Altmeister des Pop Spät nachts bist Du gut
Seit vier Jahrzehnten macht Robert Wyatt eigenwillige Musik, die unseren Autor begeistert. Nun wurden neun seiner Alben wiederveröffentlicht: Zeit, ihm zu gratulieren
Verehrter Robert Wyatt,
wenn jemand seit vierzig Jahren wundervolle, bedeutsame Musik macht, hat man als Laudator Angst, den Kern dieses Schaffens zu verfehlen. Viel Musik will gehört werden, denn Ihr Œuvre ist mannigfaltig. Heute Nacht, bevor ich diesen Brief aufsetzte, hatte ich einen seltsamen Traum. An Details kann ich mich kaum erinnern, die Wilhelmsburger Elbseite in Hamburg ist explodiert, und danach flog ich auf einem Stuhl durch die entrücktesten Welten, die ich je gesehen habe.
Das Verstörende an solchen Träumen sind eigentlich nicht die Umstände, in denen man sich befindet, sondern die Vertrautheit, mit der man sie wahrnimmt. Dieser Traum hat mich erst verwundert, als ich wach wurde. In etwa so verhält es sich mit Ihrer Musik. Höre ich sie im richtigen Augenblick, ist es, als würde ich meinem Körper entweichen und die Welt plötzlich aus der Vogelperspektive betrachten. Doch dieses Gefühl wirkt nicht fremd, ich empfinde es als die allergrößte Selbstverständlichkeit.
Woran liegt das? Ist es ihre brüchige Stimme, die sich von Harmonie zu Harmonie hangelt und dabei fünf bis sechs Oktaven umspannt? Nah und direkt klingt sie immer, als würden Sie mir vom benachbarten Kopfkissen ins Ohr singen. Bei aller Erhabenheit Ihrer Melodien ist die Musik jedoch nicht frei von Ausbrüchen: Immer wieder werden die Melodien von dissonanten Tönen, quälenden Geräuschen überlagert. Es ist Musik von jemandem, der einmal kurz in den Todestunnel geblickt hat.
Im Jahr 1973 waren Sie auf einer Party und sind betrunken aus dem vierten Stock des Hauses gestürzt. Seitdem können Sie Ihre Beine nicht mehr bewegen. Das wünscht man niemandem – und schon gar keinem talentierten Schlagzeuger, der sie damals waren. Irgendwie haben Sie es geschafft, große Kraft aus dem Übel zu schöpfen, den Sinn im Übel zu finden. Dem Magazin Mojo beschrieben Sie den unfreiwilligen Neuanfang als "feierlichen Moment", da Sie vorher viel unglücklicher gewesen waren und durch den Unfall nichts verloren haben, das Ihnen von Wert gewesen war.
Das Krankenzimmer teilten Sie mit einem Einbrecher, der nun, ebenfalls gelähmt, auf Betrug umsatteln wollte. Wenige Jahre zuvor waren Sie aus der Jazzrockgruppe Soft Machine geschieden. Sie konzentrierten sich von nun an aufs Singen und Komponieren. Und das Ergebnis überstrahlt das Schaffen Ihrer ehemaligen Band bei Weitem. Heraus kamen Rock Bottom und die unsentimentalste Liebeserklärung an eine Frau, die es je zu hören gab, den Sea Song: "When you’re drunk I like you mostly / late at night, you’re quite alright." Das Lied handelt von Ihrer Frau Alfreda "Alfie" Benge, die alle Ihre Alben illustriert und die Texte mit Ihnen dichtet. Viele Alben und Lieder sollten folgen, keines ist an Moden orientiert, nicht einmal der prägnante Klang der Achtziger fand Einzug in Ihre Musik. Ihre Musik ist von der Zeit entkoppelt.
Auf Ihren Platten tummeln sich unterschiedlichste Musiker, meist sind sie prominent. Doch wachsen sie immer über sich hinaus: Ihr Zusammenspiel mit Mike Oldfield, Fred Frith, Brian Eno und Paul Weller klingt nach mehr als der Summe der einzelnen Teile. Freilich, wenn man auch mal Knoblauch auf die Cornflakes tut, bleibt das Leben spannend. Zuletzt nahmen Sie gar ein flottes Discostück auf, This Summer Night mit Bertrand Burgalat.
- Datum 03.02.2009 - 17:28 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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