Fernsehserie Gut geklaut, ist halb gewonnen

Mit "Klinik am Alex" kopiert Sat.1 die erfolgreichen amerikanischen Arztserien – und das gar nicht mal schlecht

Hart, aber herzlich: die Jung-Ärzte in der neuen Sat.1-Serie "Klinik am Alex". Hauptdarstellerin Jana Voosen und Toks Körner

Hart, aber herzlich: die Jung-Ärzte in der neuen Sat.1-Serie "Klinik am Alex". Hauptdarstellerin Jana Voosen und Toks Körner

Manchmal prallen Realität und Fiktion unmittelbar aufeinander. Während im vergangenen Herbst auf Berlins Prachtstraße Unter den Linden die größte Ärztedemonstration Deutschlands aufmarschierte , spazierte eine Querstraße weiter ein Schauspieler im weißen Kittel lässig zur Kaffee-Theke.

Seit vergangenem Sommer dreht Sat.1 im Handelszentrum an der Dorotheenstraße in Berlin-Mitte die neue Arztserie Klinik am Alex . Die Fernsehmacher wissen: Die Zeit der Halbgötter ist vorbei, heute hat man es mit gestressten Gesundheitsmanagern zu tun. Überarbeitung, Leistungsdruck und Schnellabfertigung erleben Kassenpatienten heute am eigenen Leib.

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Was heißt das also für die Fiktion? Dass eine Truppe stets gut gelaunter und engelsgleicher Ärzte und Pfleger genau so unglaubwürdig ist wie eine Krimiserie, in der sich die Kommissare permanent knuddeln. In den USA hat man sich der Realität schon lange angepasst und mit Serien wie Emergency Room und Grey’s Anatomy Rekordquoten erzielt.

Die Produktionsfirma teamWorx hat es nun übernommen, das Erfolgsrezept der sogenannten "Medicals " einmal mehr auf den deutschen Fernsehmarkt zu übertragen. TeamWorx steht sowohl für Fernseh-Großproduktionen wie Die Flucht , Dresden und Das Wunder von Berlin als auch für anspruchsvolles Kino wie Christian Petzolds Wolfsburg oder Jo Baiers Stauffenberg .

Für Klinik am Alex haben sie sich für eine schlichte, aber wirkungsvolle Strategie entschieden: eine 1:1-Kopie der US-Serie Grey’s Anatomy . Es geht um Assistenzärzte, denen ein sechsjähriger Arbeitsmarathon in einem großen Krankenhaus bevorsteht und die wissen: Nur die Besten werden es in die Chirurgie schaffen. Mittendrin befindet sich die Blondine Luisa, die schon am ersten Tag vom Oberarzt zu hören bekommt: "Chirurgie ist Macho". Das schreckt die jungen Ärztinnen allerdings wenig – wie schon im Vorbild sind in der Berliner Klinik die Frauen die härtesten Machos.

Auch im Umgang miteinander sind die Assistenzärzte nicht zimperlich. Es gibt Kämpfe: Wer darf während der OP eines Motorradfahrers dabei sein? Wer muss die Urinflaschen einsammeln? Warum sollte es anders als in Branchen sein, in denen der Konkurrenzkampf um die wenigen, begehrten Jobs immer härter wird?

Natürlich darf das Gefühl nicht fehlen, und freilich labt sich auch der Zuschauer an den raren Momenten der Nähe und Zuwendung zwischen Arzt und Patient. Natürlich auch zwischen Arzt und Ärztin. Wie in Grey’s Anatomy ist der Krankenhaus-Lift – neben der Umkleidekabine - der einzige Raum zum Flirten. Die Assistenzärztin Luisa verliert dort gleich in der ersten Folge ihr Herz an den strengen Oberarzt Stephan Roth. Das wird bestimmt kompliziert. Aber muss ja auch ein paar Staffeln lang spannend bleiben.

Klinik am Alex könnte ein weiteres Paradebeispiel dafür sein, wie Kopien amerikanischer Serien scheitern. Umso schlimmer, wenn die Hälfte der Besetzungsliste aus altbekannten Seriengesichtern besteht. Die beiden Hauptdarsteller Jana Voosen (Luisa) und Andreas Bruckner (Dr. Stephan Roth) haben eine Karriere in Verbotene Liebe und Marienhof   hinter sich.

Doch schon in der Pilotstaffel nimmt die Serie ein Tempo auf, und verspricht es auch zu halten. Die Mischung zwischen privaten Verstrickungen und medizinischen Spezialfällen ist ausgewogen. Die Special Effects der OP-Szenen gehören zu den bisher realistischsten in einer deutschen Serie.

Die Regisseure geben auch neuen Gesichtern eine Chance: wie etwa Eva-Maria Reichert als türkischstämmige Assistenzärztin Hülya Gül oder Christian von Uhlen als zurückhaltender Sunnyboy. Klinik am Alex ist bestimmt keine Fernseh-Offenbarung, aber auf jeden Fall eine professionell produzierte Unterhaltungssendung. Und das ist mehr, als man von den meisten deutschen Serien behaupten kann.

Die Pilotfolge von "Klinik am Alex" läuft heute um 22.15 Uhr auf Sat.1
 

 
Leser-Kommentare
  1. Muss diese Sendung denn wirklich hier kommentiert werden?
    Zum Fernsehen allgemein:

    Man sehe sich mal "Free Rainer" an, schaue über die schlechte Handlung hinweg und erkenne den Kern des Films: Dass, was dort als überspitzter Auswuchs abgeschmackten Fernsehens dargestellt wird, können wir heute auf allen großen Sendern schon sehen.

    Was sagen eigentlich echte Ärzte zu diesen Krankenhaus (reifen) -serien?

  2. Aber schlecht geklaut, ist voll verloren.

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