Noch ragen überall nackte Stahlskelette in den Himmel, noch führen die meisten Asphaltpisten ins Nirgendwo. Doch schon in sechs Jahren soll eine knappe Autostunde von Seoul entfernt das Leben pulsieren. Ein amerikanischer Immobilienkonzern will dort die perfekte "Stadt der Städte" bauen: New Songdo . Mit einem Opernhaus, so eindrucksvoll wie das in Sydney, mit Kanälen, so malerisch wie die in Venedig, und einem Central Park, so weitläufig wie der in New York.

Mehr als 25 Milliarden Dollar investiert der Konzern in das moderne Utopia. Das südkoreanische Mammutprojekt passt in unsere Zeit, in die Ära der Metropolen oder "das Jahrtausend der Städte", wie es der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan genannt hat. Die Menschheit hat sich entschieden: gegen das Leben auf dem Land und für das in der City.

Inzwischen wohnt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Räumen, 2050 werden es voraussichtlich mehr als zwei Drittel sein. Und es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Sogwirkung der Städte nachlassen könnte. Weder in den armen Ländern des Südens, wo sie Heere von Glücklosen mit dem Versprechen einer besseren Zukunft locken. Noch in Europa, wo man sich auf die Lebensqualität der Metropolen zurückbesinnt und ihr hohes Tempo wieder schätzen lernt. Das Häuschen im Grünen kommt aus der Mode. Die Wiederentdeckung der Etagenwohnung sorgt für rasant fallende Mieten in den Speckgürteln – und lässt die anhaltende Debatte um die Pendlerpauschale in Deutschland überholt erscheinen.

Unwahrscheinlich ist es allerdings, dass sich die Lust am Stadtleben mit Städten stillen lässt, die wie New Songdo komplett am Reißbrett entstanden sind. Natürlich ist es reizvoll, in perfekt geplanten Gebäuden zu wohnen, die kaum Energie verbrauchen und ihren Strom aus Solarzellen an der Fassade gewinnen. Auch die im Hochglanzprospekt versprochenen exzellenten Schulen,
das internationale Hospital, das riesige Aquarium sowie der vom Golf-Profi angelegte 18-Loch-Kurs klingen verheißungsvoll.

Doch was eine Metropole wirklich ausmacht, lässt sich weder planen, noch entsteht es über Nacht. Es ist ihr einmaliger, über Jahrzehnte, oft Jahrhunderte gereifter Charakter: die ins Stadtbild gegossene Geschichte, der man in Berlin und Wien an jeder Ecke begegnet, die ethnische Vielfalt, die im Londoner East End vibriert, oder die Spannung zwischen Tradition und Moderne, wie sie in
Pekings Altstadt zu spüren ist. "Neue Ideen brauchen alte Gebäude", schrieb die Urbanistin Jane Jacobs.

Nicht Perfektion macht einen Ort lebenswert, sondern Authentizität. Ziemlich unbeholfen wirkt daher der Versuch der Bauherren New Songdos, die besten Elemente von Großstädten auf der ganzen Welt abzukupfern. Immerhin liegt dem aber eine richtige Annahme zugrunde: Die ideale Stadt schaut über ihre Grenzen hinaus und lernt von anderen. Nur dann meistert sie die Herausforderungen der Zukunft.