Embryonale Stammzellen gelten als "Alleskönner". Sie können sich unter geeigneten Bedingungen in jedes beliebige Gewebe verwandeln. Mediziner hoffen, dass mit ihrer Hilfe eines Tages erkranktes oder zerstörtes Gewebe ersetzt werden kann, zum Beispiel bei der Zuckerkrankheit (Diabetes) oder der Schüttellähmung (Parkinson).

Jetzt hat die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA der Biotechnik-Firma Geron erlaubt, solche Stammzellen bei freiwilligen Versuchspersonen mit Querschnittlähmung zur Therapie einzusetzen. Das teilte das im kalifornischen Menlo ansässige Unternehmen mit.

Weil die Stammzellen aus wenige Tage alten Embryonen gewonnen werden, ist die Therapie jedoch umstritten. In den USA hatte Präsident George W. Bush die Forschungsförderung aus Bundesmitteln blockiert. Dass nun kurz nach dem Amtswechsel die Behandlung erlaubt wurde, werten Beobachter als Zeichen dafür, dass die Aufsichtsbehörde unter politischem Druck der Bush-Regierung stand und deshalb die Genehmigung bisher nicht erteilen konnte.

Bei der Untersuchung, die im Sommer beginnen soll, handelt es sich um eine Phase-1-Studie. In diesem frühen Stadium geht es darum, zu prüfen, ob die Behandlung grundsätzlich sicher ist. Es ist vorgesehen, acht bis zehn Patienten mit einer Querschnittlähmung in Höhe des Brustkorbs zu behandeln. Die Verletzung darf nur sieben bis 14 Tage zurückliegen. Ist schon mehr Zeit verstrichen, ist die Zelltherapie möglicherweise nicht mehr wirksam.

Die Patienten sollen Hüllzellen des Nervensystems bekommen, die aus embryonalen Stammzellen gezüchtet wurden. Diese Hüllzellen, Oligodendrozyten genannt, werden dorthin gespritzt, wo das aus Nervenfasern bestehende Rückenmark durchtrennt wurde. An Ort und Stelle sollen die Zellen das durchtrennte Nervenkabel reparieren, es wieder "zusammenschweißen" und einhüllen. Im Tierversuch gelang es, Lähmungen zumindest teilweise rückgängig zu machen.

Embryonale Stammzellen haben ein erhebliches Wachstumspotenzial. Deshalb neigen sie dazu, Tumoren zu bilden. Diese sind zwar nicht so gefährlich wie herkömmliche Krebstumoren, stellen aber trotzdem ein erhebliches Risiko dar. Nach Angaben von Geron ist jedoch sichergestellt, dass die injizierten Zellen kein Tumor-Risiko mehr besitzen. Außerdem müssen die Patienten Medikamente nehmen, um Abstoßungsreaktionen gegen die fremden Zellen zu unterdrücken.

Die Reaktionen der US-Wissenschaftler schwanken zwischen Hoffnung und Skepsis. So wird kritisiert, dass die Therapie möglicherweise noch nicht ausgereift sei und bei einem Fehlschlag die ganze Forschung in Misskredit bringen werde. "Das wäre ein Desaster, ein Albtraum", sagte der Stammzellforscher John Kessler von der Northwestern University.

In den vergangenen Jahren wurde zudem erfolgreich gezeigt, dass sich auch patienteneigenes Gewebe gentechnisch so umprogrammieren lässt, dass es embryonalen Stammzellen ähnelt.