Arthur Bollason, PR-Chef von Iceland-Air und Autor eines Island-Reisebuchs

Am 6. Oktober 2008 befand ich mich zusammen mit meiner Familie in einem Ferienhaus im Süden Islands. Als wir uns am Nachmittag im gemütlichen "Hot-Pot" hinter dem Haus entspannen wollten, rief uns eine Freundin aus Reykjavik an und riet uns, den Fernseher einzuschalten. Als wir dies taten, hörten wir den Ministerpräsidenten des Landes an den Allmächtigen appellieren, er möge die Isländer segnen. Es war eine seltsame, fast "wagnerianische" Erfahrung, in der ländlichen Idylle, mit Blick auf einen gewaltigen Gletscher, diese Untergangsstimmung mitzuerleben. Für einen Augenblick hatte man das Gefühl, der in der nordischen Mythologie prophezeite Weltuntergang "ragnarök" hätte schon begonnen. Aber auch wenn die ersten Stunden nach dem Zusammenbruch der Banken sehr dramatisch waren, wurde bald wieder klar, dass die Bevölkerung, trotz der verheerenden Ereignisse, nicht an Resignation dachte. In vergangenen Jahrhunderten ist unsere Insel am nördlichen Rande der Welt immer wieder von Katastrophen heimgesucht worden. Und auch wenn die neue Wirtschaftskrise äußerst bedrohlich ist, habe ich keinen Zweifel daran, dass wir Isländer auch damit fertig werden.  

Zentrum der Krise: Blick auf die isländische Hauptstadt Reykjavik © ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images

Steinunn Sigurdardottir, Schriftstellerin, seit einigen Monaten in Berlin

Island befindet sich in einem Wandel, der auf eine moderne Revolution hinauslaufen wird. Man denke an eine Suppenküche im Herzen von Reykjavik, man denke an Menschen, die mit Lautsprechern durch Villenviertel fahren und ankündigen: "Schon heute 12.553 Arbeitslose – bei einer Gesamtbevölkerung von 330.000 Isländern – kommt und protestiert mit uns!" Der Anblick unseres Parlamentsgebäudes, besudelt von zerplatzten Eiern und Tomaten, einige der Fenster eingeschlagen. Was um alles in der Welt wird die Zukunft bringen vor dem Schauplatz dieser dramatischen Szenen?

Trotz des offenkundigen finanziellen Ruins und des Ansehensverlusts in der ganzen Welt gibt es aber auch deutliche Zeichen, dass der berühmt-berüchtigte isländische Überlebenswille noch existiert. Wir sind Zeuge geworden, dass Isländer in aller Öffentlichkeit über die Krise reden, wir sind Zeuge geworden von einem Brainstorming, das wir nie zuvor erlebt haben. Und in einem Land, in dem es bisher nicht üblich war, dass Politiker dem Volk zuhörten, hören sie ihm nun endlich zu. Die Regierung ist aufgelöst. Lasst uns auf einen Neubeginn hoffen.
Wir können ihn sogar schon erahnen in Gestalt einer Frau, die nun wahrscheinlich unsere Übergangsregierung leiten wird: die bisherige Sozialministerin der Sozialdemokraten Johanna Sigurdardóttir. Sie ist eine glaubwürdige und volksnahe Politikerin, die bewiesen hat, dass sie Anteilnahme zeigt, dass sie ihren Job versteht, und die im Übrigen auch eine Frau als Lebenspartnerin hat. Wir sollten diese und andere Zeichen des Fortschritts nicht vergessen in Zeiten der Krise. Für meine eigene Zukunft als Schriftstellerin bedeutet diese Krise noch mehr Unsicherheit. Und Unsicherheit gab es in diesem Beruf zuvor schon genug!

Die Autorin liest am Donnerstag, 29. Januar 2009, aus ihrem neuen Roman "Sonnenscheinpferd" im Buchhändlerkeller, Carmerstraße 1, 10623 Berlin-Charlottenburg

Zentrum der Krise: Blick auf die isländische Hauptstadt Reykjavik © ODD ANDERSEN/AFP/Getty Images

Fridrik Thor Fridriksson, Filmemacher, Reykjavik

Nachdem ich in meinem Leben 50 Filme produziert und gedreht habe , dachte ich, ich hätte genug Rücklagen, um den Rest meines Lebens einigermaßen in Annehmlichkeit und Sicherheit verbringen zu können. Am 6. Oktober 2008 wurde dieser Traum zerschlagen und ich muss mich nun mit der Tatsache abfinden, dass die Rücklagen verschwunden sind. Alles, was bleibt, ist die Notwendigkeit, mehr Filme zu prodzieren und zu drehen. Offenbar werde ich dafür wieder ganz von vorne anfangen müssen. Vom Fußballspielen weiß ich, wie es sich anfühlt, ein Außenseiter zu sein. Und die einzige Sache, die für einen Außenseiter spricht, sind sein Optimismus und sein Kampfgeist.

Karl Blöndal, stellvertretender Chefredakteur der isländischen Zeitung Morgunbladid

Der Zerfall der großen Banken hat Island wie ein Tsunami getroffen. Am 6. Oktober erschien der Premierminister auf dem Bildschirm und sagte: "Gott segne Island." Das Finanzsystem war kollabiert, die Regierung reagierte mit einem umstrittenen Notgesetz. Unser Land hat einen Schock erlitten. Äußerlich ist dennoch alles normal, die Häuser stehen unverändert, die Läden sind voll und auf der Straße ist man immer noch umringt von Range Rovers und Land Cruisers – die nun aber "Game Overs" und "Grand Losers" genannt werden.

Die Zukunft sieht düster aus, der Schuldenberg unüberwindbar, und doch ist jetzt immerhin Schluss mit dem verderbenden Einfluss des Geldes – die Oligarchie ist zu Ende. Darf man auf eine Rückkehr zu den alten Werten hoffen? Die Maßstäbe haben sich verschoben und ich hoffe, daraus wird eine gesündere Gesellschaft entstehen. Glücklicherweise habe ich immer noch Arbeit, aber die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Schon jetzt sind mehr als 12.000 Menschen ohne Job, man fürchtet, dass es am Ende des Jahres 20.000 sein werden - und die Preise steigen unerbittlich weiter. Vor uns liegen mühevolle Jahre, in denen unser Volk versuchen wird, sich aus dem Loch zu retten, das etwa 20 Menschen mit ihrer rücksichtslosen Hochstapelei ausgehoben haben. Die Insel, die vor wenigen Monaten noch die besten Lebensverhältnisse der Welt zu bieten hatte, hat sich in einen großen Schuldenknast verwandelt. Reykjavík ist nun der Ort der letzten Revolution Europas. Ich fürchte nur, dass sich am Ende nichts verändern wird.