Musikbuch Rock in Sprache

Der legendäre Musikkritiker Lester Bangs lobte und beschimpfte, wen immer er wollte. Das ist heute selten im Popjournalismus. Grund genug, seine Artikel aus den Siebzigern zu lesen

"Dann singt er auch noch diese ekligen Songs über TV-Augen, Sich-wie-Dreck-Fühlen und Überhaupt-keinen-Spass-nicht-Haben, weil man halt verfickt adoleszent ist, notgeil, aber neurotisch, gelangweilt und einsam und nicht fähig, mit sich oder irgendjemand anderem zu kommunizieren. Scheiße."

So schrieb Lester Bangs 1970 über Iggy Pop. Nein, Bangs war kein Feind der Stooges, sondern einer ihrer glühendsten Verehrer. Er liebte aber nicht nur rohen Rock und rohe Worte, sondern auch John Coltrane und hatte zudem ein umfassendes Verständnis von ewiger Pubertät und ihren Verweigerungshaltungen. Er wurde 1948 in Kalifornien geboren und starb mit 33 Jahren an einer Medikamentenunverträglichkeit. Er war zuvor schwerer Trinker und Cannabis-Raucher gewesen, hatte fast alle Drogen ausprobiert.

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Der legendäre Lester Bangs war ein wilder Kritiker, der für das Rockmagazin Creem, für den Rolling Stone, Village Voice und andere Blätter schrieb. Seine Artikel wurden auch im deutschen Sounds und in der bei Rowohlt erschienenen Reihe Rock Session veröffentlicht. 

Anlässlich des 60. Geburtstags von Lester Bangs ist im Dezember das Buch Psychotische Reaktionen und heiße Luft erschienen. Der Musikkritiker Greil Marcus hatte Essays, Artikel und Texte seines Kollegen zum Rock der sechziger, siebziger und achtziger Jahre gesammelt und 1987 herausgebracht. Nun liegt der Band erstmals auf Deutsch vor.

Die Musikzeitschrift Creem "bot Lester Raum für weitschweifige Tiraden, Beschimpfungen, Verhöhnungen, Hirngespinste, Zornesausbrüche und Freudengeheul", schreibt Greil Marcus im Vorwort. "Lester pflegte eine Ästhetik freudvoller Geringschätzung, eine Liebe zum offensichtlichen Trash." Und er widmete sich der "Entmystifizierung von Superstars".

Bangs war brennender Befürworter des total subjektiven Journalismus, der den Prämissen Ehrlichkeit und Gnadenlosigkeit folgt. Er war einer der Protagonisten des von Tom Wolfe geprägten New Journalism und des Gonzo Journalism, wie Hunter S. Thompson ihn betrieb.

Leser-Kommentare
  1. 1. RoCK?

    Wer hört denn heute noch ROCK??

  2. Wer hört denn da überhaupt hin???

  3. Ich hab mal in das Lester Bangs-Buch reingeschaut.

    Nee, ist doch nicht mein Stil. Oder diese Attitüde ist einfach nur veraltet.
    Alles was laut und dreckig ist, lobt er. Er mag Krach, Lärm, Drogen aller - auch der miesen - Art, aber vor allem: er nimmt sich sehr wichtig, er schreibt andauernd über sich und wie er sich nun gerade fühlt, was knapp 40 Jahre später doch arg peinlich, überflüssig und langweilig wirkt. Jedenfalls auf mich.
    Ausgerechnet Lou Reeds "Metal Machine Music" scheint seine Lieblings-"Musik" zu sein. Dazu noch die unwichtigen "Troggs" (one hit: "Wild Thing") und noch mehr Lou Reed, immer wieder Lou Reed.
    Der 13 Seiten lange Aufsatz über Van Morrisons "Astral Weeks" ist derart unlesbar, dass ich's abgebrochen, resp. den Rest nur noch überflogen habe. Und das will was heißen, denn "Astral Weeks" ist mein Lieblings-Album meines "noch lebenden Lieblings-Sängers". Da ist mir doch Wiglaf Droste lieber, wenn DER über Van the Man schreibt.

    Ein Kapitel hat eine Überschrift, die mich natürlich sofort interessierte: "John Coltrane lebt".
    Doch was muss ich lesen? Es geht um seine eigenen, um Bangs' klägliche Versuche, Saxophon zu erlernen und zu spielen. An der Art, wie er dies offensichtlich tat (lustlos, nicht ernsthaft; er hat's auch mit anderen Instrumenten und auf ähnlich kindische Art versucht), und wie er sein Hupen und Quietschen allen Ernstes mit Albert Ayler oder Pharoa Sanders verglich, schließe ich auch auf den Charakter dieses Typen, und der ist nicht positiv oder gar charmant. Offensichtlich war er ein drogensüchtiger, selbstverliebter Chaot auf Speed.
    Das Kraftwerk-Kapitel ist ganz nett zu lesen, denn die beiden, Ralf und Florian, waren ihm wohl überlegen, sie ließen sich nicht auf Bangs ein sondern blieben ganz sie selbst. Und er merkte das (immerhin!) und hielt sich zurück. Chapeau, Ralf & Florian!

    In arte oder 3SAT lief vorgestern(?) der Film "Fear and Loathing in Las Vegas" und genau so stelle ich mir den Schreiber vor.

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