War am Ende alles vergebliche Liebesmüh? Um die Opposition auf seinen 820 Milliarden Dollar schweren Rettungsplan für die Wirtschaft einzustimmen und um vor der ersten Abstimmung so viele konservative Abgeordnete wie möglich in sein Lager hinüberzuziehen, hatte Barack Obama die Republikaner im Kongress tagelang umgarnt und umschmeichelt. Am Abend vor seiner Vereidigung lud er zu einem Festmahl für seinen Konkurrenten John McCain, in der ersten Amtswoche bat er namhafte Konservative ins Weiße Haus, er ließ seine engsten Wirtschaftsberater und seinen Stabschef werbend ausschwärmen und erstattete dem Kongress selber Besuch, um sich mit ihm grundsätzlich gewogenen republikanischen Senatoren und Abgeordneten auszutauschen.

Doch die vielen Schmeicheleinheiten halfen nicht, kein einziger republikanischer Parlamentarier stimmte am Mittwoch dem Rettungsplan zu, selbst elf Demokraten gingen von der Fahne. Obamas Abstimmungssieg (244 zu 188) ist allein der gewaltigen demokratischen Übermacht im Abgeordnetenhaus zu verdanken. So hatte sich der neue Präsident seinen Auftakt im Kongress nicht vorgestellt, schließlich ist er mit dem Versprechen angetreten, politische Gräben zuzuschütten und seine Politik auf breite, parteiübergreifende Mehrheiten zu gründen. Doch am Mittwoch blieben die alten Fronten unverrückt, standen sich Republikaner und Demokraten scheinbar wie eh und je unversöhnlich gegenüber.

Dennoch – es ist viel zu früh, von einem ersten Scheitern der neuen Versöhnungspolitik zu sprechen. Jetzt haben erst einmal die Senatoren das Wort und in ihrem Gremium verlaufen die Konfliktlinien nicht so deutlich. Gut möglich, dass sie den Rettungsplan an einigen Stellen ergänzen und ändern und so den Abgeordneten die Chance einräumen, bei einem erneuten Votum anders abzustimmen.

Außerdem steht die zweite Wochenhälfte ganz im Licht der republikanischen Erneuerung. Die Konservativen treffen sich im Washingtoner Hilton Hotel, um einen neuen Vorsitzenden zu küren und zu beraten, wie es mit ihnen in den nächsten Jahren weitergehen soll. Obamas Rettungsplan kommt da eigentlich zum falschen Zeitpunkt. Denn er rührt gewaltig am republikanischen Selbstverständnis und stellt viele liebgewonnene Glaubenssätze auf den Kopf. Schon der 700 Milliarden Dollar teure Sanierungsplan für die Finanzindustrie, noch unter George W. Bush entworfen, traf die meisten Republikaner ins Mark. Schließlich hatten sie ihrem Wahlvolk jahrzehntelang gepredigt, dass der Staat sich aus der Wirtschaft heraushalten solle, dass der Markt sich am besten selber regulieren könne, dass Regierungseinmischung nur Chaos stifte, den Verwaltungsapparat aufblähe und schnurstracks in den Sozialismus führe.

Obamas Rettungsplan stellt nun wieder die Gewissensfrage. Die meisten Republikaner lebten bislang in der Überzeugung, allein Steuersenkungen kurbelten die Wirtschaft an. Je mehr Geld der Bürger und die Unternehmen in ihrer Tasche hätten, so ihr Credo, desto mehr würden sie konsumieren und investieren, desto besser gehe es den Familien und den Betrieben. Steuergeld für die Infrastruktur, für Straßenbau und Schulreparaturen, für frühkindliche Erziehung und das Gesundheitswesen, für alternative Energiequellen und den öffentlichen Transport waren und sind für sie immer noch Ausdruck linker Verschwendungssucht und deshalb des Teufels.