Kunst In der Referenzhölle

Jonathan Monk stellt in seiner neuen Hamburger Ausstellung ein Kunst-Rätsel. Für dessen Lösung muss der Besucher die Frage klären, wie viel Kreativität einen Künstler ausmacht

Dass der britische Künstler Jonathan Monk, von dem zuletzt im Pariser Palais de Tokyo eine Einzelausstellung zu sehen war, ausgerechnet in einer kleinen Galerie im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, südlich der Elbe zwischen Brücken und Deichen, ausstellt, kommt einer kleinen Sensation gleich. Ein Rätsel, dessen Lösung Teil der Ausstellungsidee ist. Den Auftakt zu der vierteiligen Installation macht ein ausgestopftes Schaf, das in einem rot-weißen Rettungsring steckt. Es ist eine Paraphrase der berühmten Skulptur Monogram von Robert Rauschenberg . Der steckte schon vor 50 Jahren in New York einen Ziegenbock in einen Autoreifen. Sein Schaf im Rettungsring nennt Monk The Follower , womit er auf das Herdentriebhafte dieses Tieres anspielt. Das Nachfolger-Motiv ist Kern der künstlerischen Arbeiten Monks, der mit Vorliebe Material anderer Künstler zu seinem eigenen Material macht. Es geht ihm um Kunst über Kunst, und den Mythos von der Unnachahmlichkeit des künstlerischen Schaffens.

Monks Spitze sollen an Martin Kippenberger erinnern. Deshalb hat er sie auch "gekippt"

Monks Spitze sollen an Martin Kippenberger erinnern. Deshalb hat er sie auch "gekippt"

In der zweiten Arbeit der Wilhelmsburger Installation wird Martin Kippenbergers Serie Lieber Maler, male mir von 1981 zitiert. Monk hat einen Spitz, ein wachsames Schoßhündchen, im überdimensionierten Format porträtiert, ein Klassiker des Kitschs aus deutschen oder amerikanischen Wohnstuben, flach hingemalt in einem flauschig-spitzen Fell. Kippenberger ließ sich seinerzeit das Künstlerwunschprogramm des Publikums von einem Kinoplakatmaler erfüllen, Monk engagierte für seine Nachfolger chinesische Spezialisten der Kunstkopie, die das süße Fotomotiv gleich dreimal abliefern mussten: Oh dear painter, not again heißt es dann auch bei Monk, und er kippte das erste zusätzliche Bild für die Hängung einmal, das zweite zweimal. Gekippter Kippenberger? Rauschebärtiger Rauschenberg? Man argwöhnt ein linguistisches Rätsel, das einer etwas albern durchgehauenen Retourkutsche gleicht.

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Monk selbst folgt als singender Monkee/Monkey auf einer Schallplatte

Monk selbst folgt als singender Monkee/Monkey auf einer Schallplatte

Das kleinstes Element der Ausstellung bestätigt die Ahnung: A single slide of a single record projected over a single hole (version 1) besteht aus einem Diaprojektor, der das Bild einer Schallplatte in Originalgröße an die Wand wirft. Das Loch in der Mitte der Projektion ist ein reales Loch in der Wand und geht durch alle Mauersteine bis zur Straße hinaus. Um das Loch dreht sich eine Single von The Monkees mit ihrem Hit: (I’m Not Your) Steppin’ Stone . Die Steine der Referenzhölle fügen sich. Alle hier zitierten Künstler treten mit Tieren auf: Rauschenberg im Schafsfell, Kippenberger im Spitzplüsch und Monk selbst als Monkey, als Affe also. Letzterer ist ein Klassiker im Kompendium der Künstlermaskottchen, und beinahe so etwas wie Monks Ebenbild, weil er den Hinweis gibt auf die Kunst im Nachahmungsproblem und den Ärger, den das Nachäffen bereiten kann.

Während der bestens besuchten Vernissage gibt Jonathan Monk bereitwillig Auskunft über seine Absichten. Ja, das Schaf habe er vom urban-ländlichen Rauschenberg. Es hätte mit der Situation in Wilhelmsburg zu tun, einem Viertel, in dem die Schafe neben dem Supermarkt grasen und nachts Jugendgruppen von Polizeiwagen aus beäugt werden. Seit wenigen Jahren entwickelt es sich auch zu einer Wohnlage für Künstler, die nun dorthin trotten, gleichsam einer dem anderen folgend wie Schafe, etwas unwillig, aber von den steigenden Mietpreisen im Inneren der Großstadt vertrieben. Deshalb der Rettungsring. Die Herde der Künstler werde das Viertel mit Sicherheit aufwerten, sagt der 40-Jährige, und bald schon zu teuer machen. Tatsächlich wirkt das Schaf im Rettungsring weniger gerettet als vielmehr unglücklich eingefangen.

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