Ärger um Papst Deutsche Katholiken gehen auf Distanz zum Vatikan

Die jüngsten Personalentscheidungen des Papstes haben Kopfschütteln und Kritik hervorgerufen. Auch Bischöfe zählen zu Benedikts neuen Kritikern

Der Papst unter kritischer Beobachtung

Der Papst unter kritischer Beobachtung

Eine Woche nach der Entscheidung des Papstes, den Traditionalisten und Holocaust-Leugner Richard Williamson wieder in die katholische Kirche aufzunehmen , hagelt es Kritik. Auch und gerade Würdenträger der katholischen Kirche gehen auf Distanz zu ihrem geistigen Oberhaupt. 

Zum Beispiel Hamburgs Erzbischof Werner Thissen: Er schloss sich am Montag den zahlreichen Papst-Kritikern an: "Einen Holocaust-Leugner zu rehabilitieren ist immer eine schlechte Entscheidung", sagte Thissen dem Hamburger Abendblatt .

Anzeige

Am Vorgehen des Vatikans übte der Bischof offen Kritik: "Es hätte geklärt werden müssen, was die Meinung Williamsons ist." Der Brite hatte unter anderem die Existenz von Gaskammern in den Vernichtungslagern der Nazis geleugnet. Das Verhältnis zu den Juden und zur Ökumene habe durch die Entscheidung des Papstes "faktisch Schaden erlitten", sagte Thissen. "Dass in Hinblick auf Williamson nachgearbeitet werden muss, halte ich für sicher."

Der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, forderte vom Vatikan "mehr politische Sensibilität". Bereits am Sonntag sagte Lehmann, er kenne viele Leute, "die jetzt wirklich enttäuscht sind, die auch viel auf den Papst gesetzt haben, vielleicht zu viel". Lehmann plädierte für eine konsequente Fortsetzung des jahrzehntelang betriebenen Dialogs zwischen der katholischen Kirche und den Juden. Er bat die jüdische Gemeinde, nicht "aus so einer Tatsache falsche Schlüsse zu ziehen und den Dialog aufzukündigen".

Als einer der Ersten war der Rottenburger Bischof Gebhardt Fürst auf Distanz zu Rom gegangen. Er sagte: "Es belastet mich als Bischof und als Seelsorger, dass diese Vorgänge zur äußeren und inneren Entfremdung zahlreicher Gläubiger von der Kirche, zu einem Vertrauensverlust besonders der jüdischen Schwestern und Brüder gegenüber der Kirche sowie zu einer erheblichen Störung des christlich-jüdischen Dialogs geführt haben."

Vor Fürst hatten bereits die katholischen Theologie-Professoren der Universitäten Tübingen, Freiburg und Münster Alarm geschlagen und von einem "Wendepunkt der Kirchengeschichte" gesprochen. Kritik am Vatikan übte auch der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn. "Wer die Shoah leugnet, kann nicht in seinem kirchlichen Amt rehabilitiert werden", sagte er dem österreichischen Sender ORF. Der Grazer Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann bezeichnete Benedikts Entscheidung als Teil einer “wohlüberlegten Strategie“. "Dies war kein Unfall aufgrund mangelnder Kommunikation", betonte Liebmann.

Konsequenzen zog am Wochenende der international bekannte Theologe und Ethiker Jean-Pierre Wils. Er erklärte aus Protest gegen den Papst seinen Austritt aus der katholischen Kirche. Wils sagte im Interview mit dem holländisch-katholischen Online-Magazin Katholiek Nederland : "Ich will nicht mehr mit dem anti-modernen, anti-pluralistischen und totalitären Geist dieser Kirche identifiziert werden." Die Priesterbruderschaft Pius X., der Williamson angehört, sei eine "extrem reaktionäre und zutiefst antisemitische Gruppe, die mit Diktatoren und rechtsgerichteten Regimen" sympathisiere.

Winfried Kretschmann, Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, forderte vom Papst eine Korrektur der Beschlüsse über die Wiederaufnahme der vier traditionalistischen Bischöfe in die Kirche. Benedikt habe die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche schwer beschädigt, sagte Kretschmann, der zugleich Landtags-Fraktionsvorsitzender der baden-württembergischen Grünen ist.

Die Reaktion der deutschen Bischöfe auf den Holocaust-Leugner Williamson hielt Kretschmann noch für viel zu vorsichtig. Deutschland sei von der päpstlichen Entscheidung anders betroffen als andere Länder. "Deshalb hätten die deutschen Bischöfe klar und deutlich sagen müssen, dass es sich um eine falsche Entscheidung handelt, hinter der sie nicht stehen."

Auch der künftige Bischof von Münster, Felix Genn, sagte in Essen, den Umgang mit Williamson sollten die Verantwortlichen in Rom noch einmal überdenken. Nach Ansicht des Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Prof. Hans Joachim Meyer, wird es viel Zeit brauchen, zu einem guten christlich-jüdischen Verhältnis zurückzukehren. Als eigentliches Problem sieht er jedoch die zutiefst reaktionäre Einstellung der Traditionalisten. "Da frage ich mich, wie man mit diesen Leuten zu einer Einheit der Kirche kommt".

Der Theologe Hans Küng unterstützte diese Einschätzung. Im Deutschlandradio Kultur sagte er, der Papst sei schon vor einiger Zeit auf einen reaktionären Kurs eingeschwenkt. Dieser ermögliche nur noch ultrakonservativen Leuten Zugang zum Bischofsamt. Küng kritisierte, dass sich Benedikt XVI. nicht klar zum Zweiten Vatikanischen Konzil bekannt habe.

Die italienische Piusbrüderschaft lehnte am Montag eine Stellungnahme zur Kontroverse ab. Den Mitgliedern sei untersagt, zur Presse zu sprechen, hieß es. In einem vorab veröffentlichten Interview der französischen Zeitschrift Famille Chrétienne wies der Leiter der Priesterbruderschaft, Bernard Fellay, den Vorwurf des Antisemitismus allerdings zurück: "Wir weisen jede Billigung dessen zurück, was unter Hitler geschah". In einem Brief an den Papst hatte Fellay um Verzeihung für die Leugnung des Holocaust durch Williamson gebeten: "Diese Äußerungen spiegeln in keiner Weise die Überzeugungen unserer Priesterbruderschaft wider."

Am Sonntag hatte der rehabilitierte Traditionalistenbischof Bernard Tissier de Mallerais deutlich gemacht, dass er und seine Anhänger sich nicht mit der Wiederaufnahme in die Kirche Roms zufriedengeben wollen. Der Turiner Tageszeitung La Stampa sagte er: “Wir werden unsere Positionen nicht ändern, sondern Rom bekehren." Die Bischöfe wollten "den Vatikan in ihre Richtung führen".

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service