Katholische Kirche"Die Pius-Bischöfe sollten ihr Amt niederlegen"

Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller über das Hausverbot gegen Holocaust-Leugner Williamson in seinem Bistum und was er von der Pius-Bruderschaft fordert von 

ZEIT ONLINE: Die Aufhebung der Exkommunikation des Bischofs und Holocaust-Leugners Williamson sorgt weiterhin für Proteste. Hätte Papst Benedikt das nicht vorher wissen müssen?

Bischof Gerhard Ludwig Müller: Nach außen hin trägt der Papst die Verantwortung. Doch entscheidend für eine Aufhebung ist der innere Prozess, die Arbeit der Gremien. Ich glaube nicht, dass der Papst von der Einstellung des Bischofs Williamson wusste. Papst Benedikt hat in einer großherzigen Geste die Arme geöffnet.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Wie kam es zu dieser Geste?

Müller: Den Papst erreichte eine dringende Bitte der Pius-Bruderschaft, die Exkommunikation aufzuheben. Es war von ihm ein großzügiger Akt, der randständigen Gruppe die Hände zu reichen. Der Papst hat damit keinesfalls eine Zustimmung zum Antisemitismus von Williamson oder anderen Mitgliedern der Pius-Bruderschaft signalisiert. Ihre Äußerungen weichen von den Grundsätzen der katholischen Kirche ab.

ZEIT ONLINE : Dennoch stehen die katholische Kirche und der Papst nun schlecht da, weil ein Holocaust-Leugner rehabilitiert scheint ...

Müller: Christus hat die Menschen nicht erlöst und die Glaubensgemeinschaft der Christen gegründet, damit wir heute andere Religionen diskriminieren. Die Aussagen von Williamson sind unhaltbar und stellen keine Meinung dar, die ein wahrer Katholik vertreten kann. Solche Äußerungen müssen mit aller Entschiedenheit zurückgewiesen werden. Zudem kann von einer Rehabilitierung nicht die Rede sein ...

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Müller: Die Bischöfe und Priester sind nicht rehabilitiert, der Papst ist lediglich ihrem Wunsch nachgekommen, die Exkommunikation aufzuheben. Nun muss geprüft werden, ob sie die Anforderungen, welche die katholische Kirche an ihre Priester stellt, auch erfüllen.

ZEIT ONLINE : Reicht der Tadel für Bischof Williamson aus, den der Generalsuperior der Pius-Bruderschaft ausgesprochen hat?

Leserkommentare
  1. Endlich liest man hier mal etwas, was die eigentlichen innerkirchlichen Vorgänge, die stattgefunden haben, erhellt! Schon steht die Sache in einem anderen Licht da.

  2. Herr Ratzinger kann einem schon fast leid tun. Er scheint seinem Amt und seiner Verantwortung für die kath. Kirche, nun wirklich nicht mehr gewachsen. Von einem ein Fettnäpfchen tappt er ins andere und wird das Faß so irgendwann zum Überlauf bringen.

    Es ist auch nicht mehr zu verbergen, dass er mittlerweile so schwer angeschlagen und im Ansehen geschwächt wird, dass es sehr schwer sein wird, sich von dieser Wertminderung und dem glaubwürdigkeitsschwund wieder zu erholen. Mit fraglichen Dingen verspielt er Ansehen und Glaubwürdigkeit und von Unfehlbarkeit kann da wohl kaum noch die Rede sein.

    Ein Nachdenken über seine Ablösung, wie es von führenden Theologen mittlerweile gefordert wird ist nicht mehr voll auszuschließen und könnte, zur Vermeidung von noch größerem Schaden für unsere kath Kirche, vielleicht sogar der richtige Weg sein.

    So kann sogar darüber spekuliert werden, ob nicht ganz normale Alterserscheinungen oder vielleicht sogar Alterdemenz ihm zu schaffen machen und ihn zu derartigen Mißgeschicken treiben, die ihm, seinem Ansehen, dem Amt und der kath. Kirche insgesamt, auf Dauer und je länger er das Amt noch inne hat, nur noch schaden.

    Josef Berens
    (als einfacher, denkender Katholik)

  3. Herr Ratzinger scheint seinem Amt nicht mehr gewachsen. Mittlerweile ist er auch so schwer angeschlagen und im Ansehen geschwächt, dass es sehr schwer sein wird, sich davon wieder zu erholen. Ein Nachdenken über eine Drang zum Rücktritt könnte vielleicht der beste Weg sein. Ob es Alterserscheinung oder Altersdemenz ist die ihn zu derartigen Mißgeschicken treibt, die ihm, seinem Ansehen, und der kath. Kirche, nur noch schadet?

    Josef Berens

    • hagego
    • 03. Februar 2009 15:47 Uhr

    Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller hat Recht! Für diese rückwärtsgewandte Pius-Bruderschaft darf es m.E. keine Heimat in der Katholischen Kirche geben. Ansonsten verliert diese weltweite Institution auch weltweit weiter an Ansehen.

    Eine noch so konservative Glaubensgemeinschaft kann doch die Gedanken von Bischof Williamson - einem Holocaust-Leugner - nicht teilen! Mit solchen, gelinde gesagt, "Eskapaden", bringt sich diese Kirche, auch gegenüber der Politik, in eine Situation, die in unserer Gesellschaft kaum noch zu vermitteln ist. Was entgegnen wir denn einem jungen Neo-Nazi, der Auschwitz und die Vergasung an Millionen von Juden leugnet? Diese Menschen haben doch in Bischof Williamson einen Gleichgesinnten gefunden, auf den sie sich ab jetzt berufen werden. Unheilige (und unheilvolle) Allianz!

    Unglaublich!

    • WDK
    • 03. Februar 2009 22:01 Uhr

    In all den Diskussionen über den neuesten erzkonservativen “Patzer” des Papstes kommt mir ein wichtiger Zusammenhang zu kurz.
    Die Begnadigung des Bischofs Williamson hat nur indirekt mit dessen Leugnung des Holocaust zu tun. Der Holocaust, das ermorden von sechs Millionen Juden in extra erbauten Mordfabriken, hatte nicht religiöse sondern rein rassistische Motive, eingeleitet mit den deutschen Rassengesetzten von 1935. Kein Jude, der sich von der jüdischen Religion losgesagt hatte oder sogar zum christlichen Glauben konvertierte wurde darum vor der Vernichtung verschont.
    Die Schuld, die die christlichen Kirchen inzwischen eingestanden haben (soweit ich mich erinnere auch der Vatikan) war, dass alle damaligen Kirchenführer inc. Papst diesen erst diskriminierenden und dann ermordenden Rassenwahn stillschweigend und ohne Protest hinnahmen.
    Die Leugnung des Holocaust ist ein kleiner aber nicht unlogischer Schritt im Revisionismus der keimenden “Reformen” innerhalb der katholischen Kirche. Wenn es keinen Holocaust gab, dann muss sich auch kein Kirchenoffizieller bei den Juden für das “Wegschauen” des Vatikans damals entschuldigen. Antisemitismus wie hunderte Jahre davor kann weiterhin damit begründetwerden, dass die Juden Jesus ermordet haben. Anti-Islamismus wird damit gerechtfertigt, dass sich die Moslems einfach nicht von den Christen missionieren lassen wollen. Und wieder zurück zur Messe in Latein, zurück zur gott-gewollten Rolle der Frau als Mutter und Magd.
    Ich glaube nicht, dass Herr Ratzinger aus alters-senilen Gründen diese Pius-Brüder begnadigt hat. Es riecht eher nach brillianter Taktik. Zeigt er mit seinem kalkulierten Akt nicht, dass er es leid war, wie die Pius-Brüder mit ihren radikal-revisionistischen Gedankengut von seinen eigenen Kardinälen und Bischöfen nicht mehr für voll genommen wurden ?
    Ich warte auf den Tag, an dem Herr Ratzinger all die Bischöfe “begnadigt”, die in Lateinamerika exkommuniziert wurden, nur weil sie “Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit” für die Gemeinschaft ihrer Glaubenden forderten.

    • Kometa
    • 04. Februar 2009 6:44 Uhr

    Nil admirari!

    Nil mortalibus ardui est:
    caelum ipsum petimus stultitia neque
    per nostrum patimur scelus
    iracunda Pontificem ponere fulmina.

    (Ad usque verbum juxtum praesentem, ex Carmen XIII von Quintus Horatius Flaccus, poeta)

  4. Also diese Aussagen kommen mir doch schon reichlich gehässig vor. Hier werden unbegründet Aussagen gemacht und damit nicht eine Einigung, sondern eine Vernichtung eines "Störfaktors" angestrebt. Allein schon die Tatsache, dass er versucht, die antisemitischen Ansichten von einer Einzelperson auf das ganze zu übertragen, sollte einem Menschen mit funktionierendem Verstand doch komisch vorkommen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mit den Einlassungen vieler Bischöfe wie auch Lehmann, Theologen wie Küng und Politiker wie auch Merkel, dann dürfen Sie ruhig anerkennen, dass man den Sachverhalt durchaus kontrovers diskutiert, aber mehrheitlich doch sehr kritisch gegen den Papst und dessen jüngste Entscheidungen (Karfreitagsgebet, Auschwitzrede, wo er behauptet, "eine Schar von Verbrechern" habe das Volk "verführt", Williamson) eingestellt ist. Zu Recht! Denn der Papst als Vertreter Gottes auf Erden, der sogar behauptet, NUR die Kath. Kirche sei einzige berechtigte Nachfolgerin Christi, der also den Absolutheitsanspruch des Papstwesens wieder mehr als je zuvor über den Symbolgehalt erheben will auf einen absoluten Wahrheitsanspruch, ein solcher Papst hat die Moderne, die mit der Erklärung «Nostra aetate» des Zweiten Vatikanischen Konzils, in der eine positive Einstellung zum Judentum festgehalten ist, noch nicht erreicht.

    Das größte Hindernis für den Einstieg in die Moderne verbaut sich die Vatikangesellschaft mehr mehr durch ihre verintellektualisierte dogmatisch strukturierte Bearbeitung des Glaubens. Durch Ratzinger bekam die theoretische Seite der Theologie zu viel Bedeutung und der Glaube des Herzens, wie ihn sein Vorgänger nicht nur predigte sondern auch praktizierte, kommt bei ihm gar nicht mehr vor. Alles nur Gerede, ohne Bezug zum menschlichen Wesen oder auch zum Ganzen der Welt, zu der auch die Politik gehört, und den Bezug zu einem "gütigen und vernünftigen Gott" sucht man im Handeln und Entscheiden des Papstes vergebens; denn des Benedikts Güte ist geleitet von einer enormen Selbsterhöhung und Selbstüberschätzung eines absolutistisch denkenden Menschen. Eine göttliche, wahre Inspiration sucht man vergebens dabei.

    Aus diesem Grunde ist die Kritik gegen den Papst berechtigt. Der eigentliche Glaube der Katholiken aber sollte darunter nicht leiden.

    Die "Wir-sind-Papst"-Euphorie entpuppte sich als massenpsychologisches Phänomen gutglaubiger (negativ ausgedrückt: verblendeter) Heilssucher. Nun allmählich kehrt man zur Nüchternheit zurück. Und das ist gut so. Es zeigt diese momentane Lage des Vatikans und die Stimmung in der Welt aber auch, dass es zumindest für die Deutschen ganz gut wäre, in der realen Politik sich mit der Euphorie - wie sie in den USA bzgl Obama demonstriert wurde - zurückzuhalten und bei Wahlen besser die Vernunft und den kritischen Verstand einzusetzen.

  5. mit den Einlassungen vieler Bischöfe wie auch Lehmann, Theologen wie Küng und Politiker wie auch Merkel, dann dürfen Sie ruhig anerkennen, dass man den Sachverhalt durchaus kontrovers diskutiert, aber mehrheitlich doch sehr kritisch gegen den Papst und dessen jüngste Entscheidungen (Karfreitagsgebet, Auschwitzrede, wo er behauptet, "eine Schar von Verbrechern" habe das Volk "verführt", Williamson) eingestellt ist. Zu Recht! Denn der Papst als Vertreter Gottes auf Erden, der sogar behauptet, NUR die Kath. Kirche sei einzige berechtigte Nachfolgerin Christi, der also den Absolutheitsanspruch des Papstwesens wieder mehr als je zuvor über den Symbolgehalt erheben will auf einen absoluten Wahrheitsanspruch, ein solcher Papst hat die Moderne, die mit der Erklärung «Nostra aetate» des Zweiten Vatikanischen Konzils, in der eine positive Einstellung zum Judentum festgehalten ist, noch nicht erreicht.

    Das größte Hindernis für den Einstieg in die Moderne verbaut sich die Vatikangesellschaft mehr mehr durch ihre verintellektualisierte dogmatisch strukturierte Bearbeitung des Glaubens. Durch Ratzinger bekam die theoretische Seite der Theologie zu viel Bedeutung und der Glaube des Herzens, wie ihn sein Vorgänger nicht nur predigte sondern auch praktizierte, kommt bei ihm gar nicht mehr vor. Alles nur Gerede, ohne Bezug zum menschlichen Wesen oder auch zum Ganzen der Welt, zu der auch die Politik gehört, und den Bezug zu einem "gütigen und vernünftigen Gott" sucht man im Handeln und Entscheiden des Papstes vergebens; denn des Benedikts Güte ist geleitet von einer enormen Selbsterhöhung und Selbstüberschätzung eines absolutistisch denkenden Menschen. Eine göttliche, wahre Inspiration sucht man vergebens dabei.

    Aus diesem Grunde ist die Kritik gegen den Papst berechtigt. Der eigentliche Glaube der Katholiken aber sollte darunter nicht leiden.

    Die "Wir-sind-Papst"-Euphorie entpuppte sich als massenpsychologisches Phänomen gutglaubiger (negativ ausgedrückt: verblendeter) Heilssucher. Nun allmählich kehrt man zur Nüchternheit zurück. Und das ist gut so. Es zeigt diese momentane Lage des Vatikans und die Stimmung in der Welt aber auch, dass es zumindest für die Deutschen ganz gut wäre, in der realen Politik sich mit der Euphorie - wie sie in den USA bzgl Obama demonstriert wurde - zurückzuhalten und bei Wahlen besser die Vernunft und den kritischen Verstand einzusetzen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich finde es nun mal nicht richtig die zweifellos wohlüberlegten Handlungen des Papstes so niederzumachen, nur weil sie nicht mit gewissen geistigen Strömungen übereinstimmen. Als Papst ist er primär für das Heil der Seelen zuständig, und das hat sich seit Gründung der Kirche nicht geändert. Geistige Strömungen sind zeitabhängig. Folglich kann es schon mal passieren, das wir ihn nicht verstehen. Das liegt aber nur daran das er versucht das Richtige zu tun ungeachtet aller Ideen oder Theorien die gerade die Welt beeinflussen. Vielleicht sollten wir das Ergebnis betrachten und nicht die momentanen Auswirkungen, denn gerade die Medienwelt beruhigt sich schnell (Bestes Beispiel:"Wir-sind-Papst"-Euphorie).

Service