Kino "Es ist wie in einem Frankenstein-Film"Seite 2/2
ZEIT ONLINE:
Wie hat sich die Stimmung in Island nach dem Fast-Staatsbankrott entwickelt?
Fridriksson:
Die Leute haben keine Ahnung, wie ihre Zukunft aussehen wird. Die meisten Unternehmen sind bankrott, die meisten Familien auch. Deshalb sind die Menschen auch so wütend auf die Regierung. Diese hat zwar einiges angekündigt, aber wenig umgesetzt. Nach den Protesten der letzten Tage hat die Regierung nun ihren Rücktritt erklärt, im Mai wird es Neuwahlen in Island geben.
ZEIT ONLINE:
Sehen Sie auch Vorteile in der Krise?
Fridriksson:
Es gibt eine Menge Korruption in unserem Land. Zurzeit tauchen überall dubiose Firmen auf, die Beteiligungen an den Banken haben. Das Gute wird sein, dass die Menschen künftig viel alarmierter sein werden. Man fordert zum Beispiel eine bessere Bankenaufsicht. Aber ich glaube, es ist wie in einem Frankenstein-Film: Es ist einfach, etwas zu erschaffen, aber schwierig, es zu kontrollieren.
ZEIT ONLINE:
Bedeutet dies eine Rückkehr zu den alten Werten?
Fridriksson:
Ich denke, die Leute werden zu ihren Wurzeln zurückkehren, sich auf die elementaren Dinge konzentrieren. Das ist ganz gut für junge Leute, die sich bisher nie Gedanken über Geld gemacht haben und nun über jeden Penny nachdenken müssen, den sie ausgeben. Dennoch wird das ziemlich hart für sie sein. Ich denke, die so genannten alten Werte werden wieder in Mode kommen, zumindest für die nächsten fünf Jahre.
ZEIT ONLINE:
Wie wirkt sich die Krise auf Sie als Filmemacher aus? Im Kulturbereich wird erfahrungsgemäß immer zuerst gespart.
Fridriksson:
Mein neuer Film
Sunshine Boy
, eine Dokumentation über Autismus, läuft gerade in den Kinos an und bisher war jede Vorstellung ausverkauft, insofern bin ich sehr zufrieden. Krisenzeiten haben sich früher schon fruchtbar auf die Filmindustrie ausgewirkt: Der Tonfilm entstand zum Beispiel nach der großen Weltwirtschaftskrise 1929. Außerdem werden wir in Zukunft zahllose Geschichten erzählen können. Wir werden über unsere Erfahrungen mit der Krise schreiben – Dramen und Komödien.
Die Fragen stellte Carolin Ströbele
- Datum 24.01.2009 - 15:56 Uhr
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