Reiseliteratur Der Krieg im Nebensatz

Wie sieht's aus in Belgrad? In "Keine weiße Stadt" erschaffen Luise Donschen und Felix-Sören Meyer ein beeindruckendes Bild der Bewohner und ihrer Geschichten

Alltag in Belgrad: Eine Stadt zwischen Chaos, Moderne und alten Geschichten

Alltag in Belgrad: Eine Stadt zwischen Chaos, Moderne und alten Geschichten

Ein paar Bilder sind schon da. Grün leuchtet der Nachtsichtgeräthimmel. Nato-Kampfflugzeuge fliegen ihre Angriffe auf Belgrad. Bomben flimmern herunter auf Schatten, als seien sie nur Licht oder Feuerwerk. So sah Krieg im Fernsehen aus, 1999 auf der ganzen Welt. Dazu kommen die neuen Bilder, einige Jahre später. Leseprobe, Lonely Planet Best of Belgrad: "Eine Stadt mit einer unwiderstehlichen Energie." Profan wie eine Postwurfsendung klingt die Reiseführersprache: hinfahren, harten Euro ausgeben, tanzen in Ruinen, Partys wie in New York.

So, und jetzt: Was wissen wir eigentlich über diese Stadt? Da ist unsere Erinnerung, da sind die Reiseberichte, die Kriegsschrecken und die Touristenattraktionen. Sie bilden den Rahmen. In ihm liegt ein schwarzes Loch und darin wohnen die Menschen, die Belgrader. Die Autorin Luise Donschen und der Fotograf Felix-Sören Meyer haben hineingeschaut, anderthalb Jahre lang. Keine weiße Stadt heißt ihr Reportageband – Reportage sowohl in Bild als auch Text. Seitenzahl: 395, zweisprachig, Deutsch und Serbokroatisch.

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Dort treffen wir Künstler, einen Priester, eine Bäckerin, ein junges Mädchen. Zehn Menschen unterschiedlichen Alters haben die Autoren besucht. Unter ihnen ist auch Rambo Amadeus, der Erfinder des "Turbo-Folk", und wir steigen mit ihm auf die Dächer der Stadt. Sein Name collagiert Serbiens Geschichte, die alte – und auch die jüngste. Von dieser kann er erzählen. Während er die Bühnen im Land bereiste, wurden "Tuzla und Dubrovnik bombardiert".

Wenige Seiten später sagt er: "Milošević war nicht der Grund des Übels", es sei die Balkanmentalität. Die Autorin lässt es stehen, lässt solche Sätze hallen. Sie kommentiert nicht, sie zeigt vielmehr, leitet den Leser durchs Gewirr der Straßen und Stimmen, kenntnisreich und detailliert. Manchmal bloß, da ist sich Donschen selbst im Weg, verbaut ihr "Ich" die Weiterreise und die Sätze holpern über Belgrads Straßen.

Nicht lange, dann hört man plötzlich mehr Belgrad, als man sieht. Zweitakter husten, Gebrumm, Gedröhn, hier trifft sich "was Räder und Beine hat", die Hochhäuser schieben sich heran. Eine alte Frau sieht auf die Stadt und erzählt vom Zweiten Weltkrieg, vom Bombenhagel: "Wenn es eine kurze Pause gab, kamen die Menschen aus ihren Verstecken, jemand spielte Akkordeon und es wurde Kolo getanzt – und was für einer!"

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