Kino "Es ist wie in einem Frankenstein-Film"

Islands bekanntester Filmemacher Fridrik Thor Fridriksson über die Krise in seinem Land und seine Rolle als isländischer Finanzinvestor im neuen Film von Lars von Trier

ZEIT ONLINE: Herr Fridriksson, Sie sind Islands bekanntester Regisseur. In Deutschland kann man Sie gerade als Schauspieler im Kino sehen. In Lars von Triers Komödie The Boss of it all spielen Sie einen isländischen Großinvestor, der eine dänische Firma aufkaufen will. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?
 
Fridrik Thor Fridriksson: Lars ist ein guter Freund von mir, und als er mich gefragt hat, ob ich die Rolle übernehmen würde, habe ich sofort ja gesagt. Vor allem, weil sie eng verknüpft war mit dem "großen isländischen Abenteuer".

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Fridriksson: Als wir den Film 2006 gedreht haben, dachte noch ganz Island, die Wirtschaft und das Bankensystem wäre in einem sehr guten Zustand und wir würden bald ganz Dänemark aufkaufen. The Boss of it all handelt von einer Firma, die auf einem großen Schwindel aufgebaut ist. Und von Menschen, die plötzlich ihrer Illusionen beraubt werden.

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ZEIT ONLINE: Insofern ist der Film jetzt Realität geworden...

Fridriksson (lacht): Ja, für mich ist das ein Zeichen, dass Lars von Trier übersinnliche Fähigkeiten besitzt...

ZEIT ONLINE: Waren Sie selbst auch skeptisch, was die Finanzblase anging?

Fridriksson: Es ist immer einfach, nachher zu sagen, man hätte das alles schon vorher gewusst. Für mich war es immer ein Rätsel, was da eigentlich passiert. Eine Zeitlang schien es, als ob nur Business-Genies unterwegs seien. Aber nun erfährt man nach und nach, wie die Preise bei den Banken gefälscht wurden.

ZEIT ONLINE: Waren die Isländer zu arrogant?

Fridriksson: Nein, ich glaube, die Banken haben nur das gemacht, was jede Bank tun würde: expandieren. Die großen isländischen Banken wurden erst 2003 Jahren privatisiert. Im internationalen Markt hatten sie eine absolut weiße Weste. Und weil ihre Erfolgsgeschichte so blütenrein war, haben sie so viel Geld bekommen, wie sie wollten. Aber wenn du immer mehr Kredite gibst, muss das Ganze irgendwann kollabieren. Und das ist dann passiert.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich die Stimmung in Island nach dem Fast-Staatsbankrott entwickelt?

Fridriksson: Die Leute haben keine Ahnung, wie ihre Zukunft aussehen wird. Die meisten Unternehmen sind bankrott, die meisten Familien auch. Deshalb sind die Menschen auch so wütend auf die Regierung. Diese hat zwar einiges angekündigt, aber wenig umgesetzt. Nach den Protesten der letzten Tage hat die Regierung nun ihren Rücktritt erklärt, im Mai wird es Neuwahlen in Island geben.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie auch Vorteile in der Krise?

Fridriksson: Es gibt eine Menge Korruption in unserem Land. Zurzeit tauchen überall dubiose Firmen auf, die Beteiligungen an den Banken haben. Das Gute wird sein, dass die Menschen künftig viel alarmierter sein werden. Man fordert zum Beispiel eine bessere Bankenaufsicht. Aber ich glaube, es ist wie in einem Frankenstein-Film: Es ist einfach, etwas zu erschaffen, aber schwierig, es zu kontrollieren.

ZEIT ONLINE: Bedeutet dies eine Rückkehr zu den alten Werten?

Fridriksson: Ich denke, die Leute werden zu ihren Wurzeln zurückkehren, sich auf die elementaren Dinge konzentrieren. Das ist ganz gut für junge Leute, die sich bisher nie Gedanken über Geld gemacht haben und nun über jeden Penny nachdenken müssen, den sie ausgeben. Dennoch wird das ziemlich hart für sie sein. Ich denke, die so genannten alten Werte werden wieder in Mode kommen, zumindest für die nächsten fünf Jahre.

ZEIT ONLINE: Wie wirkt sich die Krise auf Sie als Filmemacher aus? Im Kulturbereich wird erfahrungsgemäß immer zuerst gespart.

Fridriksson:
Mein neuer Film Sunshine Boy , eine Dokumentation über Autismus, läuft gerade in den Kinos an und bisher war jede Vorstellung ausverkauft, insofern bin ich sehr zufrieden. Krisenzeiten haben sich früher schon fruchtbar auf die Filmindustrie ausgewirkt: Der Tonfilm entstand zum Beispiel nach der großen Weltwirtschaftskrise 1929. Außerdem werden wir in Zukunft zahllose Geschichten erzählen können. Wir werden über unsere Erfahrungen mit der Krise schreiben – Dramen und Komödien.

Die Fragen stellte Carolin Ströbele

 
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