinste gemeinsame Nenner sein, der Schreiber und Leser verbindet. Außerdem darf man "dem Leser" auch etwas zutrauen, sonst wirkt sich das letztlich auch auf die Sprache aus. Schreiben/ Lesen = Interaktion, und wenn wir uns an die Zeiten der Diederichsen-Spex erinnern, kann man wohl davon ausgehen, dass irgendwann auch der letzte Leser das Wörtchen "idiosynkratisch" nachgeschlagen hatte.

    Um auf die Frage von Herrn Dexter zu kommen: Eine "gute, originelle Rezension" hat für mich ... hmm, einen Anfang, eine Mitte und eine Pointe. Und natürlich Sinn, Stil und Meinung, kurz: Lesbarkeit statt formelhaft schickem "Pop"-Gelalle oder emphatisch beliebigem Wortgeklingel à la FAS/ Rainald Goetz etc. Vor allem aber ist eine "gute Rezension" nicht opportunistisch: Nur weil Brian Wilson irgendwann mal als Genius gelabelt wurde, ist es wohl Ehrensache, mal darüber nachzudenken, was an seinem aktuelleren Oeuvre noch "genial" ist. Apropos Animal Collective: Klingt über weite Strecken wie die Beach Boys plus Elektronikgefrickel, glatter, halbintelligenter weißer Mittelstands-Sound, auf den sich offenbar die meisten einigen können -- womit wir wieder beim kleinsten gemeinsamen Nenner wären.

    Bestes,

    Sky Nonhoff

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