Island "Jetzt kommt die Wut geballt heraus"
Mit Eierwürfen und Dauerprotesten wollen die Isländer ihre Regierung zum Rücktritt zwingen. Dem Land stehen tief greifende Umwälzungen bevor – nicht nur politischer Art

© Halldor Kolbeins/AFP/Getty Images
Etwa 2000 Menschen demonstrierten am Dienstag vor dem Parlament in Reykjavik gegen die isländische Regierung
Eine wütende Menge vor dem Parlament, Eierwürfe und ein brennender Weihnachtsbaum: Wer die aktuellen Bilder aus der isländischen Hauptstadt Reykjavik sieht, denkt vielleicht an die Proteste in Athen. Zwar werfen die Demonstranten in Island mit Schneebällen statt mit Steinen. Doch ihr Zorn ist groß.
Der kollektive Wutausbruch im kleinen Land, das die Wirtschaftskrise besonders hart trifft, kommt für viele unvermutet. "Es war eine Überraschung für alle", sagt Audunn Arnórsson, Leiter der Auslandredaktion der Tageszeitung Fréttabladid . "So etwas ist hier noch nie geschehen." Die letzten Proteste gab es 1949, als Island der Nato beitrat. Umso bemerkenswerter ist jetzt die Bereitschaft zum Demonstrieren, noch dazu, wo es keine organisierte Protestbewegung gibt.
Während am Dienstag alle Welt vor dem Fernseher die Vereidigung des großen Hoffnungsträgers Barack Obama zum US-Präsidenten verfolgte, versammelten sich in Reykjavik etwa 2000 Menschen aller Altersstufen und sozialen Schichten vor dem Parlament, um ihrer Regierung klar zu machen, dass sie sie nicht mehr haben wollen. Ministerpräsident Geir Haarde von der konservativen Unabhängigkeitspartei fand sich umringt von Protestanten, die seinen Wagen mit Eiern und Schneebällen attackierten. Erst als die Polizei die wütende Menge wegdrängte, konnte der Regierungschef passieren.
Schon Anfang Dezember demonstrierten die Isländer , über den Jahreswechsel ebbten die Proteste wieder ab. "Ich glaube, viele Isländer haben sich über Weihnachten und Neujahr nach innen gewandt", sagt Karl Blöndal, stellvertretender Chefredakteur der isländischen Zeitung Morgunbladid . "Jetzt kommt die Wut geballt heraus." Über 100 Tage nachdem der Staat seine Zahlungsunfähigkeit erklärte, verlieren die Bürger die Geduld mit der großen Koalition aus Konservativen und Sozialdemokraten.
Besonders drastisch zeigen das die jüngsten Umfragen: Während die Konservativen sich im Vergleich zur letzten Befragung im Dezember noch halbwegs bei rund 24 Prozent halten konnten, brachen die Sozialdemokraten von 27 auf 16,7 Prozent ein. Überholt wurde sie von der bisher bei lediglich fünf Prozent starken Fortschrittspartei, die bisher vor allem als Agrarpartei und Königsmacher in früheren Regierungen in Erscheinung getreten war. Sie ist jetzt mit rund 17 Prozent drittstärkste Kraft. Große Gewinner sind die Linksgrünen, die mit 28,5 Prozent ihr Wahlergebnis vor knapp zwei Jahren verdoppelt haben.
Kein Wunder, sagt Blöndal, seien doch die Linksgrünen die einzige Partei, die keine politische Verantwortung für das Entstehen der Krise hat. Am unbegreiflichsten sei für viele, meint auch der Journalist Arnórsson, "dass noch kein Mensch zurückgetreten ist - weder in der Regierung, noch in der Zentralbank noch in der Bankenaufsicht." David Oddsson, ehemaliger konservativer Ministerpräsident und vom Volk einst liebevoll "König Dabbi" genannt, ist nach wie vor Zentralbankchef. Mit den Kosenamen ist es vorbei. Er solle gefälligst seinen Platz räumen, schrien ihm die Demonstranten entgegen.
Island trifft der Sturz auch deshalb so hart, weil das Land einen beispiellosen Höhenflug erlebt hat. "Noch vor 100 Jahren", sagt Blöndal, "war Island ein Armenhaus. Die vergangenen Jahrzehnte waren von einem unglaublichen Wachstum und Reichtum geprägt." Die Arbeitslosenquote der Inselrepublik mit ihren rund 320.000 Einwohnern betrug nicht einmal zwei Prozent. Jetzt rechnen Experten damit, dass sie bis Ende dieses Jahres auf rund 8 Prozent steigt. Das Bruttosozialprodukt soll um fast 10 Prozent einbrechen. Der Kurs der isländischen Krone zum Euro sank innerhalb eines Jahres um 70 Prozent.
"Die Leute haben keine Angst ums Überleben, aber um ihre Jobs", sagt Blöndal. "Mit Problemen wie Arbeitslosigkeit mussten wir uns bisher nie beschäftigen, wir hatten eine Gesellschaft voller Chancen. Und nun fragen sich die Menschen: Welche Möglichkeiten werden unsere Kinder haben? Sie wissen: Es wird die erste Generation sein, der es schlechter gehen wird als ihren Eltern."
Bisher lasteten die Versäumnisse der Regierung hauptsächlich auf den Schultern der Steuerzahler, meint Arnórsson. Zugleich bekämen die Isländer den Eindruck, ihre Regierung tue nicht genug, um der Krise Herr zu werden. So seien zum Beispiel keinerlei Kontrollmechanismen für Banken eingeführt worden. Auch fehle es an deutlichen Maßnahmen, um die Lage der verschuldeten Haushalte zu mildern.
Es seien aber nicht nur "die da oben", die den Karren in den Dreck gefahren haben, meint hingegen Morgunbladid -Vize-Chef Blöndal. "Es ist auch unsere Cliquen-Gesellschaft: die einflussreichsten Stellungen gingen an die Leute mit den 'richtigen' Beziehungen. Viele Isländer sind der Meinung, darin liege der wahre Ursprung der Krise - und sie haben es satt."
Arnórsson hält einen politischen Führungswechsel für unabdingbar. Die Stimmung im Lande sei stark gegen die jetzige Koalition. Vielleicht könne eine Übergangsregierung aus Linksgrünen und Sozialdemokraten die Lage bessern, bis es zu den wahrscheinlichen Neuwahlen komme.
Trotz allem aber scheint es, als seien die Isländer von ihrem plötzlichen Wutausbruch selbst ein wenig schockiert. Infolge der Krawalle wurden zwei Polizisten verletzt, einer liegt im Krankenhaus. Für Sonntag hat eine Gruppe nun eine Demonstration gegen Gewalt angekündigt. Die Welt ist eben doch noch ein bisschen heiler im Staate Island.
- Datum 19.02.2009 - 12:10 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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