Katholische Kirche Papst erzürnt die Weltpresse
Zeitungen im In- und Ausland beschäftigen sich mit der umstrittenen Personalpolitik Benedikt XVI. Überall hagelt es scharfe Kritik am Papst
Oh je, Benedikt. Einen solch schlechten Ruf hatte ein Oberhaupt der katholischen Kirche schon sehr lange nicht mehr. Nach der Rehabilitierung des Traditionalisten und Holocaust-Leugners Richard Williamson sorgte an diesem Wochenende eine neue Personalentscheidung für zusätzlichen Zündstoff: Der Vatikan gab die Ernennung des ultrakonservativen Priesters Gerhard Maria Wagner zum neuen Weihbischof der Diözese Linz bekannt.
Gläubige Katholiken distanzierten sich von ihrer Kirche. Christdemokratische Politiker ermahnten in Deutschland und anderen Ländern die Kirche, diese Entscheidung zu überdenken. Auch die nationale wie internationale Presse sparte nicht an Kritik, wie sich an diesem Montag wieder nachlesen lässt.
Die Münchner Abendzeitung zum Beispiel nennt den Papst einen "selbstgerechten alten Mann", einen "Reaktionär mit der unerträglichen Hybris, dass alle Nicht-Katholiken als Menschen weniger wert sind". Das Blatt kritisiert, dass Benedikt "ohne jede Not" seine umstrittenen Personalentscheidungen getroffen habe. Dabei hätte er in der Vergangenheit schon genug Schaden angerichtet, etwa mit seinem "Gerede über die minderwertige Kirche der Protestanten", mit seiner "Regensburger Rede über den unmenschlichen Islam" und nun eben mit der "Hofierung von Juden-Feinden". Angesichts eines solchen Oberhaupts brauche man sich nicht wundern, dass die Menschen vor der katholischen Kirche flüchten, so die Bilanz der Abendzeitung .
Auch die Ulmer Südwest Presse geht hart mit Benedikt ins Gericht. "Einzig und allein" er trage die Schuld. Die Richtung, in die er seine Weltkirche manövriere, behage "einer Vielzahl von Gläubigen" nicht mehr. Der Papst riskiere mit seinen "höchst umstrittenen Entscheidungen" eine "neue Abspaltung der Christenheit", fürchtet die Südwest Presse .
Die Nürnberger Nachrichten sind ebenfalls erzürnt: "Dieser Papst baut allenfalls Brücken zu rückwärts gewandten Mini-Minderheiten seiner eigenen Kirche. Und was er gegenüber anderen Religionen tut oder unterlässt, das ist bisher weniger ein Auf- als ein Abbau von Brücken. Sein Kurs führt leider eher weg von jenem Dialog der Religionen."
Die linksalternative tageszeitung spielt auf ihrer Titelseite ironisch mit der deutschen Papst-Euphorie, die vor vier Jahren weit verbreitet war, als Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt wurde. "Wir sind Papst", jubelte die BILD am 20. April 2005 überschwänglich. Die taz kontert in ihrer heutigen Schlagzeile lakonisch: "Wir sind peinlich".
Nüchterner schreibt der Mannheimer Morgen von einem Verlustgeschäft des Papstes: "Vier Bischöfe hat der Papst für die katholische Kirche gewonnen, unendlich viele Gläubige verloren." Von einem "Hauptanliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils" entferne sich der Papst immer weiter: der Aussöhnung mit anderen Religionen.
"Der Unfehlbare macht Fehler", schreibt die Nordwest-Zeitung aus Oldenburg. Der Autor bedauert die jüngsten Personalentscheidungen des Vatikans, da sie zu "überschatten drohen, was Benedikt XVI. erreicht" habe, nämlich durchaus eine neue Begeisterung für den Katholizismus in Deutschland.
Im Ausland stießen die jüngsten Entscheidungen des Vatikans ebenfalls meist auf harsche Kritik. Der liberale Wiener Standard unterstellt dem Papst methodisches Vorgehen im Porzellanzerdeppern: "Mit mittlerweile gewohnter Regelmäßigkeit schafft es Papst Benedikt XVI., andere Konfessionen zu brüskieren." Vermutlich sei keine der umstrittenen Entscheidungen Zufall oder ein Missverständnis gewesen, spekuliert der Autor. Schließlich sitze mit "dem Theologen Joseph Ratzinger einer der intelligentesten Kirchen-Köpfe" auf dem Stuhl Petri. Die Vermutung: "Ganz bewusst versucht man offensichtlich, sich deutlicher von 'Mitbewerbern' abzugrenzen, um so die eigene Identität verstärkt in den Vordergrund zu rücken."
Der niederländische Volkskrant nimmt den Papst zwar in Schutz, indem er daran erinnert, dass Benedikt seine "bedingungslose Solidarität mit den Juden betont" habe. Es gebe keinen Grund, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln, schreibt der Autor. Gleichwohl fragt er aber mit unkendem Unterton, "welchen Preis Benedikt XVI. für die Herstellung der Einheit der Kirche zu bezahlen bereit ist".
Die linksliberale spanische Tageszeitung El País hingegen ist in ihrem historischen Papst-Urteil schon gefestigt: Er habe in den vergangenen Tagen deutlich gemacht, "welchen Stempel er seiner Amtszeit aufdrücken möchte", schreibt der Autor. Nämlich: eine taktische "Annäherung an die extreme Rechte der Katholiken". Für El País ist dieses Verhalten des Papstes besorgniserregend: "Es gibt keinen größeren moralischen Relativismus, als sich den Rechtsextremen und den Holocaust-Leugnern zu beugen, nur um die Kirchenspaltung aus der Welt zu schaffen."
- Datum 08.05.2009 - 09:02 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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