ZEIT-ONLINE-Kolumnist Andi Beck Nietzsche kennt er gutSeite 2/2
Es hätte auch DJK-SG Wasseralfingen oder SVH Königsbronn sein können. Dort begann Becks Karriere. Ein kleines Fußballfeld, ein Sportheim, zwei Umkleidekabinen und hinterm Zaun die Eltern, ob es stürmt oder schneit. Becks Eltern zogen nach Süddeutschland, als er drei war. Sie kamen aus Kemorowo (Westsibirien, steht im Diercke-Atlas) und verpassen bis heute kaum ein Spiel.
Hoffenheim, sagt Beck, war seine beste Entscheidung. Das sagt er einfach so. Und eigentlich sind das diese Standardsätze, diese Gratisantworten, die jeder Fußballer gerne sagt, und die oft so naiv und provinzmimenhaft wirken. Schließlich ist das Fußballgeschäft ein schnelles, und was mancher Spieler heute sagt, ist morgen schon Geschwätz von gestern.
Doch in Becks Stimme schwingt Begeisterung, nein: Demut. Er wirkt, als könnten kein Abstiegsplatz, keine Verlockung aus dem Ausland und keine Ersatzbank dieser Welt ihn erschüttern. Als das Angebot von Ralf Rangnick kam, war er noch in Stuttgart. Dort hat er seine Jugend im Internat verbracht, wurde Deutscher Meister, hatte in der Champions League gespielt. Hoffenheim war gerade aufgestiegen, und niemand konnte zu dieser Zeit ahnen, wie verblüffend souverän dieser Verein spielen würde.
Freiwillig zu einem Aufsteiger? "Es war das Konzept, die Arbeit mit Ralf Rangnick und alles drum herum." Wieder diese Demut. "Und es hat ja alles geklappt. Das ist das Größte", sagt Beck und grinst. Also werden Sie Meister? "Davon reden wir nie, nicht beim Training, nicht nach einem Spiel." So klingt die neue Bescheidenheit.
Wenn er eine Formel seines Erfolgs hat, dann vielleicht diese: "Qualität kommt von Qual und Leidenschaft von Leiden." Und einmal, als er monatelang verletzt darniederlag, kamen die Bücher dazu. Erst Dostojewski, dann Nietzsche, das harte Zeug, dieses existenzbohrende Zeug, "das man nicht einfach weglegt und glaubt, das Leben sei danach das Gleiche."
Die Persönlichkeit wachse an den Büchern, die man gelesen hat, sagt nicht nur der Deutschlehrer, sondern auch Andreas Beck. Auf seiner Internetseite gibt er Lesetipps an Fans, zurzeit nimmt er Das Leben ist ein Schneeball mit in den Mannschaftsbus, die Biografie von Warren Buffet, dem amerikanischen Investor. Das Leben großer Persönlichkeiten fasziniere ihn, ihr Erfolgsgeheimnis, was man von ihnen lernt. Aber auch Romane, Aphorismen, Thriller. Eigentlich, sagt er, lese er alles, zwei bis drei Bücher im Monat.
Nietzsche habe er sich nicht mehr angeschaut. Nur neulich, da sei er ihm wieder eingefallen, sagt er, da habe er gegen Franck Ribéry gespielt, und es gibt diesen Satz aus dem Zarathustra: "Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können." Manche Spieler besäßen eben dieses Chaos. Dann lacht er. "Lesen ist natürlich auch nur ein Hobby. Genauso wie die Play Station."
Hat denn Herr Löw eigentlich schon angerufen? "Bisher nicht. Aber das wäre wirklich das Größte", sagt Beck, und wieder wird seine Stimme ernst. Nachdenklichkeitsstille. "Nein, das wäre das Allergrößte."
Nur für’s Protokoll: Andreas Beck hat keine Strähnchen, und an diesem Abend fuhr er nicht in die Disco, sondern direkt zu seiner Freundin. Er trank Apfelsaftschorle.
- Datum 02.09.2009 - 16:49 Uhr
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