NS-Kriegsverbrecher "Dr. Tod" offenbar in Kairo gestorben
Der meistgesuchte NS-Kriegsverbrecher Aribert Heim soll nach Medienberichten zum Islam übergetreten und 1992 einem Krebsleiden erlegen sein. Er galt als besonders grausamer KZ-Arzt
Der zuletzt in Südamerika vermutete meistgesuchte NS-Verbrecher Aribert Heim ist schon seit mehr als 16 Jahren tot. Das hätten gemeinsame Recherchen der New York Times und des ZDF ergeben, sagte der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Elmar Theveßen am Mittwochabend. Demnach starb der als "Dr. Tod" berüchtigte frühere KZ-Arzt bereits am 10. August 1992 in Kairo an Krebs. Der Leiter des Simon-Wiesenthal-Zentrums in Jerusalem, Ephraim Zuroff, reagierte mit Skepsis auf die Berichte. Das Zentrum werde sich in den kommenden Wochen um eine Bestätigung bemühen, sagte er.
Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg kündigte für heute eine Erklärung zum Fall Aribert Heim an. Einzelheiten wurden vorab nicht mitgeteilt. Man würde den Darstellungen des ZDF und der New York Times aber nicht widersprechen, sagte ein LKA-Sprecher. Heim wurde aufgrund eines Haftbefehls des Landgerichts Baden-Baden international gesucht. Der 1914 geborene Österreicher praktizierte nach dem Krieg in Baden-Baden als Frauenarzt und ist seit 1962 auf der Flucht. Deutsche Zielfahnder verfolgten seine Spur. Mehrere Hunderttausend Euro waren als Belohnung für seine Ergreifung ausgesetzt.
Heim galt als extrem grausam. Augenzeugen berichteten, er habe aus der gegerbten Haut eines Opfers einen Lampenschirm für den Lagerkommandanten herstellen lassen. Er arbeitete als Arzt in den Konzentrationslagern Sachsenhausen (1940), Buchenwald (1941) und Mauthausen (1941). Ihm wird unter anderem vorgeworfen, in Mauthausen Hunderte Häftlinge mit tödlichen Injektionen auch direkt ins Herz umgebracht zu haben.
Der ZDF-Mitteilung zufolge war Heim zu seiner Tarnung Anfang der achtziger Jahre zum Islam konvertiert und trug seitdem den Namen Tarek Farid Hussein. Das ZDF habe eine Aktentasche von Heim gefunden, in der sich mehr als 100 Dokumente befanden. Darunter seien die Kopie eines ägyptischen Passes, Anträge auf Aufenthaltsgenehmigungen, Kontoauszüge, persönliche Briefe und medizinische Unterlagen gewesen. Danach lasse sich zweifelsfrei nachweisen, dass Hussein der gesuchte Nazi-Verbrecher war.
Die Recherchen würden auch von zahlreichen Zeugen bestätigt, unter ihnen der Sohn des Gesuchten, der in Baden-Baden lebe. "Ja, mein Vater hat in Kairo gelebt", sagte der Sohn in einem ZDF-Interview. Er habe seinen Vater Mitte der siebziger Jahre erstmals in Kairo besucht und auch nach einer Krebsoperation Anfang 1990 mehrere Monate lang gepflegt. Er habe seinen Vater auch mit den Verbrechensvorwürfen konfrontiert, die der wiederum von sich gewiesen habe. Ägyptische Freunde, Bekannte und auch der Arzt des NS-Verbrechers wussten laut ZDF nichts von dessen Vergangenheit.
Wie die Online-Ausgabe der New York Times berichtet, sei Heim in Kairo regelmäßig in die Al-Azhar-Moschee gegangen, habe in einem Kairoer Café Schokoladenkuchen gekauft und an Freunde schicken lassen und gern Süßigkeiten an die Kinder seiner Freunde verteilt. Der Hobby-Fotograf habe es aber vermieden, fotografiert zu werden.
"Oberflächlich betrachtet scheinen die Angaben seriös zu sein", sagte Ephraim Zuroff vom Wiesenthal-Zentrum. Doch die wichtigsten Beweise fehlten: "Es gibt keine Leiche und keine DNA-Tests", sagte er. "Da es eine ganze Reihe von Menschen gibt, die daran interessiert sind, uns davon zu überzeugen, dass Heim nicht mehr lebt, müssen wir auf solche Informationen mit etwas Skepsis und Vorsicht reagieren."
Heim wurde in ganz unterschiedlichen Ländern vermutet. So wurden unter anderen Dänemark und Spanien genannt. Es wurde nicht ausgeschlossen, dass er von dort nach Südamerika entkommen sei, hieß es. Das Wiesenthal-Zentrum hatte Heim zuletzt entweder in Argentinien oder Chile vermutet. Jahre zuvor war er angeblich auch in Uruguay gesichtet worden.
Noch im vergangenen Jahr war Zuroff im Rahmen der "Operation Letzte Möglichkeit" nach Argentinien und Chile gereist, um nach Hinweisen auf Heim zu suchen. Dabei führte er im argentinischen Ort Bariloche und in Puerto Montt in Chile Gespräche. Anschließend schloss er nicht aus, dass der Gesuchte, der heute 94 wäre, noch am Leben sein könnte. Auf der Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher stand Heim an erster Stelle.
- Datum 05.02.2009 - 17:21 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, dpa
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